Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Nekrologe — Ausgrabungen — Ausstellungen

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Auch die beiden folgenden Räume, die nach dem
östlichen Pavillon zu liegen, sind übrigens bei dieser
Gelegenheit vorteilhaft verändert worden. Im ersten
Räume hängen jetzt vor allem acht Dresdner Ansichten
Canalettos, die bisher in ungünstiger Aufstellung
ihrer Wirkung beraubt waren, jetzt aber im ange-
messenen Lichte alle Vorzüge der köstlichen Ansichten-
kunst Canalettos uns offenbaren, als hätten wir sie
bisher noch nie gekannt. Im zweiten Sale hängt an
der Stirnwand der Christus am Kreuze, der bisher
Dürer zugeschrieben wurde, nunmehr aber nach Kehrers
wohlvorbereitetem Angriff seine Echtheit erst noch zu
erweisen haben würde, zu beiden Seiten holländische
Bildnisse, darüber einer der altniederländischen Tep-
piche: die Himmelfahrt Christi. Die zweite Wand
nimmt Jörg Breus Ursula-Altar ein, die dritte Dürers
Dresdner Altar, umgeben von den Schildereien aus
Christi Leben, die Dürers Werkstatt zugeschrieben werden.

Diese gesamten Veränderungen müssen als eine
sehr glückliche Fortsetzung von Posses umgestaltender
Arbeit in der Dresdner Galerie bezeichnet werden.
Besonders der Motette mit den beiden anderen Bild-
nissen von Holbein und Dürer wirkt auf dem matt-
roten Sammet geradezu prachtvoll. p. SCHUMANN.

NEKROLOGE
Der Maler Thaddäus Ajdukiewicz ist in Krakau im

64. Lebensjahre gestorben. Er war einer der tüchtigsten
Pferdemaler; Sport- und Militärbilder waren seine Lieblings-
themen, und er genoß auf diesem Gebiete internationale
Bedeutung. Im Herbst meldete sich der Dreiundsechzig-
jährige als Freiwilliger zu den polnischen Legionen und
machte auch verschiedene Kämpfe mit. Im Felde hat er
mehrere Bilder geschaffen. Thaddäus war ein Vetter des
in Wien lebenden Malers Siegmund Ajdukiewicz.

AUSGRABUNGEN
In und an dem Halbkreiswalle, der südlich der Stadt
Schleswig das östliche Ende des mittleren Zweiges der
Dammwerkbefestigungen bildet, sind seit mehreren Jahren
Ausgrabungen angestellt worden, die vielerlei Ansiedlungs-
reste ergeben haben. Hier war der Mittel- und Stützpunkt
der eingewanderten Schweden, die sich im zehnten Jahrhun-
dert einige Generationen hindurch gegen die Dänen behaup-
teten. Ein Weg führte, wie auch noch heute, nach Mit-
teilung des »Burgwart« von Süden nach Norden durch den
eingeschlossenen Bereich, der nach seiner Größe eine be-
scheidene Stadt oder einen geräumigen Hafenort fassen
konnte, und zieht in gerader Linie auf der vormaligen
Brücke oder Durchfahrt zum nördlich gelegenen, jetzt allein
noch bewohnten Stadtbezirke der Stadt Schleswig. Der
nördliche Durchschnitt des Walles.ist genau durchforscht,
und man hat da, als Überbleibsel des »Tores«, die ge-
pflasterte Durchfahrt gefunden. Die Lage und einiges von
der Beschaffenheit des südlichen Zuganges, in dessen Um-
gebung die Wälle gut erhalten sind, ist nunmehr untersucht
und festgestellt. Schleswig wird in ältesten Zeiten auch
Hadeby genannt; die neuere Forschung will den Namen
Hadeby dem Räume innerhalb des Halbkreiswalls zueignen,
der gewöhnlich mit dem Namen Oldenburg bezeichnet wird.

Neue Funde auf dem Urnenfriedhof in Neugraben
bei Harburg. Auf dem »Langen Berge« der Neugrabener
Heide wurden dieser Tage die Grabungen unter Leitung
des Harburger Museumskonservators fortgesetzt. Von

16 geöffneten Gräbern erwiesen sich zwei als Massen-
gräber. Je ein großer abgespalteter Findling bedeckte die
Steinkammern, in denen die Aschentöpfe leider fast ganz
und gar zerdrückt waren. Die Form und Farbe der Aschen-
töpfe ist, wie die Zeitschrift »Hannoverland« mitteilt, sehr
verschieden. Während alle übrigen Urnen, einschließlich
der früher an dieser Stätte gefundenen, ganz schlicht waren,
fand man jetzt zum erstenmal einen leider zerbrochenen
Aschentopf, der oberhalb des Bauches sehr hübsche Strich-
muster aufweist und eine besondere Größe hatte. An
Beigaben fand man den Rest einer eisernen Gewandnadel
und eine sehr hübsche bronzene Gewandnadel aus der
La-Tene-Zeit. Alle Funde sind in die vorgeschichtliche
Abteilung des Harburger Museums eingereiht.

AUSSTELLUNGEN
Rheinische Kunstausstellungen. Im Kölner
Kunstverein sind mit größeren Sammelausstellungen
Hermann Goebel, Gustav Kampmann und Maria Caspar-
Filser vertreten. Die Münchner Künstlerin macht den
stärksten Eindruck; ihre Stilleben wie auch die Landschaften
bieten in der straffen farbigen Komposition etwas Be-
ruhigendes; ein gewisser doktrinärer Zug, der früher einen
neuen Akademismus der von Cezanne Beeinflußten be-
fürchten ließ, wird zum Vorteil der Malerin von der Stärke
des Erlebnisses vor der Natur aus dem Felde geschlagen.
Die große Berg- und Burglandschaft mit dem triumphieren-
den Rot der Dächer muß als ein bedeutendes Werk ge-
priesen werden. Kampmann bietet Bekanntes. Der Karls-
ruher Goebel überzeugt mehr in den flüssig gemalten
Landschaften kleineren Formats als mit den etwas bunten
und leeren größeren Bildern. Von Einzelbildern seien
hervorgehoben ein sehr schönes »Totes Reh« von G.Courbet
(1865), eine große Jahrmarktsszene von Josef Sperl, ein
Früh werk von 1872, das von weitem wie ein Vautier wirkt,
und ein prachtvoller »Buchenwald« Trübners (1909). Die
Graphik wird im Kunstverein liebevoll gepflegt, verdiente
aber andere Räume als die engen Korridore. Die so intimen
Landschaftsradierungen von Peter Halm sind beinahe tot-
gehängt. Mehr zur Geltung kommen Orliks radierte Reise-
skizzen aus Ägypten und die neuen Bildnislithographien, die
fast alle im Profil gesehen sind. In den Köpfen der Dichter
Stehr, Loerke, Fleischlen und Mombert, ferner des Grafen
Mielzynski und des Geheimrats Adolf Goldschmidt zeigt
sich Orlik, der Vielgewanderte und fast allzu Gewandte,
wiederum als einen Charakteristiker von seltener Ein-
dringlichkeit. Die neue Radierung Wilhelm von Bodes
befremdet zunächst, da sie an Stelle des abgenutzten
Klichees »schneidiger Draufgänger« einen sehr nachdenk-
lichen, fast versonnenen Gelehrtentyp bringt, der bei
längerer Betrachtung mehr und mehr überzeugt. Außer-
dem sind zahlreiche Originalzeichnungen aus dem »Simpli-
cissimus« ausgestellt. — In der Kunsthalle zu Düssel-
dorf brachte die Weihnachtsausstellung den Düsseldorfer
Künstlern einen sehr ansehnlichen äußeren Erfolg, zumal
da auch der Kunstverein sich an den Ankäufen beteiligte.
Die städtische Galerie erwarb darauf eine Bleistiftzeichnung
von Heinrich Otto und ein Ölbild »Der Maler« von Adolf
Schönnenbeck, der bisher nur mit den dunklen Gemälden
der Frühzeit vertreten war. Im Januar bestätigte eine
Sammelausstellung von Zeichnungen von der Ostfront von
Pfaehler von Othegraven den trostlosen Eindruck, den
man vom größten Teile unserer »Ktiegsmalerei« empfängt.
Auch sonst ist kaum etwas Gutes zu vermelden. Uzarski,
auf den hier früher mit Nachdruck hingewiesen wurde,
schadet sich selbst durch Überproduktion und allzu hastiges
Ausstellen. Im Einzelnen wird wieder viel Reizvolles in
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