Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Ausstellungen

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sationen aller Art vor diesen Leinwanden zu erleben
imstande ist, die nur nicht gerade notwendig mit
einer bestimmten bildkünstlerischen Gestaltung ver-
knüpft sind. Und hier scheint uns die entscheidende
Frage zu liegen. Aber es war versprochen worden,
sie nicht aufs neue aufzurollen.

Von Lenbach zu Kandinsky ist ein weiter Weg.
Und doch sind beide Münchener Erscheinungen,
kaum in gleicher Form denkbar in Berliner Luft, die
anscheinend zu einer gewissen, vielleicht zuweilen nicht
immer angenehmen Art von Sachlichkeit erzieht. Auch
die Weisgerber-Gedächtnisausstellung, die jetzt von
München nach Berlin überführt worden und bei Paul
Cassirer zu sehen ist, zeigt hier ein etwas anderes
Gesicht und kann darum nicht ganz mit Stillschweigen
übergangen werden, obgleich sie von München aus
bereits eingehend gewürdigt wurde. Der Münchener
Kollege möge es mir verzeihen, wenn ich nicht ganz
die restlose Begeisterung für die Werke des leider
durch den Tod auf dem Schlachtfelde der Kunst zu
früh entrissenen Präsidenten der Neuen Sezession auf-
zubringen vermag. Es liegt nicht an der anderen
Zusammensetzung der Ausstellung, in der ein paar
der besten Stücke, vor allem das kleine Balkonbild,
das Weisgerbers geschlossenste Leistung war, fehlen,
die dafür aber von manchem Ballast an nebensäch-
lichen und studienhaften Bildern befreit, in dem Saal
bei Cassirer weit einheitlicher und geschlossener wirkt
als in den Räumen der Neuen Sezession in München.
Weisgerber gehört in die Reihe der Hofer, Caspar
und anderer, die sich um einen neuen Klassizismus
bemühen. Er machte eine merkwürdige Entwicklung
durch, indem er nach einer normalen Münchener
Akademiebildung nachträglich und zu spät für eine
einheitliche Verarbeitung die Wege fand, die zu der
neuen Ausdrucksform des Cezanne hinführen. So
bleibt allen seinen Kompositionen ein eigentümliches
Zwitterwesen. Man spürt noch einen anderen Herte-
rich, auch in dem neuen farbigen Gewand. Die Bilder
sind nicht von ihren formalen Elementen aus gestaltet,
wie die Lehre es will, deren Resultate Weisgerber
zum Vorbild nahm, sondern Konzeptionen, die einer
grundsätzlich anders gerichteten Geistesverfassung ent-
stammen, sinrj nachträglich in ein bestimmtes formales
und farbiges System gezwungen. Ob Weisgerber diesen
Zwiespalt überwunden, ob er die notwendige Synthese
gefunden hätte, bleibt eine offene Frage. Daß ein
starkes Talent verloren ging, steht außer Zweifel. Was
er hinterließ, sind nicht mehr als Ansätze zu einem
bedeutenden Werk.

Immerhin wird niemand wagen, die ernsthafte Ge-
sinnung Weisgerbers in Frage zu ziehen, der gerade
damit vielleicht berufen gewesen wäre, dem Münchener
Kunstleben eine Richtung zu geben. Man vermag nicht
das gleiche zu sagen von einem für Berlin neuen
Mann, den die Kunsthandlung Fritz Gurlitt vorführt.
Der Name ist Dietz Edzard. Soll man ein Bild von
seiner Art geben, so ist an österreichische Künstler
zu erinnern von Romako über Klimt bis zu Kokoschka,
Schiele, Oppenheimer. Es ist die gleiche geschmäck-
lerisch überempfindsame Art, die nur hier durch offen-

bar bewußte Anlehnung und Nachahmung so indi-
viduellerund darum nur einmal erträglicher Ausdrucks-
formen wie der des Kokoschka sich in Mißkredit setzt.
Frei nach Romakos Tegethoff ist das Porträt des Ad-
mirals Scheer erfunden. Ist etwas bemerkenswert, so
ist es die Virtuosität dieses Anempfindens.

Es gibt in dem verwickelten Kunstbetrieb unserer
Zeit so vielfache Möglichkeiten scheinbarer Originali-
tät, daß eine geschickte Rezeptmalerei noch oft genug
raschen Erfolg verspricht. So wird mancher, der voll
Erwartung zu Schulte gegangen ist, nachdem er Fritz
Stahls begeisterten Hymnus auf Heinrich Heidners
Kriegsbilder gelesen hat, eine Enttäuschung erlebt
haben, da er sich einer falschen Monumentalität
gegenüber sah, die mit großen Kurven und leeren
Flächen den Anschein von Größe zu wecken sucht.
Egger-Lienz hat zuerst diese Formel gefunden und
mit seinen aufgeblasenen Wesen, die nach Meuniers
Arbeitergestalten konstruiert waren, einen billigen Er-
folg errungen. Heidner vergrößert nach ähnlichem
Schema seine Studien, in denen immerhin im Gegen-
satz zu den kahlen und nüchternen Bildern noch ein
Auge und eine Hand zu spüren sind. Damit erhebt
er sich gewiß weit über die Trivialitäten Ferdinand
Staegers, die im Nebensaale zu sehen sind. Aber daß
nun endlich der lang verheißene künstlerische Ertrag
des Krieges gewonnen sei, will uns nicht einleuchten.
Die politischen Karikaturen Daumiers wirken noch
heute selbst in ihren Motiven aktueller als etwa die
Hefte der glücklich entschlafenen »Kriegszeit«, in
der doch die besten Namen vertreten waren. In
J. B. Neumanns graphischem Kabinett war einmal
eine geschickte, kleine Auswahl von Daumiers Aktuali-
täten zu sehen. Auch die letzte Sommerausstellung
dieses Unternehmens verdient ein Wort, da sie mit
einem tüchtigen rheinischen Künstler, dem Radierer
Franz M. Jansen, bekannt macht.

Wir schätzen es höher als alle Kriegskunst, daß
die Kunst selbst, die immer eine friedliche Betätigung
war und bleiben wird, auch während des Krieges nicht
versagte, und wir nehmen es als erfreuliches Zeichen,
daß die Berliner Ausstellungen sich auch für diesen
dritten Kriegswinter rüsten, als herrschten friedliche
Zeiten. GLASER.

AUSSTELLUNGEN
Hamburg. Das Hamburger Kunst- und Gewerbe-
museum hat die seit dem Ableben seines Begründers
und ersten Direktors Brinckmann (Februar 1915) gemachten
Neuerwerbungen in einer Ausstellung vereinigt, die das
rüstige Fortschreiten der derzeitigen Leitung auf den von
Brinckmann gewiesenen Bahnen vor Augen führen. Der
Erwerb einiger Prachtstücke Alt-Hamburger Goldschmiede-
kunst gab Anlaß, dieser Ausstellung eine größere Zahl
Arbeiten verwandter Art aus dem älteren Besitz des Museums
zu gesellen, die in ihrer hier erstmalig gebotenen Ver-
einigung eine historische Übersicht über die wichtigsten
Abschnitte aus der Blütezeit der hamburgischen Gold-
schmiedekunst gewähren, deren vornehmste Erzeugnisse
im Laufe der beiden letzten Jahrhunderte meist nach Däne-
mark, Rußland und England abwanderten, bezw. dahin ver-
schleppt worden sind. Einer von dem derzeitigen Leiter
des Museums, Prof. Dr. Richard Stettiner, kürzlich ver-
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