Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 31. 28. April 1916

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WIENER AUSSTELLUNGEN
Alle Kunstaussiellungen dieses Jahres standen
irgendwie im Zeichen des Krieges; positiv oder negativ,
gegenständlich oder wirtschaftlich. Manche strebten
nur an, den Künstlern verschiedener Richtung durch
Schaffung einer Ausstellungs- und Verkaufsmöglich-
keit die schwere Zeit überstehen zu helfen; sie ent-
hielten Werke, wie man sie auch sonst immer und
überall zu sehen bekommen hatte, ja eher Arbeiten,
die mit Rücksicht auf die vorwiegend wirtschaftlichen
Zwecke der Darbietungen auf einen gewissen unauf-
fälligen Mittelton, einen lautlosen Durchschnitt ge-
stimmt waren. Andere Ausstellungen knüpften direkt
an den Krieg an; Einzelheiten und Episoden aus dem
ungeheuren Ringen wurden gezeigt, die Schrecken,
die über die Schlachtfelder und durch die Flüchtlings-
karawanen geschritten waren, mit Stift und Pinsel ge-
bannt. Dort schien die Kunst aus dem Krieg zu
flüchten; hier stellte sie sich in seinen Dienst, oder
stellte sie nicht vielmehr — ihn in den ihren? Dort
wie hier fühlte sich der Beschauer außerstande, das
Interesse aufzubringen, das solche Unternehmungen
sonst zu erregen pflegten. Die einen, die trotz des
Krieges ihre gewohnte Ware auf den Markt brachten
und die gleichen Wege weiterschritten, die sie stets
gegangen waren, konnten keine Teilnahme erwecken;
durften die überhaupt im wahrsten Sinne Künstler
heißen, an denen die Spannung der Zeit spurlos vor-
übergegangen war, in deren Tätigkeit nichts von dem
widerhallt, was unser Fühlen und Denken mit uner-
bittlicher Ausschließlichkeit beherrscht? Aber die
anderen, die mit rascher Fingerfertigkeit auch den
Krieg zum Stoff machten, erschienen fast noch un-
künstlerischer. Noch rauchen die zerstörten Städte,
schon werden sie impressionistisch wiedergegeben,
noch brennen die Wunden und schon werden sie
stilisiert. Sind diese Kriegsbilder erlebt und empfunden,
dann schmilzt vor dem gegenständlichen Interesse das
künstlerische zu nichts zusammen; sind sie es nicht,
überwiegt die Freude an Form und Farbe, dann
wirken sie vollends unzeitgemäß, wie Gespenster in dem
grellen Tageslicht, in dem zu leben unsere Pflicht ist.

Diese zwiespältigen Empfindungen des Beschauers
beeinträchtigen das künstlerische Interesse an den Aus-
stellungen. Später wird es zweifellos wieder vor-
handen sein; dann werden wir gewiß gewahr werden,
was dieser und jener für Fortschritte gemacht hat,
wie ihm die Intensität der Erlebnisse und Ereignisse
zu größerer Reife und tieferem Ernst verholten hat.
Die ganze Arbeit des wahren Künstlers, welchem Gegen-
stand immer sie gelte, wird davon durchwachsen und
gefestet sein; und am wenigsten wird mutmaßlich eine
eigentliche Kriegskunst davon Vorteil ziehen. Für

Schaffende und Genießende wird das Ereignis noch
durch Generationen zu ungeheuer bleiben, um künst-
lerisch bewältigt werden zu können; es wird das
Geltung behalten, was Novalis gerade in bezug auf
den Krieg ausgesprochen hat: daß es Gegenstände
gibt, die für unsere irdischen Mittel und Werkzeuge
zu überschwenglich sind. Erst eine gewaltige zeitliche
Distanz kann diesen uns im Innersten aufwühlenden
Sturm zu epischer Ruhe besänftigen; wie das frideri-
zianische Heer in Menzel, so können die Armeen
Hindenburgs und Hoetzendorfs und ihre Taten erst
in später Zukunft ihren wirklichen Künstler finden.

Von einzelnen zu sprechen, deren Bilder oder
Skulpturen im Laufe dieses Jahres zu sehen waren,
scheint mir unter diesen Umständen wenig Sinn zu
haben; nur zwei möchte ich ausnehmen, an deren
ernsten Darbietungen vorbeizugehen mir Unrecht
schiene. Der eine ist Jungnickel, von dem im März
eine Kollektivausstellung im Kunstsalon Arnot zu sehen
war; meistens ältere Arbeiten, Zeichnuugen, Radierungen,
Holzschnitte; Tierbilder, Landschaften, Akte. Alles sinn-
liche Erlebnisse, deren feiner Kontur mit zartester Emp-
findung festgehalten ist; das Schaudern eines Tier-
felles oder einer Mädchenhaut, das Aufplustern eines
Gefieders, das nervöse Auftreten eines sprungbereiten
Rehes, ganz kleine Dinge, die aus ihrer Geringfügig-
keit herauswachsen, weil sie Jungnickel mit der ganzen
Intensität eines echten Lyrikers empfindet. Was ein volles
Erleben auslöst, ist nicht groß und nicht klein, sondern
ein Ganzes, das sein künstlerisches Recht in sich trägt.

Ganz entgegengesetzt geartet erscheint Uriel Birn-
baum, der im Kunstsalon Heller ausstellt. Wie Jung-
nickel vom anschaulichen, geht er vom intellektuellen
Erlebnis aus; dort ist die Sinnlichkeit, hier die Phantasie
das Wurzelbereich der schaffenden Tätigkeit, die erst
dort Kunst wird, wo die beiden polaren Ausgangs-
bezirke sich berühren. Birnbaum hat viel zu sagen;
Edgar Poes Spukgestalten, noch mehr die großartigen
Bilder der biblischen Bücher sind in ihm lebendig
geworden und heischen Gestaltung. Das brennende
Ausdrucksbedürfnis schafft sich, tastend und irrend,
eine neue Ausdrucksform; in einer Serie, die Biblische
Köpfe betitelt ist, ist sie noch unrein und unselbständig.
Vielleicht weil der junge Künstler hier der Gefahr
nicht entgeht, die die natürliche solcher Ausdrucks-
kunst ist; seine Ideen sind bisweilen ausgeklügelt, rein
gedanklich und deshalb auf fertige Formen, auf kon-
ventionelle Bildungen angewiesen. Viel stärker sind
die Illustrationen zum Buche Daniel; hier steht Birn-
baum unter dem unwiderstehlichen Zwang des ge-
waltigen Textes, die Willkür ist ihm abgestreift und
er wird zum starken Instrument größerer Kräfte. Er
hat sich für seine mächtigen Visionen, die die Schreck-
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