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Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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https://doi.org/10.11588/diglit.6189#0067

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 13. 24. Dezember 1915

Die Kunstchronik und der Kunstmarkt erscheinen am Freitage jeder Woche (im Juli und August nach Bedarf) und kosten halbjährlich 6 Mark.
Man abonniert bei jeder Buchhandlung, beim Verlage oder bei der Post. Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden,
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Abonnenten der Zeitschrift für bildende Kunst erhalten Kunstchronik und Kunstmarkt kostenfrei. Anzeigen 30 Pf. die Petitzeile; Vorzugsplätze teurer.

DER ZUSTAND DER KUNSTDENKMÄLER AUF
DEM ÖSTLICHEN KRIEGSSCHAUPLATZ

Von Paul Clemen

Geheimrat Clemen (Bonn), der von der Öbersten
Heeresleitung mit der Wahrnehmung der Interessen
der Denkmalpflege im Westen betraut war, dessen
Bericht über Belgien und Frankreich in der Kunst-
chronik N. F. XXVI (1914/15) Nr. 9, 10, 17 veröffent-
licht ist, und von dem das heute erscheinende Heft
der Zeitschrift für bildende Kunst eine Zusammen-
fassung in einer Sondernummer bringt unter dem
Titel: »Der Zustand der Kunstdenkmäler auf dem
westlichen Kriegsschauplatz«, ist auch mit der Für-
sorge für die Kunstdenkmäler auf dem östlichen
Kriegsschauplatz betraut worden und hat nach zwei-
monatlicher Bereisung des ganzen Gebietes eine
Reihe amtlicher Berichte erstattet, aus denen der
vorliegende Auszug hier gegeben wird.

Aus zwei Hauptperioden der Kunstgeschichte sind
uns in dem von uns im Osten besetzten Gebiete Kunst-
werke, vor allem Monumentalschöpfungen in großer Zahl
erhalten, aus der Periode der Spätgotik, die sich hier
bis in das 16. Jahrhundert hineinzieht, und dann wieder
aus der Zeit des späten Barock. Für jenen ersten
Abschnitt ist die Abhängigkeit von der Backsteinbau-
kunst Norddeutschlands, vor allem die Verwandtschaft
mit den Bauten West- und Ostpreußens, charakteristisch,
und diese zumal im nördlichen und westlichen Kon-
greßpolen durch eine Fülle von Baudenkmälern ver-
tretene Kunst bildet den natürlichen Übergang zu der
Gruppe der Backsteinbauten im Süden, in dem kirchen-
reichen Krakau und um Lublin, das, einst ein kleines
Krakau, in ähnlicher Weise durch die Zahl seiner
Bauten ausgezeichnet war. In Litauen selbst läßt sich
die Einflußsphäre der Baukunst aus dem Deutschordens-
lande vom Ende des 13. Jahrhunderts ab bis in das
16. Jahrhundert hinein verfolgen. Die Grenze dieses
preußischen Kultureinflusses stimmt hier im alten
Litauen im allgemeinen etwa mit der Njemenlinie
überein. Sie deckt sich ungefähr mit der Grenze
des 1795 bei der dritten Teilung Polens zu Preußen
geschlagenen Neu-Ostpreußens, vor Grodno liegt,
als das früheste kirchliche Denkmal des ganzen Landes,
am Ufer des Njemen die Kollagankirche, ein ursprüng-
lich flach gedeckter dreischiffiger Backsteinbau mit
drei runden Apsiden nebeneinander, von einem noch
ganz romanischen Grundriß. Aber der Einfluß der
deutschen Ordens-Baukunst springt weit über dieses
Gebiet hinaus. In Wilna gehört ihm die reizvolle
Annakirche an, die ein Kleinod der ganzen nordischen
Backsteinkunst ist, südlich von Slonim in Synkowicze
die befestigte Michaelskirche mit ihrem merkwürdigen
Wehrgang und den doppelten Turmpaaren. In dieser

äußeren Linie liegen auch noch eine Reihe von mäch-
tigen litauischen Backsteinburgen, von den Jagelionen
errichtet, in Troki, Njedniki, Krewo und Lida, die
aber alle an die Baukunst im Ordenslande anknüpfen.

Trotz der langen Dauer der kriegerischen Opera-
tionen im Osten ist von den wichtigen nationalen
Denkmälern Polens, Litauens und Kurlands doch nicht
entfernt ein so großer Teil beschädigt worden, wie
nach den ersten beunruhigenden Nachrichten zu
befürchten war, und alle bedeutenderen Bauwerke
sind noch vor dem Eintritt des Winters gesichert
worden. Am stärksten sind immer die Zerstö-
rungen dort gewesen, wo der Stellungskrieg die
deutschen und die russischen Truppen monatelang
einander gegenüber festgehalten hat, so vor allem an
dem Bzura-Rawka Abschnitt, in dem Gelände zwischen
der ostpreußischen Grenze und dem Narew und an
der Linie, die östlich von Augustow und Suwalki sich
wieder parallel der ostpreußischen Grenzlinie hinzog.
Von den Kirchenbauten der spätgotischen Periode sind
vor allem zwei dem alten Kongreßpolen angehörige stark
mitgenommen worden, die Kirchen von Brochow und
von Prasnysz. Die Kirche von Brochow am rechten
Ufer der Bzura war im ganzen nördlichen Polen
eines der Hauptdenkmäler der späten Backsteingotik,
im 15. Jahrhundert gegründet, in der Mitte des 16. Jahr-
hunderts ausgebaut, unter den Bauten, die hier südlich
der Weichsel die ostpreußische Bauweise fortsetzen,
das kunstgeschichtlich wichtigste Monument, ein drei-
schiffiger Bau mit steilem Giebeldach, mit abgetreppten
Backsteingiebeln, an der Front einem relativ wenig
ausgebildeten viereckigen Turm und zwei sehr merk-
würdigen hohen runden Flankierungstürmen zur Seite
des Chorhauses. Wie bei der Michaelskirche zu Syn-
kowicze handelt es sich hier um eine befestigte Kirche.
Die ganze Anlage war von einer regelmäßigen Mauer
umzogen, mit Befestigungstürmen in deren Ecken,
und bildete eins der auch von den polnischen Malern
am häufigsten dargestellten Architekturbilder. Während
der lange andauernden Beschießung hat die" Kirche
sehr schwer zu leiden gehabt. Der schmale Westturm
ist in der oberen Hälfte völlig zerstört. Der West-
giebel steht noch, jedoch der Ostgiebel ist zusammen-
gebrochen. Von den beiden runden Flankierungs-
türmen ist der nördliche fast ganz, der südliche zur
Hälfte eingeschossen. Das Mauerwerk ist von so vielen
Granaten getroffen, daß die Wiederherstellung kaum
möglich erscheint.

In ähnlichem Zustand befindet sich die ehemalige
Bernhardinerkirche in dem heiß umkämpften, zwei-
mal von uns eroberten Prasnysz, ein ursprünglich
einschiffiger hoher Bau aus der zweiten Hälfte des
15. Jahrhunderts, der im Beginn des 18. Jahrhunderts
 
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