Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Dresdner Brief

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den mehr als gooooo Einwohnern sollen sich etwa
300000 Juden befinden. Es war gerade ihr Neujahrs-
fest, und die typischen polnischen Judengestalten mit
langen Bärten, Schmachtlocken und bis auf die Füße
herabreichenden Kaftanen, sowie die vielen Judenjungen
mit kleinen runden Mützen gaben dem Straßenleben
an diesem Tage durchaus das Gepräge. Straße für
Straße waren so gut wie alle Geschäfte geschlossen.

Mit Droschke zum Stare Miasto — die Verstän-
digung mit den Kutschern ist hier wegen des Polnischen
schwieriger —, wo Nr. 31 eine Ausstellung von Kunst-
gegenständen aus Warschauer Privatbesitz statt hat,
die sehr reich an älteren polnischen Fayencen und an
polnischem Porzellan, aber im übrigen — abgesehen
noch von dem ganz interessanten alten Hause mit
hübscher Treppe und den originalen Balkenlagen an
der Decke der hohen Zimmer — nicht besonders
sehenswert ist. Weiter zur städtischen Kunstsammlung,
unter deren Gemälden sich manche recht interessante
und auch gute Stücke der deutschen und altnieder-
ländischen, wie auch der späteren holländischen und
der italienischen Schulen finden; so u. a. ein männ-
liches Bildnis zumeist in braunen und grauen Tönen
und zum Teil übermalt, angeblich und möglicherweise
von Dürer, sodann eine Verspottung Christi, nicht,
wie es in dem Katalog heißt, von Schäuffelein, sondern
wohl zweifellos von dem Meister des Meßkircher Altars
und in der Farbengebung den Donaueschinger Bildern
des Künstlers vielleicht am nächsten stehend1); eine
Grablegung etwa von Hans Baldung u. a. m.

Nach Besteigung der Kuppellaterne der Evangelisch-
lutherischen Kirche und Gang durch die Stadt erfolgte
um 11 Uhr 50 Minuten die Abreise vom Kalischer
Bahnhof nach Breslau.

* *

Damit schließe ich diese Auszüge aus meinem
Tagebuche. Denn wenn auch Breslau mit seinen reichen
Kunstschätzen in Kirchen und Museen und seiner so
ergreifenden und erhebenden Jahrhundert-Ausstellung
zur Erinnerung an die Freiheitskriege noch einen be-
deutsamen Höhepunkt der ganzen Reise bildete, so
liegt es doch außerhalb meines Themas, das sich auf
die russischen Erlebnisse und Studien beschränken
sollte. Von Russland nahm ich im Oktober 1913 den
Eindruck mit, daß sich mit den eigentlichen Gebildeten,
wie auch mit dem durchweg gutmütigen »Volke«
wohl.auskommen und in Frieden leben ließe, daß
aber eine gewisse, nicht allzu große, aber einflußreiche
Gruppe von Fanatikern und Halbgebildeten, die ich
als mindere Intelligenz bezeichnen möchte, dem wider-
strebe und entgegen arbeite. Ich halte das Gefühl,'
daß wir in Deutschland mehr als bisher bestrebt sein
sollten, eine immer weiter gehende und tiefer dringende
Verständigung zwischen den beiden großen Nachbar-
völkern herbeizuführen, und war eben im Begriff,

1) Ich machte kürzlich P. Ansgar Pöhlmann auf das
Bild aufmerksam, der die Frage wohl gelegentlich näher
prüfen wird. Er teilte mir übrigens seinerseits mit, daß
zwei Verspottungsbilder des Meisters von Meßkirch bisher
als verschollen gelten.

einer der beiden Vereinigungen, die sich zu diesem
Zwecke gebildet hatten2), beizutreten, als der Krieg
ausbrach, den wir nun hoffentlich als das reinigende
Gewitter oder richtiger noch als ein den Körper Europas
schüttelndes Fieber betrachten dürfen, ein Fieber, aus
dem wohl auch die Unterliegenden mit Aussicht auf
völlige Gesundung hervorgehen werden: Frankreich
geheilt von seinem nun schon mehr denn hundert
Jahre nicht mehr begründeten Hochmut und erlöst
von der perversen Verbindung mit dem Zarenreiche,
Italien genesen von der Massensuggestion, von der es
befallen ist, England auf der Besserung von seiner
nun freilich seit Jahrhunderten ausgebildeten insularen
Moral, aus der letzten Grundes seine Anmaßung und
Überheblichkeit entspringen, und Rußland befreit von
der verderblichen Herrschaft der minderen Intelligenz.

DRESDNER BRIEF

Der Sächsische Kunstverein ist, seitdem Geh.
Rat Dr. Scheicher den Vorsitz übernommen hat, in
entschiedenem Aufblühen begriffen. In letzter Zeit
sahen wir außer einer Gesamtausstellung des Münchener
Bildhauers Fritz Behn namentlich eine umfangreiche
glänzende Ausstellung der Zeichnungen und Aquarelle,
die der Dresdner Maler Georg Lührig an der
sächsischen Front in Frankreich während eines ein-
jährigen Aufenthalts geschaffen hat. Neuerdings bietet
der Verein drei Sonderausstellungen auf einmal, darunter
als bedeutendste die große Nachlaßausstellung des kürz-
lich verstorbenen Dresdner Malers Oskar Zwintscher.
In würdiger Aufstellung tritt uns hier fast das gesamte
Lebenswerk dieses ausgezeichneten Künstlers entgegen :
eine ernste, feierliche, innige und farbenfreudige Kunst
in zielbewußter Eigenart und Kraft. Zwintscher hat sich
von der formen- und farbenauflösenden Eindruckskunst,
die die zeitgenössische Malerei seiner Jugendjahre 4im
i8go beherrschte, mit vollem Bewußtsein ferngehalten,
kaum daß er in einigen frühen Landschaften noch
unentschlossen dem »duftigen Tönespiel der Luft«
einigermaßen nachgegangen ist. Vielmehr war ihm
stets die feste Form die unverrückbare Grundlage des
Schaffens, mit ihr vermählte er sein freudiges feines
Farbenempfinden; Zeichnen und Malen war ihm das
Selbstverständliche; er sah die Umrisse in ihrer Be-
stimmtheit, die Formen in ihrer festen Gestaltung
und die Eigenfarben in ihrer Kraft und gab dann
alles zugleich in klarer Richtigkeit mit sicherem Können
wieder — diese Richtigkeit aber übergoß er mit einer
funkelnden Pracht der Farben, mit dem Glanz auf-
blitzender Lichter, mit einer Schmuckwirkung, daß
seine Bilder zu wahren Gedichten, zu Melodien in
Gestalt und Farbe werden. Ernst, Feierlichkeit ruhige
Getragenheit war der Grundzug seines Wesens; Auf-
regung, Kampf, handelnde Tatkraft findet man in
seinen Bildern so wenig wie das Gemeine, Alltägliche
und Kleinliche. Gemälde wie die Melodie (eine liegende

2) Es sind oder waren dies der bereits 1903 gegrün-
dete »Verein zum Studium Rußlands« und die erst im Ok-
tober 1913 ins Leben getretene »Deutsche Oesellschaft zum
Studium Rußlands«.
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