Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Ein neuer Hercules Seghers

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dingen, der aber sicherlich das nahe Bevorstehen der
kommenden Ereignisse kannte und die Gefahren seiner
Rolle: blaß, jämmerlich, mit falschem Blick hinter
seinen goldenen Brillen, verwirrt, als ich ihn ausfragte,
fast zitternd, erklärte er sich als empfohlen durch die
deutsche Botschaft, aber er hätte seine Papiere ver-
gessen. Er schien mir so verdächtig, daß ich ihn be-
wachen ließ; zum Arbeiten brachte dieser Gelegenheits-
archäologe nichts mit, als eine unzählige Liste ganz
verschiedenartiger Gegenstände, eine Füllfeder und ein
Metermaß; er maß mit frenetischem Eifer, vermerkte
die Plätze der Kunstwerke und selbst der Vitrinen,
und ich frug mich, wozu wohl eine so seltsame Be-
schäftigung dienen könne.

»Wozu? Das habe ich begriffen, am Anfang des
September. In der Gaunersprache heißt der Genosse,
der seiner Bande die guten Gelegenheiten berichten
soll, der .Indicateur'; in Deutschland nennt er sich
,Herr Doktor, Herr Professor'. Unter dem Vorwand
der Wissenschaft übernimmt er die Aufgabe, die wert-
vollen Gegenstände zu verzeichnen und davon Be-
schreibungen zu fertigen; der Spionagedienst zentra-
lisiert die Berichte, stellt die Generalliste zusammen
und läßt sie in letzter Stunde durch seine Agenten
kontrollieren. Niemals wird man mir die Überzeugung
nehmen, daß diese kleine Brillenschlange, die im Juli
hergeschickt wurde, in der Armee v. Kluck wieder
gegen Paris kam, mit dem Auftrag, sich meinem Ge-
dächtnis zurückzurufen, indem er mir in einer Hand
seine Liste, in der anderen den Revolver vorhielt und
zwischen beiden sein tückisches, nun unverschämt ge-
wordenes Gesicht. Man kann vermuten, daß er zu
dieser Stunde auf den Feldern der Marne ruht. Friede
seiner ekelhaften Person! Es handelt sich um schwerere

Dinge, deren die Zukunft gedenken wird, und dazu
gehören diese Vorgänge vor dem Kriege, die das Ge-
fühl empören und die Wissenschaft zum Vorteil des
Diebstahls ausnützen. Edmond Haraucourt.«

* *

*

Ich möchte ungern den Eindruck dieser Warnung
des Pariser Kollegen durch sachliche Einwände ab-
schwächen. Aber es fällt doch auf, daß solche Ar-
beiten, wie sie die deutschen Museumsleute nach der
etwas kindlichen Auffassung Haraucourts im Cluny-
Museum verrichtet haben sollen, eigentlich sehr über-
flüssig waren, da man durch den Ankauf eines Kata-
loges schneller und billiger zum gleichen Ziel kommt.
Auch die Vermutung kann ich nicht unterdrücken,
daß die so liebevoll geschilderte Brillenschlange eine
Schöpfung des Dichters Haraucourt ist. Denn sie ist
zur dramatischen Steigerung und zum überzeugenden
Abschluß seiner Museumsphantasie ganz unentbehrlich.
Ich weiß, daß die besonders erwähnten Museums-
besuche der deutschen Fachleute, welche zum Studium
des Steinzeugs und der Textilien die Gefälligkeit des
Konservators Haraucourt in Anspruch nahmen, nicht
weniger als acht und sieben Jahre zurückliegen. Als
Vorarbeiten zur Plünderung wären sie also stark ver-
früht und daher wenig überzeugend. Hier mußte die
kleine Brillenschlange helfend auftreten. Daß jedoch
diese Figur eines Museumsspions, der bei der Kon-
trolle seiner Plünderliste den Konservator selbst zur
Hilfe holt, ihrem poetischen Erzeuger viel Ehre macht,
kann man nicht behaupten. Auch der Aufsatz des
Herrn Haraucourt gehört zu den verwerflichen Dingen,
deren man nach dem Krieg gedenken wird. Darum
hängen wir ihn tiefer. o. v. FALKE.

EIN NEUER HEI

Von A,

Es ist eine sehr erfreuliche Tatsache, daß in letzter
Zeit wenigstens einige Bilder von einem der größten
Künstler aller Zeiten wieder aufgetaucht sind, von
dem unglücklichen, verkannten Hercules Seghers,
dessen Gemälde noch vor einigen Jahren bis auf drei
alle verschollen waren.

von Bode fand die interessante Landschaft, welche
jetzt in der Sammlung Simon in Berlin hängt. Hof-
stede de Groot erwarb das vollbezeichnete Frühbild
des Meisters, worin man noch eine entfernte Ver-
wandtschaft mit Künstlern wie de Momper u. a. spürt.
Kronig entdeckte (mit falscher vanGoyen-Bezeichnung!)
in England die großartige, wohl ganz späte Gebirgs-
landschaft1), die große Ähnlichkeit hat mit einigen
seiner außerordentlichen Radierungen, und welche
mich wieder glauben macht, daß Seghers irgendwo
eine Karstgegend durchstreift hat. Das Kronigsche
Bild muß nicht lange nach der berühmten großen
Landschaft in den Uffizien in Florenz gemalt sein.
Dr. Johnson in Philadelphia besitzt eine hügelige

1) Ausgestellt im Haag 1915, abgebildet in Oud Hol-
land und im Katalog der Ausstellung Bredius-Kronig bei
Kleykamp.

CULES SEGHERS

Bredius

Landschaft von Seghers, die am nächsten mit dem
Simonschen Bilde verwandt ist, aber in dem Baum-
schlag hier und da noch etwas Altertümlicheres hat.

Jetzt ist Exzellenz Baron von Kühlmann, zurzeit
im Haag, der glückliche Besitzer einer äußerst feinen,
sorgfältig durchgeführten Landschaft mit befestigter
Stadt in waldiger Gegend (wohl am Rhein) geworden,
die ich in Seghers mittlere Periode setzen möchte.
Bei unserer Unkenntnis des Todesjahres des Künstlers
ist es schwer, hier Daten zu nennen.

Samuel van Hoogstraten, die einzige alte Quelle
für die Biographie unseres Meisters, sagt: »hy bloeide,
of liever verdorde in myn eerste groene jaren.« Was
heißt das? Doch, daß er starb als Hoogstraaten noch
ganz jung war. Hoogstraaten wurde 1627 geboren; wir
müssen annehmen, daß Seghers also vor 1640 starb.
In der Tat ist die letzte Urkunde, welche ich über
ihn entdeckte, aus dem Jahre 1633. Er nennt sich
»wohnend im Haag«. Merkwürdigerweise kommt in
einer Urkunde vom Jahre 1638 im Haag vor: Cor-
nelia de Witte, Witwe von Hercules Pietersz. (Seghers
wird zuweilen so genannt, weil sein Vater Pieter
Seghers hieß.) Dieses könnte nur richtig sein, wenn
Seghers zum zweiten Male verheiratet war, denn seine
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