Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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In Sachen der Wiener Akademie — Veränderungen in der Dresdner Galerie

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IN SACHEN DER WIENER AKADEMIE

Vor reichlich dreißig Jahren entstand eine aus-
gedehnte Literatur über die Frage, ob die Leitung
von Gemäldesammlungen den Künstlern zu lassen
oder Kunsthistorikern anzuvertrauen sei.

Was damals noch als Frage hingestellt werden
konnte, bildet jetzt für mich überhaupt nicht mehr
einen Gegenstand der Erörterung. Seitdem alte Ge-
mälde selten geworden sind und mit ungeheuren
Preisen bezahlt werden müssen, würde ein Direktor
verraten und verkauft sein, der ohne genaue Kenntnis
der Kunstgeschichte und vor allem der Bilder in den
übrigen Galerien sich nur auf seinen Geschmack und
seine Kenntnis der Technik verlassen wollte. Um
sich die nötige Erfahrung anzueignen und die un-
geheuer angewachsene Literatur des Faches zu be-
wältigen, müßte er ganz von vorn anfangen und
mindestens ein Jahrzehnt auf solche Vorbereitung ver-
wenden. Dann wäre es aber auch aus mit seiner
Ausübung des Malerberufes, da beides nicht vereinigt
werden kann. Ohne kunstgeschichtliche Schulung
läßt sich meiner Überzeugung nach selbst eine Samm-
lung moderner Bilder nicht verwalten, da ein Maler,
je tüchtiger er in seinem Fach ist, notwendigerweise
um so einseitiger in der Beurteilung der lebenden
Kunst sein wird, neuen Bestrebungen aber unzu-
gänglich bleiben muß, sobald er sie selbst nicht mehr
mitzumachen vermag.

Auch in bezug auf so wichtige Fragen, wie die
Zuschreibung eines Bildes an den einen oder den
anderen Künstler, die Unterscheidung von Original und
Kopie, die Bestimmung eines Werkes als selbständige
Leistung oder als Nachahmung, wobei es sich um
Wertunterschiede von Hunderttausenden handeln kann
und die schon Kunsthistorikern Kopfzerbrechen genug
bereiten, kann dem Maler sein bloßes Gefühl und seine
Übung nicht helfen. Da heißt es Augenerkenntnisse
mit Bücherwissen verbinden. Das aber kann ohne lang-
jähriges mühsames Studium nicht erworben werden.

Es freut mich übrigens, daß solche Erwägungen
durch die Lösung, welche die Frage unterdessen in
Wien gefunden hat, gegenstandslos geworden sind.

Dresden, Anfang Januar 1916.

W. v. SEIDLITZ.

VERÄNDERUNGEN IN DER DRESDNER GALERIE
In der Dresdner Galerie sind trotz dem Kriege
wieder einige Neuerungen zu verzeichnen, die zugleich
entschiedene Verbesserungen sind. Die wichtigste be-
trifft die Kopie nach der Holbeinschen Madonna, die
bekanntlich bis heutzutage einen Ehrenplatz, sozu-
sagen als Gegenstück zu Raffaels Sixtinischer Madonna,
einnahm. Allerdings bezeichneten böse Menschen den
hölzernen Aufbau, der die Holbeinsche Madonna und
einige andere Bilder trug, als ein süßliches Kon-
ditoreibüffet, aber immerhin — die prunkhafte Auf-
stellung verlieh dem Bilde einen Ruhmesglanz, der
einer Kopie eben nicht zukommt. Bekanntlich haben
beim Holbeinkongreß in Dresden 1871, als die Darm-
städter Madonna und die Dresdner Madonna einander
gegenüberstanden, vierzehn deutsche Kunstgelehrte,

darunter Thausing, Bayersdorfer, Lippmann, Vögelin,
Wörmann und Bode, die Dresdner Madonna als eine
freie Kopie des Darmstädter Bildes erklärt, die nirgends
die Hand Holbeins desjüngeren erkennen lasse, während
eine Reihe von Malern sie für eine verbesserte Wieder-
holung von der Hand des Meisters bezeichneten. Das
Urteil der Kunstgelehrten hat sich allmählich als un-
umstößliche Wahrheit durchgesetzt, vor allem seitdem
im Jahre 1887 von dem Darmstädter Bilde der trübe
gewordene Firnis mit den alten Übermalungen ab-
gewaschen wurde und nunmehr das Darmstädter Bild
in völlig unberührter Schönheit und herrlichster Farben-
pracht erstrahlt, wie zur Zeit seiner Entstehung. Seit-
dem spricht auch kein Wissender mehr davon, daß
die Dresdner Kopie eine Verbesserung des Darmstädter
Gemäldes bedeute. Es ist sogar in allen Teilen schlechter,
trockener und flauer gemalt, auch im Gesichtsausdruck
der Madonna nicht vertieft, sondern versüßlicht. An-
gesichts dieser und anderer Tatsachen konnte der Ver-
such des Grazer Gemälderestaurators Ludwig Kainz-
bauer im Jahre 1906, die Dresdner Madonna zu retten,
bei allen wirklichen Kunstkennern nur einen Heiter-
keitserfolg haben; hatte dieser bedeutende Kunstkenner
es doch gewagt zu urteilen, ohne die Urbilder der
beiden Madonnen auch nur gesehen zu haben.

Direktor Posse, der kürzlich einen kurzen Urlaub
aus dem Felde in Dresden verlebte, hat nun während
dieser Zeit das Holbeinzimmer gründlich verändert
und dabei in folgerichtiger Weise die Kopie von ihrem
Ehrenplatze entfernt. An der Stelle des ehemaligen
hölzernen Aufbaus steht eine schlichte mit Stoff be-
spannte Wand, und auf dieser hängt in der Mitte das
wundervolle Bildnis des Sieur de Morette, eines der
besten Werke Holbeins während seines zweiten Aufent-
haltes in England, eines der wirklichen Glanzstücke
der Dresdner Galerie. Daneben hängt auf der einen
Seite das Holbeinsche Doppelbildnis des Sir Thomas
Godsalve und seines Sohnes John, ebenfalls ein Haupt-
bild des Meisters und eins der wenigen Werke aus
der Zeit seines ersten Aufenthaltes in England. Auf
der andern Seite hängt das Bildnis Bernhard van
Orleys von der Hand Albrecht Dürers aus dem
Jahre 1521, ein kennzeichnendes Bild der Antwerpener
Spätzeit dieses Meisters. Damit haben drei wirkliche,
in ihrer Echtheit unbestrittene Meisterwerke den Ehren-
platz erhalten, den bisher unberechtigter Weise die
Madonnenkopie einnahm. Die beiden Holbeinschen
Bildnisse, die Holbeins bekannte meisterhafte Malweise
so glänzend offenbaren, sollten nunmehr wohl auch
von den weiteren Kreisen der Galeriebesucher ihrem
Werte nach gewürdigt werden.

An der zweiten Wand des Kabinetts hängt, um
auch dies noch zu sagen, in der Mitte das köstliche
Flügelaltärchen des Jan van Eyck, umrahmt von zwei
oberdeutschen Bildnissen, über diesen drei Bildern
einer der altniederländischen Wandteppiche: das Abend-
mahl Christi, an der dritten — gegenüber dem Morette
— die entthronte Madonna. Der ganze Raum wirkt
jetzt sehr viel besser als vordem, künstlerisch wohl-
zusammengestimmt und in der Verteilung der Kunst-
werke der kunstgeschichtlichen Wahrheit entsprechend.
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