Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 19. 4. Februar 1916

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EIN MENZELBUCH

Von Curt Glaser

Nach Menzels hundertjährigem Geburtstage jährt
nun sein Todestag sich zum zehnten Male, und jede
Gelegenheit, rückschauend das Lebenswerk dieses kleinen
Riesen zu überblicken, mehrt das Bewußtsein von dem
inneren Zwiespalt, der tief verborgenen Problematik
eines genialen Menschen. Vergeblich beschäftigt immer
von neuem die Frage, von welcher Seite es möglich
sein könne, sich ohne ungerechte Einseitigkeit dem
Ganzen seines Schaffens zu nahen. Denn der Re-
spekt vor der Gesamtleistung wie die unbedingte Bewun-
derung einer Fülle einzelner Schöpfungen warnt vor
einer allzu vorschnellen Ablehnung so vieler Werke,
in denen der Meister selbst gerade den eigentlichen
Inhalt seiner Lebensarbeit erblickte. Die jüngste Zeit
hat, um dieser Schwierigkeit zu entgehen, die bequeme
Formel einer Zweiteilung gefunden. Den offiziellen
Menzel der späten Jahre überließ man dem Kreise,
dem er selbst sich zugehörig fühlte, der Akademie
und der Großen Kunstausstellung, und man entdeckte
einen anderen Menzel, den jungen Menzel, in dessen
Werk man einen Vorläufer nicht seiner eigenen Zu-
kunft, sondern dessen, was er selbst später verleugnete,
des Impressionismus und der Sezessionen, fand. Die-
sem »jungen Menzel« widmete Tschudi seinen glück-
lichen Sammeleifer, Meier-Graefe ein geistreiches Buch.
Der alte Menzel dagegen wurde verleugnet oder verlästert.

Es hängt ohne Frage mit der Schwierigkeit einer
Stellungnahme zu der Gesamterscheinung der Menzel-
schen Kunst zusammen, daß in unserer Zeit, die ge-
wiß freigebig ist mit Künstlermonographien, bisher
kein ernsthafter Versuch einer historischen Würdigung
des Meisters unternommen wurde, daß erst gelegent-
lich des loo. Geburtstages ein Werk erschien, das der
Problematik des Stoffes nachzugehen wagte, nicht mehr
leichthin wertend, wie der Kritiker Meier-Graefe es
durfte, sondern vorsichtig deutend, wie es dem Willen
zu historischer Objektivität gebührt. Karl Scheffler
hat dieses lang vermißte Menzelbuch geschrieben, und
der Verlag Bruno Cassirer hat es so würdig ausge-
stattet, wie es Gelegenheit und Gegenstand geboten.
Der wesentliche Inhalt des Schefflerschen Buches ist
die Zurückführung des Rätsels der Menzelschen Kunst
auf die charakterelle Eigenart des Menschen. Wenn
Meier Graefe In den Werken des späten Menzel einen
Abfall von der Kunst dem bequemen Publikumserfolg
zu Liebe erblickte, so sieht Scheffler die Tragik des
Künstlerschicksals gerade in dem eisernen Zwang eines
mächtigen Charakters, der »durch seine besondere An-
lage gezwungen war, ein riesenhaftes Talent zuerst in
einer fast rätselhaften Weise zu entwickeln und frei

zu machen und es dann zu tyrannisieren und unfrei
zu machen.« Diese blendende Formel vom »malträ-
tierten Genie« gibt über alles bisher Gesagte hinaus
eine Lösung des Rätsels der inneren Zwiespältigkeit
in Menzels Schaffen, aber mit den Begriffen der Frei-
heit und Unfreiheit führt sie in die Deutung auch von
allem Anfang eine Wertung ein, die eine unbedingte
Parteinahme für den jungen und gegen den alten, für
den inoffiziellen und gegen den offiziellen Menzel
ebenso involviert wie Meier-Graefes leichtherziger Vor-
wurf eines wissentlichen Abfalles von dem wahren
Geiste der Kunst.

Es ist schwer, von unserer Zeit aus Menzels Werk
zu betrachten, ohne diese Ungerechtigkeit zu begehen.
Es gibt Werke Menzels, die unserem Auge unleidlich
sind trotz allen Respektes vor der Leistung, und es gibt
andere, die wir ebenso sehr bewundern wie lieben.
Vielleicht ist ein neunzigjähriges Leben an sich ein
zu weites Feld, um aus dem kurzen Abstand kaum
eines Jahrzehntes anders denn in wesentlicher Ver-
zerrung erscheinen zu können. Jedenfalls muß man
fragen, ob es billig ist, über eine Gruppe von Werken
eines bewunderten Künstlers den Stab zu brechen,
nicht weil die Meisterschaft geringer geworden wäre,
sondern weil die Konzeption unseren Begriffen künst-
lerischer Anordnung sich nicht einfügen will. So
unmittelbaren Zwang die künstlerische Forderung der
eigenen Gegenwart übt, so schwer es ist, sich im Ge-
fühle von ihr frei zu machen, so sehr gemahnt es
doch an die Willkür einer jeden normativen Ästhetik,
wenn von den »wahren Ewigkeitswerten der Kunst«
gesprochen wird, für die »ein leidenschaftliches Ringen
den Blick des Künstlers getrübt habe«.

Nicht daß dem Urteil Schefflers, das ja das All-
gemeinurteil unserer Zeit ist und sein muß, hier wider-
sprochen werden soll, aber es scheint, daß die Inter-
pretation des künstlerischen Phänomens, das der Name
Menzel bezeichnet, des wertenden Untertones hätte
entraten können. Menzel hat ganz gewiß gewußt,
was er tat, als er die Werke schuf, die unsere Zeit
hervorgezogen und mit lauter Bewunderung umgeben
hat, und er hat ebenso gewiß gewußt, was er tat, als
er sie verborgen hielt und sie »seiner Auffassung von
der Studie entsprechend gering einschätzte«. Wir
haben uns gewöhnt, in der unbedingten Autonomie
das eingeborene Recht der Kunst zu sehen. Aber
keineswegs alle Zeiten dachten so, und es ist sehr die
Frage, ob dieses absolute Selbstbestimmungsrecht auch
jedes Glück bedeutet, denn ein starker Zusammenhang
mit dem Leben ging damit der Kunst verloren. Es
ist heute üblich, im Tone des Bedauerns von den
Aufträgen zu sprechen, die Kaiser Maximilian Dürer
erteilte. Aber wir vergessen es, daß es für Dürer
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