Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang ' 1915/1Q16 Nr. 37. 9. Juni 1916

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DIE GEMÄLDE-SAMMLUNG CARL SACHS

In der Breslauer Zweigniederlassung der Dresdner
Kunsthandlung Ernst Arnold hat der Breslauer Samm-
ler Carl Sachs gegenwärtig seine Gemäldeschätze aus-
gestellt. Der Erlös des Unternehmens kommt der
Unterstützungskasse des »Nationalen Frauendienstes«
zugute. In den etwa fünfzehn Jahren, während derer
Carl Sachs der Sammlertätigkeit huldigt, hat er mit
sicherem Blick und glücklich zugreifender Hand eine
moderne Galerie zusammengebracht, deren Qualität
hohe Beachtung verdient. Er hat nie blindlings
»Namen« gekauft — wenngleich wir in der ganzen
Kollektion nur solche von bestem Klange finden —,
sondern war stets bestrebt, jedem Meister eine würdige
Vertretung durch ein vollgültiges Werk zu verschaffen.

Entwicklungsgeschichtlich muß der Rundgang bei
den Franzosen begonnen werden. An ihrem Anfange
steht der große Miniaturist Jean-Baptiste Isabey mit
dem grau in grau gemalten Bildnisse eines Mannes
aus der Revolutionszeit. Diesem folgt als Künder
einer neuen malerischen Anschauung der Romantiker
Eugene Delacroix. Von ihm besitzt Sachs eine figuren-
reiche Skizze zu dem 1824 vollendeten »Gemetzel
von Chios« der Louvre-Galerie. Adolphe Monticelli
steht mit dem gleich buntem Geschmeide funkelnden
Bilde Im Garten« unter sichtlichem Einflüsse dieses
großen Vorbildes.

In der Umgebung seines Heimatdorfes Omans
hat Gustave Courbet ein reizvolles Landschaftsmotiv
gefunden: Zwischen grün überwucherten Felsblöcken
zwängt sich ein Bach hindurch; in seinen Wellen
spiegelt sich das Himmelsblau, das von oben in diese
lauschige Einsamkeit fällt. Der >eleve de la nature«
spricht sich ferner in einem prachtvollen »Apfel-Still-
Ieben« aus, dem das fleischlose Küchenstück des
Francois Bonvin mit Hummern, Krabben und saftigen
Austern zum appetitlichen Gegenüber dient.

Besonders liebevolle Aufnahme haben in der Sachs-
schen Sammlung die klassischen Meister der fran-
zösischen Landschaft gefunden. Aus dem Barbizon-
kreise fehlt außer Corot kaum einer. Hier verdienen
neben großen Zeichnungen Theodore Rousseaus die
»Kühe auf der Weide« von Constant Troyon und
eine »Dorflandschaft« des Jules Dupre unsere Be-
wunderung.

Aus schattigem Laubgange wandelt uns Claude
Monets »Spaziergänger mit dem Sonnenschirme« ent-
gegen. Zerstreutes, die Schatten durchleuchtendes
Licht umspielt die vollplastisch wirkende Gestalt dieses
schlanken Franzosen. In Camille Pissarros großer
»Landschaft mit der Kuhhirtin« an dem von Weiden
bestandenen Bachesrande — dem igoi geschaffenen

Spätwerke eines fast Siebzigjährigen — leuchtet Wiese
und Wasser im flimmernden Sonnenlichte einer zarten
Vorfrühlingsstimmung.

Theopile Steinlens »Büglerin« und Louis Legrands
»Profil parisienne«, zwei Pastelle von leicht plakat-
artiger Wirkung, leiten hinüber zu den Virtuosen der
Zeichnung, wie Felicien Rops und Willette, zwischen
deren Arbeiten auch die farbige Vorstudie zu einer
Plastik von Auguste Rodin hängt.

Unter den deutschen Bildern ist das früheste eine
kleine Landschaft von Joseph Anton Koch. Die an-
scheinend italienische, aber mit gutdeutscher Archi-
tekturstaffage ausgestattete Gebirgsszenerie zeigt in
ihrer Skala feiner Olivtöne eine entzückende Farbig-
keit, wie sie uns bei dem koloristisch oft recht un-
erfreulichen Meister nicht allzu häufig begegnet. Ein
Spitz weg erster Güte, fast groß zu nennen für die
bescheidenen Formate dieses Kleinmeisters, ist die sei-
nem Nachlasse entstammende »Heuernte«. Das liebens-
würdige Bild gehört mit seiner kultivierten Farbengebung
und freien, lockeren Vortragsart zu jenen Arbeiten, in
denen sich Spitzweg nicht nur als der beim großen
Publikum beliebte genrehafte Humorist, sondern als
malerischer Könner von hoher Meisterschaft bekundet.
Eine ebenso glückliche Vertretung hat Hans Thoma
gefunden. Wenn schon die »Schwarzwaldlandschaft«
die ureigenste Domäne des badischen Heimatkünstlers
bildet, so ist das frühe Sachssche Exemplar vom
Jahre 1867 sicher eine der schönsten, die Thoma je
gelungen sind. Aber auch für die zu Böcklin hin-
neigende Seite seiner Kunst, die allegorischen Akt-
figuren oder Personifikationen des Naturlebens, findet
sich ein gutes Beispiel in dem 1885 entstandenen
»Meerwunder«, einer kleineren Fassung des Leipziger
Bildes. Von Hans von Marees enthält die Sammlung
neben der Rötelzeichnung eines männlichen Rücken-
aktes ein großes »Selbstbildnis« vom Jahre 1862 (aus
dem Besitze des Münchner Malers Kunde), auf dem
der blonde Kopf des Fünfundzwanzigjährigen rem-
brandtartig aus dunkelbraunem Grunde hervorleuchtet.

Die Münchner Hellmalerei wird durch Fritz
von Uhde mit drei Bildern gut repräsentiert. Zu
einer Gruppe seiner »Drei Töchter im Garten« (1898)
und dem »Bildnis seiner Tochter Anna« kommt noch
die stimmungsvolle Landschaft »Heimkehr« mit den
einsam durch das weite Flachland wandelnden, per-
spektivisch wirksam in den Raum gestaffelten Frauen
und dem letzten Abendrotschimmer am Horizonte.
Diesem Werke ließe sich Arthur Langhammers »Am
Mühlsteig« würdig anreihen.

Heinrich von Zügels großes Tierstück vom Jahre
1902 enthält ein paar seiner virtuos gemalten Kühe.
Der bekannte Farbenzusammenklang ihrer rauhen
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