Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 18. 28. Januar 1916

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ZWEI BODE-FESTSCHRIFTEN

Zwei Berliner Festschriften sind dem Generaldi-
rektor der preußischen Kunstsammlungen zu seinem
siebzigsten Geburtstage dargebracht worden1). Die eine
von den Abteilungsleitern der ihm unterstellten öffent-
lichen Sammlungen, die andere von einem Berliner
Privatsammler. Sie sind ein sichtbares Dankeszeichen
der beiden Kreise, die der Leitung und Beratung Wil-
helm von Bodes so viel verdanken, und ein schönes
Echo seiner Bemühungen um die Pflege alter Kunst
in Berlin. Wollen sie doch offenbar zum Ausdruck
bringen, daß erst durch ihn der ungeahnte Aufschwung
möglich geworden sei, der sich auf der einen Seite
in dem großartigen Ausbau der staatlichen Samm-
lungen, auf der anderen in der Entstehung einer Reihe
bedeutender Privatsammlungen manifestiert.

Ihrem Inhalt nach sind die beiden Publikationen
wohl geeignet, von einer zwiefachen Geistesrichtung
in Bodes Persönlichkeit eine Vorstellung zu vermitteln.
Aus den »Forschungen aus den kgl. Museen zu Berlin«
wird von Aufsatz zu Aufsatz deutlicher, wie überall in
das Leben der Sammlungen die organisatorische Tätig-
keit ihres obersten Leiters fördernd, anregend, ordnend
eingegriffen hat. In dem »Verzeichnis der Schriften
von Wilhelm von Bode« wird man ein Bild seiner
intensiven Forscherarbeit auf weiten Gebieten der
Kunstgeschichte sich widerspiegeln sehn.

*

Die Forschungen aus den kgl. Museen zu Berlin
erscheinen zugleich als erstes Halbjahrsheft des Jahr-
buchs der kgl. preußischen Kunstsammlungen für 1916.
Eine Einleitung von Adolf Goldschmidt in Form eines
Briefes an den Generaldirektor geht den Aufsätzen
voraus. Sie spricht die Glückwünsche der Mitarbeiter
aus und entwirft ein lebendiges, von freudiger An-
erkennung getragenes Bild von der Tätigkeit des Ge-
feierten im Rahmen des Jahrbuchs und der Samm-
lungen. Der Kreis der Mitarbeiter ist weiter gezogen
als es sonst beim »Jahrbuch« üblich ist. Außer Auf-
sätzen aus dem Gebiet der neueren Kunstgeschichte
findet man auch solche aus dem der klassischen Ar-
chäologie und Kunstgeschichte, der prähistorischen
Archäologie, der Völkerkunde, der Münzkunde. Alle
behandeln Werke aus den Berliner Museen oder gehen
doch von solchen aus. Die Archäologen kommen

1) Forschungen aus den kgl. Museen zu Berlin. Wil-
helm von Bode zum siebzigsten Geburtstag. Berlin, Oro-
tesche Verlagsbuchhandlung 1915.

Verzeichnis der Schriften von Wilhelm von Bode zu-
sammengestellt von Ignaz Beth. Berlin und Leipzig, B. Behrs
Verlag 1915.

zuerst zum Wort. Theodor Wiegand publiziert einen
männlichen Torso aus hellenistischer Zeit. Er ist eine
Wiederholung jener beiden bekannten Figuren des
vatikanischen Museums und des Louvremuseums, von
denen die letztere lange für einen »sterbenden
Seneca« gehalten wurde, bis sich herausstellte, daß
sie vielmehr einen alten Fischer darstellt. Für alle
drei Repliken, die auf ein gemeinsames Original zu-
rückgehen müssen, schlägt Wiegand die Ergänzung
einer Angelrute in der rechten, eines Eimers oder
Fischkorbes in der linken Hand vor. Robert Zahn
bespricht ein bronzenes Salbölgefäß. Es hat die Form
eines kauernden Sklaven mit einer Laterne, eines »lan-
ternarius«, und läßt sich in eine Gruppe ähnlicher
Gefäße einordnen, die sich in Museen und Privat-
sammlungen Frankreichs und Englands befinden. Die
ganze Gruppe dürfte aus archäologischen wie kunst-
geschichtlichen Gründen in das 2. Jahrhundert zu
setzen sein und ist wahrscheinlich aus niederrheinischen
Werkstätten hervorgegangen. Einen silbernen mit Re-
liefs verzierten Szeptergriff untersucht Otto Weber.
Durch eingehende Vergleiche mit babylonischen Siegel-
zylindern wird die Datierung dieser Arbeit in die Zeit
um 2000 v. Chr. und ihre Lokalisierung in den von
Babylonien beeinflußten syrisch-hettitischen Kunstkreis
gewonnen. Die dargestellten Kampfszenen gehören
nach der Vermutung Webers alle der Gilgamesch-
Sage an. Eine besonders wichtige und interessante
Arbeit kommt aus der ägyptologischen Abteilung:
Heinrich Schäfer gibt einen Katalog der nicht unbe-
deutenden Berliner Sammlung von altägyptischen Zeich-
nungen auf Ton und Kalksteinscherben. Die meisten
von ihnen stammen aus den Schuttfeldern von Der-
el-Medine (Westseite von Theben) und gehören der
Zeit der 19. und 20. Dynastie an. Es sind Stücke
von größtem künstlerischen Reiz dabei. Die meisten
Darstellungen sind den von den Wänden der Tempel
und Grabkammern bekannten verwandt; in einem Fall
liegt sogar nachweislich eine Kopie nach einem Re-
lief vor (Gestalt der Königin von Punt im Tempel
von Der-el-bahari). Daneben finden sich aber auch
Zeichnungen, die man als Skizzen und Naturstudien
ansehen muß und die ein beredtes Zeugnis von der
an Japanisches gemahnenden Sicherheit ägyptischer
Zeichner und Schreiber ablegen. Dabei handelt es
sich, wie Schäfer ausführt, schwerlich um vorbereitende
Studien für größere Kunstwerke, sondern nur um flüch-
tige Einfälle oder Erinnerungsbilder.

Die Arbeiten aus dem Gebiet der neueren Kunst-
geschichte leitet ein Aufsatz von Oskar Wulff ein. Er
nimmt zwei Bildtafeln des Kaiser-Friedrich-Museums,
die eine die Madonna (als florentinisch bestimmt) die
andere Szenen aus dem Leben des Täufers (als um-
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