Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

Seite: 175
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Sammlungen — Vermischtes

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seinen Zeichnungen und Wasserfarbenbildern entdeckt,
besonders in den miniaturartig durchgeführten Blättern aus
»Tausend und Eine Nacht«. — Im Kaiser-Wilhelm-
Museum zu Krefeld stellt Professor Helmut Liesegang
zahlreiche Landschaften vom Niederrhein und aus Flandern
aus. — Im Kunstverein zu Barmen und im städti-
schen Museum zu Essen wechseln zahlreiche Aus-
stellungen. In Essen beweisen regelmäßig viele Ankäufe
den Anteil des Publikums. — Im städtischen Museum zu
Bonn schließlich veranstaltete die »Oesellschaft für
Literatur und Kunst« eine Winterausstellung, die dank
dem zielbewußten Vorgehen des Leiters, Prof. Max Ruhland,
den Dr. Lüthgen in Köln unterstützt, als einzige von allen
genannten einen ganz einheitlichen Charakter aufwies. Die
großen Stilleben von Heinrich Nauen, mehr noch einige
Parklandschaften, die Landschaften und Bildnisse von Joseph
Urbach in Neuß, die Pariser Midinettes von Otto von
Waetjen (jetzt in Barcelona), die Landschaft von Paul
Seehaus in Bonn — alles dieses und einiges andere wies
jene Richtung auf Vereinfachung in Form und Farbe auf,
die man die »expressionistische« zu nennen gewöhnt war.
Der Bonner »Oesellschaft« wartet noch eine sehr ehren-
volle Aufgabe: einen Überblick über "das Schaffen des im
Westen gefallenen Bonner Malers August Macke zu geben.
Diese Nachlaßausstellung wird mehr als alle Nachrufe
zeigen, wie sie gerade diesem bezaubernd-frischen Menschen
und phantasievollen Künstler so zahlreich gewidmet wurden,
daß die deutsche Kunst in Macke e^nen ihrer allerhoff-
nungsvollsten, bis zu einem gewissen Orade schon ge-
reiften Vertreter verlor. c.

Hannover. Im Kupferstichsaal desKestner-Museums

ist eineumfangreiche Ausstellungvon Radierungen und Litho-
graphien von Ernst Oppler, Berlin, vereinigt, die fast das
gesamte graphische Werk des in Hannover geborenen Künst-
lers umfaßt. Neben seinen bekannten, von Musik und Rhyth-
mus erfüllten Blättern des russischen Balletts wird auch seine
neueste Kriegsgraphik gezeigt. In zahlreichen Radierungen
behandelt er die zerstörten Stadtteile von Lille, aber er ver-
zichtet dabei auf alles Laute und Phantastische. Nicht das
Grausen des Krieges will er geben, nicht das Dröhnen ge-
waltiger Kämpfe im Trümmerfall geborstener Mauern in-
teressiert ihn, nur das reich entwickelte Spiel von Licht und
Schatten und die harnionische Bewegung der steigenden
und fallenden Linien. Auch von der Ostfront liegen Ar-
beiten vor. Auch diese Blätter sind von so feinem lyri-
schen Stimmungsgehalt, daß man fast vergißt, daß sie in
der Nähe heftiger Kämpfe entstanden sind. In seinen Bildnis-
Lithographien, in denen er im Felde gemachte Bekannt-
schaften festgehalten hat, zeigt er sich als ausgezeichneter
Porträtist.

Im Oberlichtsaal ist gleichzeitig eine Sammlung gra-
phischer Arbeiten des jungen, als Kriegsfreiwilliger im
Felde stehenden Hannoveraners Wilhelm Plünnecke
zu sehen. Zum erstenmal tritt hier ein Künstler an die
Öffentlichkeit, der zu den größten Hoffnungen berechtigt.
Neben seinen im Felde entstandenen, zumeist in Feder-
zeichnung ausgeführten figürlichen, landschaftlichen und
architektonischen Studien sind es besonders seine Illu-
strationen zu literarischen Werken, die bei glänzender Be-
herrschung der Technik eine feine Auswägung der Kom-
position und eine starke innere Ausdruckskraft enthalten.

Kuppers.

SAMMLUNGEN
Das Leipziger Kunstgewerbemuseum hat von der

Gesellschaft der Freunde des Museums, die am 7. Januar
ihre dritte Generalversammlung abhielt, eine bemerkens-
werte Elfenbeinstatuette Johannes des Täufers, eine fran-
zösische Arbeit des H.Jahrhunderts, zum Geschenk erhalten.
In der (25.) Sitzung der Gesellschaft sprach Dr. Walter
Schulz über die magischen Spiegel des Islam und legte
an der Hand von Abbildungen und Spiegeln aus dem
Besitze des Kunstgewerbemuseums dar, daß alle mittel-
alterlichen islamischen Metallspiegel mit oder ohne Griff
nach figürlichem Schmuck, Inschriften und Zeichen, magisch
sind. Sie sind keine Imitationen chinesischer Vorbilder,
sondern Originale in Harrdu (Syrien) geschaffen, nach
uraltem sakralen Vorbild und dem Astrolab sehr ähnlich.
Nach diesem Vortrag besprach Prof. Dr. Oraul eine Gruppe
der drei Grazien mit Amor, ein Werk der Veilsdorfer
Porzellanmanufaktur, das der Leipziger Kunstgewerbeverein
dem Museum zum Geschenk gemacht hat. Die Gruppe
geht auf ein Modell der Sevres-Manufaktur nach Boucher
zurück und gefällt durch gute Modellierung und reizvolles
Kolorit, sie stellt eine der besten figürlichen Arbeiten der
thüringer Fabrik um 1770 dar.

VERMISCHTES

Die großen Bildwerke für die Nischen im Sitzungssaal
des Reichstagsgebäudes hat Fritz Klimsch im großen
Modell fast vollendet, nach zweijähriger Arbeit. Die Aus-
führung wird bis nach Kriegsende zurückgestellt werden
müssen, denn infolge der Beschlagnahme der Kupfervorräte
ist an einen großen Bronzeguß jetzt nicht zu denken.

Die vier Kardinaltugenden sollten den Gegenstand von
Klimschs Arbeit bilden: Weisheit, Gerechtigkeit, Frömmig-
keit und Tapferkeit. So entwarf Fritz Klimsch vier
Männergestalten; für die Stirnwand des Saales oberhalb
der Estrade des Präsidiums und des Bundesrates die Weis-
heit und die Gerechtigkeit, in den beiden anderen Nischen
an der Seite die Gottesfurcht und die Tapferkeit. Der Weise
ist ein Greis mit der sprechenden Bewegung des in sich
versunkenen Sinnens und dem nach innen gekehrten Blick
der tiefsten Verinnerlichung. Die Gerechtigkeit ist ein Ge-
setzgeber an der Schwelle des Alters, aber mit dem ge-
waltigen Blick des Tatmenschen. Zwei bedeutende Per-
sönlichkeiten unserer Tage haben dem Künstler für die
Formung seiner Köpfe vorgeschwebt, in der Gewandung
hat er die Form etwa des antiken Mantels in monumentaler
Weise benutzt. Das andere Paar bringt die großen Gegen-
sätze des deutschen Wesens in eine beredte Form. Die
Gottesfurcht ist ein nackter Jüngling in der ganz hinge-
nommenen Haltung eines ideal Entrückten. Die Tapferkeit
stellt der deutsche Michel selbst dar, mit einer kernigen
Bewegung das Schwert packend, mit dem Blicke des Wäch-
ters, in einer Rüstung, die Motive aller Zeilen in einer freien
künstlerischen Weise dem großen Zuge der Figurenbe-
wegung unterordnet.

Neben diesen monumentalen Aufgaben schuf Klimsch
jetzt eine Bronzebüste des Generalfeldmarschalls vonBülow,
die den Charakterkopf des Heerführers in eindrücklichsler
Weise gestaltet. Daneben arbeitet er auch an einer seiner
Frauenfiguren, einer fliehenden Daphne: mit erhobenen
Armen wendet sich die Gestalt zu dem Verfolger zurück, und
dies Motiv der Drehung gibt dem Künstler den Haup'treiz.

Inhalt: Die Erwerbung der Thiemeschen Sammlung für das Museum der bildenden Künste in Leipzig. Von Julius Vogel — In Sachen der Wiener
Akademie. Von W. v. Seidlitz. — Veränderungen in der Dresdner Oalerie. Von P. Schumann. — Thaddäus Ajdukiewicz t - Ausgrabungen
an dem Halbkreiswalle der Stadt Schleswig. Neue Funde auf dem Urnenfriedhof in Neugraben bei Harburg. — Rheinische Kunstausstellungen.

_Ausstellung in Hannover. - Das Leipziger Kunstgewerbemuseum. - Bildwerke für die Nischen im Sitzungssaal des Reichstagsgebäudes.

Verantwortliche Redaktion: Gustav Kirstein. Verlag von E. A. Seemann, Leipzig, Hospitalstraße 11 a
Druck von Ernst Hedrich Nachf., q.m.b.H., Leipzig
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