Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 27. 31. März 1916

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EINE NEUERWERBUNG DES BERLINER
ANTIKENMUSEUMS

Mitten im Kriege ist den Berliner Königlichen
Museen eine Erwerbung geglückt, die eine der seit
langem glücklichsten Bereicherungen des deutschen
Kunstbesitzes bedeutet. Es handelt sich um eine
reif-archaische Statue von einer Qualität der Arbeit
und einer Vollkommenheit der Erhaltung, wie kaum
ein anderes Stück aus dieser Zeit bisher bekannt ge-
worden ist. Die nächsten Verwandten sind die be-
rühmten Koren von der Akropolis in Athen, deren
jüngste, die also unmittelbar vor der Zeit der Perser-
kriege entstanden sein müssen, dem Werke stilistisch
unmittelbar gleichkommen, während an künstlerischer
Höhe das Berliner Stück entschieden überlegen ist. Dar-
gestellt ist eine Göttin, die auf reichgeziertem Sessel
feierlich thront. Sie ist mit dreifachem Gewände bekleidet,
das in flachgelegten Falten herniederfällt. Die archa-
ische Strenge beginnt eben sich zu lösen. Eine fast
noch unmerkliche Bewegung durchbricht die alte Sym-
metriegebundenheit. Ein Zipfel fällt länger als der
andere. Ein Bein schiebt sich leicht vor das andere.
Und das starke Lächeln der älteren Zeit um-
spielt nur noch wie ein Zug hoheitsvoller Anmut
den unendlich zart gezeichneten Mund. Das Antlitz
bedeutet die erste Formung des klassischen Typus
griechischer Schönheit. Es hat noch nicht die Be-
weglichkeit späterer Zeiten, und es bleibt gerade darum
weit über alles Irdische entrückt in wahrhaft erhabener
Ruhe. Der antike Beschauer nahte der Statue, die
als Kultbild in einem Tempel thronend gedacht
werden muß, von vorn, der moderne Besucher darf
sie umschreiten und das edle Profil bewundern, in
dem sich die Vollkommenheit der Zeichnung nicht
minder rein offenbart. Die Größe der Statue über-
steigt nur wenig das Maß des Lebens. Das Material
ist parischer Marmor, ein einziger Block von er-
lesener Schönheit. Der Fundort ist im südlichen
Italien zu suchen. Es liegt nahe, zu denken, daß
das Werk aus Griechenland fertig dorthin gebracht
wurde. Es hindert aber auch nichts, anzunehmen,
daß die Statue aus einem importierten Marmorblock
an Ort und Stelle gearbeitet wurde. Schlüsse auf
die lokale Zugehörigkeit lassen sich zunächst weder
in dem einen noch in dem anderen Falle ziehen.
Eine nähere Bestimmung der dargestellten Göttin ist
nicht möglich, da beide Hände mit den Attributen
verloren sind. Das Fehlen der Hände ist der
schwerste Schaden, der das Werk betroffen hat. Die
Beschädigungen des Thronsessels, denen beide vor-
dere Stützen, große Teile der Armlehnen und fast
die ganze Rückenlehne zum Opfer fielen, kommen

dagegen weniger in Betracht, obwohl sie im ersten
Eindruck stärker mitsprechen, weil hier größere zer-
trümmerte Bruchflächen zu Tage stehen. Einen Schön-
heitsfehler bedeutet endlich die Absplitterung eines
Teiles der Oberfläche der rechten Wange und der
Umgebung des rechten Auges. Trotz aller dieser
Schäden darf der Erhaltungszustand im ganzen als
ungewöhnlich gut bezeichnet werden, weil bis auf
die Hände alle wesentlichen Teile vorhanden sind,
und die Oberfläche ihre volle Frische bewahrt hat.
Ganz verloren ist nur die ehemalige Bemalung.
Spuren eines Palmettenfrieses an einzelnen Teilen
des Thrones geben einen Hinweis auf die ursprüng-
liche farbige Haltung, die nach Art der Koren von
der Akropolis zu denken ist. Endlich vollendeten
metallene Schmuckteile, ein Diadem auf den Haaren
und Gehänge in den Ohren das Gesamtwerk.

Für das Berliner Museum bedeutet die Statue,
deren Wiederentdeckung in anderen Zeilen als Ge-
winn für die gesamte Kulturwelt gefeiert zu werden
verdiente, eine besonders erwünschte Bereicherung.
Denn seit der Wiederherstellung der schönen Schin-
kelschen Räume, in denen unter Wiegands Leitung
eine mustergültige Neuaufstellung der Antikensamm-
lung erfolgte, betont diese mit aller Entschiedenheit
gegenüber den alten archäologischen Museen den
Charakter einer Kunstsammlung. Aber bis auf den
pergamenischen Altar, der seiner endgültigen Auf-
stellung in dem Neubau auf der Museumsinsel noch
harrt, fehlt es an den ganz großen und bedeutenden
Werken. Diesem Mangel wird durch die neue Er-
werbung abgeholfen werden. Wenn die archaische
Göttin der Öffentlichkeit wird zugänglich gemacht
werden können, wird die Abteilung der ältesten grie-
chischen Kunst in ihrem Mittelpunkte ein Glanzstück
besitzen, wie nur wenige Museen sich rühmen dürfen,
ein ähnliches ihm zur Seite zu stellen. Q.

• *
*

Unser archäologischer Mitarbeiter schreibt uns zu
dem bedeutenden Ereignis folgendes:

Das einzigartige Werk, das dank dem Eifer Wie-
gands, dank den Freunden der Berliner Antikensamm-
lungen, an deren Spitze unser Kaiser mit einer sehr
namhaften Summe erschien, und dem verständnis-
vollen Entgegenkommen des preußischen Kultus-
ministeriums von dem Berliner Antikenmuseum er-
worben wurde, war kurz vor dem Kriege in engerem
Archäologenkreise durch eine allerdings schlechte
Photographie bekannt geworden. Wer damals die
Abbildungen sah, erkannte sofort die hohe Bedeutung
der sitzenden Göttin, die sich noch irgendwo im Aus-
land befand und von der man nicht wußte, wo sie
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