Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Nekrologe

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liehen, malerisch gefaßten Bildnissen aus. In den aus-
gestellten Bildern des s. Z. in Kassel viel bewunderten
Heinrich Faust trat seine zu starrer Manier gewordene
Nachahmung Makarts noch nicht allzu störend her-
vor. Am Schluß einer langen Reihe stand mit meh-
reren rein impressionistischen Landschaften Louis Kolitz
(von dem jüngst die »Zeitschrift für bildende Kunst«
ein prachtvolles Bild veröffentlichte), der 1879, als er
an die Spitze der Kasseler Akademie berufen wurde,
gewiß zu den besten Koloristen der deutschen Schule
gerechnet werden durfte.

Das Andenken an die kleine Veranstaltung, deren
Kenntnis leider über Kassel nicht hinausdrang, wird
in einer Veröffentlichung festgehalten werden, die 32
der besten Bilder wiedergeben wird und als Jahres-
gabe des Kunstvereins für seine Mitglieder be-
stimmt ist. g. Gr.

NEKROLOGE
Paul Meyerheim ist am 14. September im Alter
von 73 Jahren plötzlich verstorben. Nach Anton von
Werners Tode verliert die ältere Generation Berliner Künst-
ler in ihm ihre letzte Stütze. Man darf die Bezeichnung
ältere Generation allerdings nicht zu wörtlich nehmen.
Denn an Jahren ist auch Max Liebermann nicht viel jünger,
als der Verstorbene es gewesen. Aber Liebermann gilt
uns noch heut den Jüngsten gleich, weil sein Schaffen
durch alle Zeit lebendig blieb. Wenn Meyerheims Tier-
und Zirkusbilder alljährlich auf den Berliner Ausstellungen
erschienen, hatte man stets das Gefühl, sie schon seit
Jahren zu kennen. So gleich blieben sie sich, und wenn
die neueren sich von den älteren unterschieden, so war es
nicht eben zu ihrem Vorteil. Meyerheims beste Zeit lag
in der Vergangenheit. Als Sohn Eduard Meyerheims, eines
bescheidenen aber tüchtigen Malers, genoß er eine ausge-
zeichnete Schulung und hatte Gelegenheit, sein Talent auf
langen Studienreisen, vor allem in Belgien und Frankreich,
zu bilden. In der Tradition der Barbizonschule fand er seinen
Stil und schuf die Bilder, die wir auch heut noch lieben, die
sich neben so manchen guten Werken ihrer Zeit wohl sehen
lassen können. Die Jahrhundertausstellung hat auch diesen
vergessenen Meyerheim entdeckt. Aber wie in so manchem
anderen Punkte, so fälschte sie auch hier die historische
Wahrheit ein wenig, indem sie das einzelne Werk in den
Vordergrund stellte und verleugnete, was sie verschwieg.
Hätte Meyerheim nichts anderes geschaffen als seine Jugend-
arbeiten, so bliebe die Erinnerung an ein tüchtiges Talent,
das die beste Schulung seiner Zeit genoß. Manchem jung
Verstorbenen ward dieser Ruhm für alle Zeit bewahrt, und
seinem Namen verknüpft sich das Bedauern um eine zu
früh verlorene Kraft. Aber im Manne erst bewährt sich,
was der Jüngling versprach. Und Meyerheims künst-
lerische Persönlichkeit war nicht stark genug zu eigener
Entfaltung. Er wurde schließlich zum Erzähler trivialer
Anekdoten. Es war der Weg, den auch manche andere
seiner Zeitgenossen gingen. Aber kein anderer er-
schöpfte sich so wie Meyerheim in der Wiederholung
stets der gleichen sentimentalen Geschichte vom fah-
renden Volk und seinen traurigen Späßen. Und die
malerische Haltung ging rasch verloren. An die Stelle
der feinen Tonigkeit trat eine fahrige Buntheit. Gegen
diesen zweiten Meyerheim mußte die Kritik der jüngeren
Generation sich mit aller Schärfe wenden, und es kam
dazu, daß der Künstler, der mit allen äußeren Glücksgütern
gesegnet war, und dem sein Anstieg zum Ruhme leicht
gemacht wurde wie nur wenigen, im späteren Alter ver-

bitterte und sich verkannt und mißhandelt fühlte. Es war
die gleiche Gegnerschaft zu dem jüngeren Geschlecht, in
die auch Anton von Werner geraten war. Nur daß Meyer-
heim nicht das streitbare Temperament seines Akademie-
direktors gegeben war, daß er den Kampf mit anderen
Mitteln führte. Auch nach Werners Tode versuchten selbst
seine erbittertsten Gegner, dem Künstler gerecht zu werden,
und man suchte nach Jugendwerken, in denen ein einstmals
starkes Talent sich erweisen sollte. Nicht mit viel Glück.
Wir wissen, daß bei Meyerheim in dieser Hinsicht mehr
zu erwarten ist. Und wenn an irgend einer Stelle der
Versuch gemacht wird, eine größere Zahl von Werken des
Künstlers aus den siebziger und den ersten achtziger Jahren
zu zeigen, so könnte dieser Ausstellung ein Erfolg beschieden
sein, wie er dem Lebenden seit langem versagt gewesen ist.

® Aus Japan kommt die Nachricht vom Tode des alten
Marquis Kaoru Inouye. Der greise Staatsmann, der sich
aus niederem Range zur leitenden Stellung im Staate empor-
gearbeitet hatte, und dem mit Ito zusammen das Haupt-
verdienst um die politische Erneuerung seines Vaterlandes
zukommt, war zugleich einer der kenntnisreichsten und
glücklichsten Kunstsammler. Er verstand es, die Epoche
der großen Umwälzungen, in denen alter Tempel- und Adels-
besitz oft um ein geringes veräußert wurde, geschickt zu
nutzen, und vereinigte in seinem Hause eine Sammlung
von Meisterwerken japanischer und chinesischer Kunst, die
kaum an Umfang, gewiß nicht an Qualität von irgend einer
anderen übertroffen wurde. Eine Reihe der erlesensten
Werke buddhistischer Malerei, eine Anzahl von Perlen
altchinesischer Pinselkunst, dazu zahlreiche Werke aus der
großen Zeit der japanischen Malerei gehörten zum Stolz
des Hauses, das nicht minder berühmt war durch die
prachtvollen Seladone. Die Sammlung dürfte nach dem
Tode ihres Schöpfers kaum dem Schicksal der Auflösung
entgehen. Voraussichtlich werden die Hauptstücke nach
nicht allzu langer Zeit im Besitz der großen Finanzleute
Japans auf tauchen, die bisher noch meist imstande waren, auch
die amerikanische Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen.

Bildhauer Peter Gelbert, der in seiner heimatlichen
Rheinpfalz, an der er mit warmem Herzen hing, wie er auch
die dortigen neueren künstlerischen Bestrebungen eifrigst
förderte, erlag, 54 Jahre alt, einer schweren schleichenden
Krankheit am 18. Juli zu Ludwigshafen a. Rh. In ihm, dem
stillen unscheinbaren Manne waren Mensch und Künstler
aufs einträchtigste verschmolzen und in dieser tiefempfin-
denden reichen Seele eines echten deutschen Künstlers
schlummerte innigste Liebe zur engeren Heimat, der vater-
ländischen Kunst und den ihn betrauernden nächsten An-
gehörigen. So eignet auch seiner Kunst etwas Trauliches, fast
Familiäres in manchem feinen Kunstwerkchen, namentlich
in ausgezeichneten Porträtplaketten. l. Frankel.

Der Professor für mittelalterliche Baukunst an der Tech-
nischen Hochschule zu Hannover, Carl Weber, ist seinen
bei Charsy erhaltenen Wunden erlegen, die er als Ober-
leutnant der Landwehr und Kompagnieführer an der Spitze
seines Zuges erhielt. Weber, der aus Berlin stammt, hat
nur ein Alter von 45 Jahren erreicht. Er besuchte die Tech-
nische Hochschule zu Berlin-Charlottenburg und gehörte
hier zum Schülerkreise Karl Schäfers, in dessen Atelier er
auch praktisch arbeitete. .Weber beschäftigte sich haupt-
sächlich mit der Wiederherstellung alter Kirchen, wie zum
Beispiel der Schloßkirche von Dobrilugk. Seit 1913 wirkte
er an der Hannoverschen Hochschule.

Professor Georg Galland ist im Alter von 58 Jahren
verstorben. Galland war 1857 in Posen geboren. Im
Jahre 1877 widmete er sich dem Studium der Architektur
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