Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 44. 15. September 1916

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BERLINER AUSSTELLUNGEN

Der aufmerksame Leser der Kunstchronik, der
über die wichtigsten Ausstellungen unterrichtet zu
werden wünscht, wird eine Besprechung der dies-
jährigen Großen Berliner Kunstausstellung vermißt
haben. Aber es genügte die Erwähnung der Tatsache,
daß sie in diesem Jahre wieder ihre alten Räume
im Moabiter Glaspalast bezogen hat. Denn wenn
auch eine Anzahl der Säle geschlossen blieb, so gleicht
die Ausstellung in ihrer Gesamtheit doch nicht minder
den früheren wie ein Ei dem anderen, und es wäre
nutzlos, ausführlich zu vermerken, daß die bekannten
Namen mit Arbeiten der bekannten Art vertreten sind,
und auch die weniger bekannten denen, die die Aus-
stellung nicht selbst zu sehen Gelegenheit haben, vor-
zustellen, verlohnt in keinem Falle der Mühe. Es
fehlt natürlich nicht eine Abteilung der Kriegsbilder,
deren sachliches Interesse den Besucher fesseln mag,
es gibt einen bulgarischen Saal, dem man nicht ge-
rade künstlerische Überraschungen wird nachsagen
wollen. Es gibt endlich eine kleine Porträtausstellung
meist älterer Künstler, in die man aus schwer begreif-
lichen Gründen eine unendlich geschmacklose »Garten-
laube« mit dem von Freunden und Feinden so oft,
aber bisher noch kaum jemals so arg mißhandelten
Nietzsche aufgenommen hat, — Curt Stoevings Name
ist unter dem Bilde zu lesen. Im übrigen herrscht
hier Lenbach, als der König der Porträtmalerei der
Epoche Wilhelms I., und es ist Gelegenheit, wie schon
einmal im vorigen Winter bei Schulte, das Urteil über
diesen einst ernsthaft gefeierten Meister zu revidieren.
Daß diese gewissenlose Rezeptmalerei, die mit den
äußerlichsten Effekten sogenannt altmeisterlicher Wir-
kungen eine vollkommene innere Hohlheit nur müh-
sam übertünchte, zu einer Zeit, in der ein Leibi auf
der Höhe seines Schaffens stand, wahrhafte Triumphe
zu feiern vermochte, stellt dem allgemeinen Kunst-
verständnis nicht eben ein günstiges Zeugnis aus.
Aber Lenbachs Werke werden leider der wohlver-
dienten Vergessenheit entgehen, weil er es verstand,
seinen Namen mit denen der Besten seiner Zeit zu
verknüpfen, und eine Bildnissammlung wird niemals
ganz an seinen Wilhelm, Bismarck, Moltke und vielen
anderen vorbeigehen können. Nicht darum auch, weil
Lenbachs Porträts in der ziemlich belanglosen Reihe,
die im Ehrensaal zusammengestellt wurde, ungebühr-
lich überwiegen, wäre es notwendig, noch kurz vor
Toresschluß auf die Große Kunstausstellung zu sprechen
zu kommen, wohl aber, um auf ein Werk Eberleins hin-
zuweisen, das denn doch nicht gut mit Stillschweigen
übergangen werden kann, um so mehr, als es an auf-
fallendster Stelle, sozusagen als Glanznummer der Aus-

stellung, sich dem Besucher aufdrängt. Diese Apo-
theose des Phidias schlägt nicht nur jedem künstle-
rischen Gefühl, sondern auch dem guten Geschmack
so sehr ins Gesicht, daß selbst die weitherzigste Aus-
stellungsleitung Mittel und Wege hätte finden müssen,
ihre Aufnahme zu verhindern. Es soll hier auf eine
Beschreibung der unendlich banalen Darstellung ver-
zichtet werden. Es wäre ein zu billiges Vergnügen,
sich in Witzen über den hammerschwingenden Meister
mit seinen ordinären Modellen und der Gruppe der
gepanzerten Athener zu ergehen. Aber eine fast noch
ärgere Blasphemie als diese »Apotheose«, die nur von
der schrankenlosen Hemmungslosigkeit ihres Ver-
fassers zeugt, bedeutet die nach Eberleins Phantasie
ergänzte Gruppe der »Tauschwestern«, die schon in
dem Relief die Hauptrolle spielt und noch einmal
in voller Größe inmitten des Saales thront. Eine
ärgere Versündigung am Geiste der Antike war schwer
zu ersinnen. Es wäre Pflicht jedes guten Deutschen,
gegen solche Kulturbarbarei, die sich im Mittelpunkte
der immer noch einzigen offiziellen Kunstausstellung
der Reichshauptstadt breitmachen darf, mit aller Ener-
gie und nachdrücklichst zu protestieren.

Wer kann es angesichts solcher Entgleisungen
noch wagen, den Sezessionen einen Vorwurf zu machen,
wenn sie sich nicht ablehnend genug verhalten gegen
gewisse absichtsvolle Übertreibungen in den Reihen
der jüngsten Künstlergruppen! Wie harmlos sind die
gefürchteten Wilden, mitsamt den Kubisten und Futu-
risten gegenüber solcher gewissenlosen Mache, die
einem ahnungslosen Publikum als echte und ernste
Kunst aufgedrängt wird! Ja, der Entschluß wird
schwer, im gleichen Atem und mit ähnlichen Worten
einen Mann wie Kandinsky abzulehnen, der mit einer
verbohrten Konsequenz sich doch immerhin um Kunst
bemüht. Es ist so oft von der »absoluten Malerei« die
Rede gewesen, daß es nicht nötig ist, angesichts der
neuen Ausstellung im »Sturm« die Frage ihrer Mög-
lichkeit wieder aufzurollen. Es kann auch nur die
Eingeweihten, die es ohnedies wissen werden, inter-
essieren, daß Kandinsky neue Bilder »mit runden
Formen« und »mit schwarzen Strichen« erfunden hat.
Wer mit Blindheit geschlagen ist, wie der Referent
es von sich selbst einzugestehen hat, sieht in diesen
Gemälden nicht viel mehr als in den farbigen Kleister-
papieren, die einmal die große Mode des Bucheinbandes
waren, ahnt überdies in all dem Getümmel von farbigen
Flecken noch immer den harmlosen Zeichner kunst-
gewerblicher Illustrationen, die eine nur eben an das
Mittelmaß reichende Begabung verrieten. Aber es sei
ohne weiteres zugegeben, daß ein Beschauer, der das
gleiche Maß von Autosuggestion aufzubringen vermag,
wie es dem Künstler selbst zuzugestehen ist, Sen-
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