Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Nekrologe — Personalien

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Maillol den Ausgangspunkt bedeutet. Es ist merk-
würdig, wie viele Frauen in den Reihen der jüngeren
Plastiker stehen. Auch Käte Kollwitz versucht sich
neuerdings in der Skulptur. Aber ihr Liebespaar ist
nur sehr unvollkommen aus der Zeichnung übersetzt,
und man empfindet nicht ganz den Zwang seiner
dreidimensionalen Existenz. Die Linie, auf der das
Werk steht, führt am ehesten zu Barlach, von dem
zwei neue Holzskulpturen gezeigt werden. Auch er
spricht sich reiner und unmittelbarer in der Zeich-
nung aus, und seine plastische Eigenform droht mehr
und mehr zu einer Manier zu werden. Der erste
Eindruck war weitaus der stärkste. Er vermag nur
abgeschwächt zu werden durch vielfache Wieder-
holungen, die ihn höchstens äußerlich zu steigern
versuchen. Es ergeht nicht unähnlich mit .Wilhelm
Lehmbrucks Kunst. Auch hier wirkte die besondere
Note zuerst überraschend, aber es drängte sich zu-
gleich auch die Frage auf, wohin dieser Weg führen
könne. Die Antwort gibt hoffentlich nicht die un-
glückliche Riesenfigur eines sterbenden Kriegers, die
durch ein gewaltsames Motiv ersetzen möchte, was
die gequälte Form nicht selbsttätig herzugeben vermag.

Aber man braucht sich nicht an solche Entglei-
sungen zu halten, und man darf sie übersehen, da
die Ausstellung genug an positiven Anregungen bietet.
Die Veranstalter haben wohl selbst nicht von vorn-
herein mit diesem Erfolge gerechnet, da sie sich um
einen Anziehungspunkt bemühten, der ersetzen sollte,
was sonst die Werke der französischen Klassiker der
modernen Malerei zu bieten pflegten. Aber sie hätten
die paar Werke alter Kunst, die nun etwas verloren
mitten hinein zwischen die neuen Bilder gehängt sind,
gut entbehren können. Die eigenen Kräfte erwiesen
sich stark genug, eine Ausstellung zu tragen. Vielleicht
kam dem zugute, daß in letzter Zeit die Folge der
Ausstellungen neuerer Kunst in Berlin überhaupt ver-
langsamt ist. Das Haus am Kurfürstendamm hatte länger
als sonst seine Pforten geschlossen gehalten. Cassirer
und Gurlitt bewegen sich seit Kriegsbeginn in einem
sehr engen Kreise, Cassirer neuerdings mit einer Aus-
stellung von Zeichnungen Liebermanns, Gurlitt er-
weiterte seine Thomaausstellung ebenfalls durch eine
Anzahl Zeichnungen. Das wird hoffentlich bald wieder
anders, denn der kleine Kreislauf Liebermann, Slevogt,
Trübner, Thoma muß sich nach zwei- und dreifacher
Wiederholung doch fürs erste erschöpft haben. Der
Ausstellung der Freien Sezession kam dieser Zustand
aber ohne Frage zugute, und man möchte wünschen,
daß die Übersättigung des Publikums mit Ausstellungen,
die vor dem Kriege sich stark bemerkbar machte,
auch künftig vermieden würde. Eine große Sezessions-
ausstellung sollte wieder etwas Besonderes bedeuten,
wie es vor Jahren der Fall gewesen ist. Und sie sollte
dazu auch nicht eigene Sensationen brauchen, die ihr
äußerlich aufgepfropft werden, sondern es müßte ge-
nügen, daß die starken und fortschrittlichen Elemente
unserer Künstlerschaft sich zusammentun, um den
letzten Ertrag ihrer Arbeit zu zeigen. Ist dann wie
dieses Mal unter den 300 Werken die Zahl der voll-
kommenen Nieten nicht viel größer als die der Arbeiten,

zu denen man gern zurückkehrt, und von denen man
einen Eindruck mitnimmt, so darf der Erfolg der Aus-
stellung auf die Gewinnseite gesetzt werden.

NEKROLOGE

Oskar Zwintscher |. Dresdens Kunstleben hat einen
schweren Verlust erlitten: der Maler Professor Oskar Zwint-
scher ist im Alter von nur 45 Jahren an Influenza und
Lungenentzündung nach kurzem Krankenlager gestorben.
Er gehörte zu den hervorragendsten Künstlern Dresdens,
voll Kraft und sicherer Eigenart, die man aus Hunderten
von Bildern sofort herauserkannte; ein charaktervoller
Mensch, allem Äußerlichen abgewandt, voll durchdrungen
von der Würde und dem Ernst seiner Kunst. Zahlreiche
Museen haben sich Bilder von Zwintscher zu sichern ge-
wußt: die Dresdner Galerie besitzt das Bildnis seiner
Gattin, die städtische Galerie in Düsseldorf das Bildnis
vor schwarzen Kacheln, das Museum zu Wiesbaden das
Bildnis Ferdinand Gregoris; das Museum zu Bremen die
große phantasievolle Komposition Melodie, auch Chemnitz
und Leipzig besitzen Gemälde von Zwintschers Hand.
Zwintscher wurde am 2. Mai 1870 in Leipzig geboren; er
besuchte erst die Leipziger, dann die Dresdner Kunst-
akademie und war besonders Schüler von Leon Pohle und
Ferdinand Pauwels. Darnach bildete er sich in Meißen
sowie in München selbständig weiter. Schon 1896 ließ
er sich in Meißen nieder, 1903 wurde er an die Dresdner
Kunstakademie als Lehrer berufen, ein Jahr darauf erhielt er
den Titel Professor. Schon die ersten Bildnisse, mit denen
er an die Öffentlichkeit trat, wiesen seine ausgesprochene
Eigenart auf, die wenig mit der seiner Lehrer zu tun hatte:
sie waren hart und knorrig in der Zeichnung, kräftig und
bestimmt in der Farbe und ruhig in der Charakteristik.
Diese Eigenart hat Zwintscher dann vor allem nach der
Seite eigenartiger Stilisierung und satter dekorativer Farben-
pracht entwickelt. Vor allem seine weiblichen Bildnisse
weisen stets einen dekorativen Farbenreiz auf, der sie weit
über die Alltäglichkeit des wohlgetroffenen bürgerlichen
Bildnisses heraushob. Damit verband er einen sicheren
feinen Geschmack, der seinen Bildnissen das Gepräge vor-
nehmer Ruhe wahrt. Solche Eigenschaften zeigen auch
seine Phantasiebilder, die uns mit ihren tiefen Farben-
akkorden in das Traumland einer ernsten Künstlerseele
führen. Im Anfang seiner Tätigkeit malte Zwintscher
meist Bilder aus dem malerischen Meißen mit seinen roten
Dächern, und aus dem umgebenden Elbtal, darunter das
Bild »Wandern, o Wandern«, das in seiner wanderfrohen
Stimmung so recht seinem Titel entsprach. Auch Kari-
katuren für Meggendorfers Lustige Blätter soll er viele ge-
liefert haben. Zwintscher war schließlich auch ein aus-
gezeichneter Lehrer. In den akademischen Schülerausstel-
lungen zeichnete sich seine Abteilung im Malsaal stets als
eine der allerbesten aus. Ganz vorzüglich verstand er es,
den Farbensinn seiner Schüler zu wecken und sie, ohne
ihnen seine eigene Malweise aufzunötigen, zu einem echt
künstlerischen geschmackvollen Können anzuleiten. So hat
Dresden allen Grund, den allzufrühen Hingang dieses be-
deutenden Künstlers zu betrauern. «»

PERSONALIEN

Prof. Dr. Wilhelm Pinder in Darmstadt hat die an
ihn ergangene Berufung auf den Lehrstuhl der Kunstge-
schichte an der Universität Breslau als Nachfolger von Prof.
R. Kautzsch angenommen. Pinder ist am 25. Juni 1878 in
Kassel geboren, Verfasser eines zweibändigen Werkes über
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