Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Nekrologe — Ausstellungen

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scher Erfindungen, sind nicht mehr als ein ferner Abglanz
von dessen Oestaltenwelt. Man kann sie abziehen, und
es bleibt, wie diese Ausstellung lehrt, ein stiller und emp-
findsamer Künstler, der den Stimmungszauber einer ruhigen
Landschaft mit eigenen Mitteln im Bilde zu bannen weiß,
der auch mit ruhiger Sachlichkeit den Zügen eines mensch-
lichen Antlitzes nachzugehen versteht. In seinen Natur-
schilderungen liegt die eigentliche Stärke von Thomas
Kunst. Er hat für die Main- und Taunuslandschaften eine
Reihe von Formulierungen geschaffen, die bleiben werden.
Er hat diese seine zweite Heimat mit der gleichen Liebe
gesehen wie Leistikow seine märkischen Seen und Wälder,
und er hat wie dieser einer Landschaft ihren bildhaften
Ausdruck gegeben. Es ist schöpferische Phantasie auch in
solchem Schaffen. Und es gehört mehr bildnerische Inten-
sität dazu, einem Stück Natur das eigene Gepräge zu
leihen, als mit den Requisiten einer ererbten Romantik
Märchenbilder zu stellen. So scheint es, daß der Thoma,
der in Courbets Sphäre sein Handwerk erlernte, länger
fortwirken wird als der andere, der durch den starken Ein-
druck der Böcklinschen Kunst von seinem geraden Wege
abgelenkt wurde. Es wäre trotzdem falsch, unter diesem
Gesichtspunkt das Werk des Künstlers reinlich in zwei
Hälften zerlegen zu wollen. Auch in dem Landschafter
Thoma verleugnet sich nicht das lyrische Empfinden,
das ihn trieb, in Bildern zu dichten und zu erzählen,
und in den figuralen Kompositionen kommt nicht
immer der Beobachter und Maler zu kurz. Eine Ruhe
auf der Flucht nach Ägypten bleibt mit ihrem archaistischen
Spiel ein Stück intimer Naturschilderung. Und in den
besten Landschaftsbildern kann man es beobachten, wie
der Maler stellenweise aussetzt, weil der lyrischen Haltung
im ganzen Genüge getan schien. Man könnte in der
Definition Thoma als den künstlerischen Antipoden Trüb-
ners bezeichnen, dieser ganz Artist und bis zu einem ge-
wissen Grade Theoretiker, dem die Materie letzten Sinn
und Schönheit eines Bildes bedeutet, jener niemals Maler
bis zu dem Grade, daß ihm handwerkliche Vollendung
das Daseinsrecht des Kunstwerks zu legitimieren schien.
Unter diesem Gesichtspunkte sollte es zu denken geben,
wenn Thoma so gern als der deutscheste aller Maler ge-
priesen wird. Es ist wahr, daß Altdorfer nur ein Deutscher
sein konnte, wenn der Vergleich in aller respektvoller
Distanz gestattet ist. Aber darum sollte doch Hans Hol-
bein unvergessen bleiben, und unter den neueren neben
Thoma ein Wilhelm Leibi, dessen persönliches Verdienst
mehr und mehr in seinem sogenannten »Kreise« unter-
zugehen droht.

Der Ruhm Hans Thomas ist heut so sehr gefestigt,
daß eine ruhige Diskussion der Werte an dieser Stelle und
im engeren Kreise eines kunstverständigen Publikums nicht
der Gefahr mißverständlicher Auffassung ausgesetzt ist.
Man braucht nur, um von der Gegenseite den Maßstab
zu gewinnen, im Künstlerhause die Gedächtnisausstellung
Max Uths zu sehen, um zu empfinden, was Thomas
Künstlerschaft bedeutet, wie turmhoch er sich über das
geschäftige Talent eines geschickten Bildermalers erhebt.
Man mag sich prüfen, was von all den verschiedenartigen
Motiven Uthscher Landschaftsmalerei im Gedächtnis haftet,
wie einprägsam dagegen Thomasche Bildformulierungen
sind. Man darf sparsam sein mit dem Meistertitel, und
es ist gut, mit Superlativen zu geizen, damit sie an ihrer
Stelle auch ihren Klang bewahren. Aber man möchte sich
manchmal das komplizierte System der Rangklassen wün-
schen, das die chinesische Ästhetik geschaffen hat, um
den weiten Abstand zwischen der bedingten Anerkennung
eines wahren Künstlers und eines tüchtigen Handwerkers
nach Billigkeit zu unterscheiden. Glaser.

NEKROLOGE

Gabriel von Max f. Am 24. November starb Gabriel
von Max im Alter von 75 Jahren in München, das seit mehr
denn einem halben Jahrhundert seine zweite Heimat ge-
worden war. Man darf wohl sagen, daß der berühmte
Meister sich als Künstler schon lange überlebt hatte; ge-
hörte er doch zu jenen Münchner Malern, die in den sech-
ziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts
wirklich abgerundete Kunstwerke von hohem malerischen
Reiz schufen, in der Folgezeit aber in immer schlimmerer
Weise verflachten. Max interessierte sich schon früh für
Mystik, Spiritismus und für Anthropologie. Aber es war
ihm nicht gegeben, mit seinem Wissen und seinem halben
Gelehrtentum über das Gegenständliche wirklich hinaus-
zukommen, es unbedingt künstlerisch zu formen und
bleibende tiefe Wirkung zu erzielen. All die Darstellungen
ekstatischer, leidender Frauen aus der Welt des Glaubens,
der Literatur und des Spiritismus sind ebenso wie seine
Affenbilder mit ihren humoristisch-satirischen Tendenzen
im Grund nur auf Sensation und große Publikumswirkung
gerichtete Illustrationen, die Max von Jahr zu Jahr schlechter
komponierte und noch schlechter malte. Dazu kommt, daß
Max zu denen gehörte, bei denen der Bildtitel dem Ganzen
erst die rechte Würze verleiht.

Gabriel von Max kam am 23. August 1840 als Sohn
eines talentierten Bildhauers in Prag zur Welt, wurde mit
15 Jahren Schüler der Prager und drei Jahre später Schüler
der Wiener Akademie. 1863 kam er nach München zu
Piloty, bei dem er gleichzeitig mit Makart studierte. Seit jener
Zeit hatte Max sich in München dauernd ansässig gemacht.

Von seinen Werken seien hier die berühmtesten seiner
Glanzzeit dem Leser ins Gedächtnis gerufen: Die >Mär-
tyrerin am Kreuz« (1864), »Der Anatom« (1869), »Die
Löwenbraut« (1875); das erste in der langen Reihe der
Affenbilder: »Schmerzvergessen« (1871), der Haeckel ge-
widmete »Pithekanthropus alalus« , das »Kunstrichter-
kollegium« in der Neuen Pinakothek, die auch die für Max
nicht nur wegen der Darstellung, sondern auch wegen der
sehr kunstvollen Behandlung des weiß in weiß sehr cha-
rakteristische »Katharina von Emmerich« besitzt. Eine
Gedächtnisausstellung würde wohl zeigen, daß es ungerecht
wäre, Max nur nach den zahllosen süßlichen Frauenköpfen
zu beurteilen, mit denen der unermüdliche Künstler in
späteren Jahrzehnten den Kunstmarkt überschwemmte, son-
dern daß man in ihm doch einen Maler von Rang erkennen
muß, der sich in den siebziger Jahren mit Werken wie dem
»Sommertag« der Berliner Nationalgalerie einen festen
Platz in der Geschichte der neueren deutschen Malerei
errungen hat. a. l. m.

AUSSTELLUNGEN

Frankfurter Ausstellungen. Im August-September
veranstaltete der Kunstverein eine Ausstellung, deren Thema
ein gegenständliches war: der Taunus im Bild. Und es
war ein dankbares Thema, das die aufgewendete Mühe
reichlich lohnte. Ist es doch ungemein reizvoll zu sehen,
wie die fernere oder nähere Umgebung einer Stadt, in der
eine ununterbrochene Kunstübung zu Hause ist, auf die in
ihr ansässigen Künstler gewirkt hat und wirkt, in welcher
Weise und wie verschiedenartig der gegebene Rohstoff von
den einzelnen Zeiten und einzelnen Künstlern verarbeitet wird.

Die Ausstellung setzte gleich mit einem vollen Akkord
ein: dem auch von Bode für Elsheimer in Anspruch ge-
nommenen Bildchen des Historischen Museums (Prehn-
sches Kabinett) mit der Ansicht von Frankfurt und dem
freilich reichlich nahe gegebenen Taunus im Hintergrunde.
I Sonst ist die Ausbeute aus dem 17. und 18. Jahrhundert
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