Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Nekrologe — Sammlungen

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ihm auch vollständig gelungen ist. Es scheint die
Sonne auf der Hand und auf dem Busen der Peters-
burger Madonna, alles ist in zwei Tönen weich
modelliert, ohne Reflexe, aber doch durchleuchtet.

Das Pester Exemplar zeigte überall die für Cor-
reggio und Palma so charakteristischen kleinen Risse,
die ich oben mit den japanischen Craquele-Vasen
verglich. Das Petersburger hat nicht einen Sprung, ich
denke mir, daß es ganz ä la prima gemalt ist, so
sicher war der Meister nach der etwas überstudierten
ersten Version. Er wußte, was er wollte, und was
er zu vermeiden hatte.

Von dem Exemplar der Eremitage ist nur bekannt,
daß es ein gewisser Cavaceppi für drei Dukaten in
einem entsetzlichen Zustand, schmutzig und übermalt
erstand und dem Maler Joseph Johann Casanova ver-
kaufte, der es vortrefflich reinigte, denn es ist aus-
gezeichnet erhalten, und durch die Vermittelung Anton
Raphael Mengs an die Kaiserin Katharina weiterverkaufte.

Baldinucci. Vol. I, p. 259, Vita di Francesco Spiere
sagt von dem Esterhazybilde: »ad un real grande
d'una Madonna del Correggio, quella stessa che pos-
sodeva giä il Signor Muzio Orsini, che la vende all
Eccellentissimo Marchese Carpio Vicere di Napoli per
ottonato — 800 scudi.«

NEKROLOGE
Fritz Lißmann, geboren 24. Oktober 1880, ist im
Kampfe am 27. September im Westen gefallen. Er fand
in Weishaupt und Trübner jene Lehrer, deren er bedurfte,
um in Jahren, in denen andere sich noch ringend um
Aneignung der elementaren Orundformeln der Kunst be-
mühen, sich eine bereits unbestrittene Meisterschaft anzu-
eignen. Das Sondergebiet Lißmanns war die Tierwelt,
besonders die Vogelwelt der Arktis. In Hamburg war der
verewigte Künstler seit 1906 tätig. Werke seiner Hand
finden sich in verschiedenen staatlichen und zahlreichen
Sammlungen privater nordischer Kunstfreunde. w.

Am 13. September fiel auf dem östlichen Kriegsschau-
platz der Graphiker Kurt Schäfer aus Berlin-Friedenau,
Mitglied des Deutschen Künstlerbundes.

SAMMLUNGEN
In dem neueingerichteten Kabinett des Berliner
Kaiser-Friedrich-Museums vor dem van Eyck-Raum hat
kürzlich ein oberdeutsches Gemälde zunächst leihweise
Aufstellung gefunden, das stilgeschichtlich der gleichen
Gruppe angehört, aus der das Museum unter anderem die
zwei bekannten mittelrheinischen Altarflügel besitzt. Die
Werke dieser Epoche, deren Hauptmeister Multscher, Witz,
Lochner heißen, und die rund um 1440 anzusetzen sind,
kommen nicht eben häufig vor, und jede Bereicherung
unserer Kenntnis und unseres Besitzes ist darum zu be-
grüßen. Die lokale Zugehörigkeit ergibt sich aus der Pro-
venienz der Tafel ebenso wie aus der besonderen Typen-
ndung, die in das bayerisch-österreichische Kunstgebiet
Ein ^arSestellt ist die Enthauptung der heiligen Agnes,
tun dro"'S verzeichnetes kleines Schaf erlaubt die Deu-
Maf .^esonders zu rühmen ist die gute Erhaltung der
und^h' *~>'e ^ar^en haben noch ihren vollen, alten Schmelz
Werk üf Sa^'Se Fülle. — Zugleich mag auf ein anderes
, r österreichischen Kunst nochmals hingewiesen
in, das bereits vor einiger Zeit in dem Räume der Neu-
erwerbungen für das künftige deutsche Museum Aufstellung

fand, eine Verkündigung, die etwa um ein Jahrzehnt später
entstanden als die Enthauptung der heiligen Agnes, eben-
falls noch der umschriebenen Stilstufe entstammt. Plietzsch
veröffentlicht die Tafel im letzten Heft der Amtlichen Be-
richte zusammen mit einer Heimsuchung im Stift Neu-
kloster in Wiener-Neustadt, mit der sie ebenso wie eine
Verkündigung an Joachim auf Burg Seebenstein ursprüng-
lich zum gleichen Altarwerk gehörte. Die Bauarbeiten an
dem deutschen Museum schreiten inzwischen trotz des
Krieges rüstig voran. In den letzten Wochen sind die
Mauern um ein gutes Stück in die Höhe gewachsen.

® Das Museum of fine Arts in Boston veröffentlicht
in seinem im Monat August ausgegebenen Bulletin eine
Anzahl chinesischer Skulpturen, die in neuerer Zeit in der
Sammlung Aufstellung gefunden haben. An keiner anderen
Stelle außerhalb des fernen Ostens wird ostasiatische Kunst
mit gleicher Umsicht gesammelt wie in Boston, wo ihr
nicht nur ein kärgliches Budget zugewiesen ist, sondern
sie gleichberechtigt und beinahe bevorzugt neben der Kunst
Europas steht. Nach Fenollosas Tode sorgte Okakura
Kakuzo hier mit großer Sachkenntnis für die Vermehrung
der Sammlungen. Er war vor allem ein vorzüglicher Kenner
des japanischen Kunstbesitzes. Nachdem auch er vorzeitig
gestorben ist, findet, dem Zuge der Zeit folgend, nun die
Abteilung der älteren chinesischen Kunst besondere Pflege.
Und die drei bedeutendsten Stücke altbuddhistischer Skulp-
tur, die in den letzten Jahren auf den Markt gelangten,
haben den Weg nach Boston gefunden. Der Bericht gibt
zunächst die Abbildungen einiger Steinplatten aus Gräbern
der Hanzeit, wie solche nun in den meisten Sammlungen
ostasiatischer Kunst zu sehen sind. Ein besonders reiches
Stück der Art ist eine Leihgabe des Dr. Denman W. Roß,
dessen Freigebigkeit das Bostoner Museum nicht wenig
zu danken hat. Er ist auch der Spender der beinahe zwei
Meter hohen Sitzstatue der Kuan Yin, die als Denkmal für
Okakura Kakuzo in dem Museum aufgestellt wurde. Das
Werk ist von einer Ausstellung des Pariser Cernuschi-
Museums weiteren Kreisen bekannt. Im Typus, im Auf-
bau, in der Faltengebung geht es eng zusammen mit den
Werken, die in Japan aus der Regierungszeit der Kaiserin
Suiko bekannt sind und gewiß ebenfalls auf China als
Ursprungsland zurückgehen. An Qualität kann sich die
große Steinskulptur nicht mit den wundervollen Holzstatuen
in Japan messen. Aber aus China wurde bisher nichts
besseres der Art bekannt, und das Bostoner Museum be-
sitzt in dieser Kuan Yin jedenfalls das eindrucksvollste
Werk der archaischen Skulptur des chinesischen Buddhis-
mus, das bisher in eine Kunstsammlung gelangte. Während
diese Statue schon seit mehr als Jahresfrist dem Bostoner
Museum gehört und auch in einem früheren Bericht be-
reits veröffentlicht war, ist eine zweite, stehende Kuan Yin
von nahezu 272 Meter Höhe erst neuerdings käuflich er-
worben worden. Nach japanischer Datierung wären diese
als ein Werk der frühen Tempyözeit anzusehen. Für China
bedeutet das die Zeit vom Ende des 6. bis zum Beginn
des 7. Jahrhunderts. Wieder darf man nicht den Maßstab
der in Japan erhaltenen Meisterwerke anlegen, muß aber
zugestehen, daß aus China von dieser Epoche kaum eine
edlere und reifere Statue den Weg ins Ausland gefunden
hat. Das Werk repräsentiert die Höhe des archaischen
Stiles buddhistischer Plastik in China. Mit all seinem
Schmuck an flachgelegten Gewandfalten und Kettenzierat
erinnert es unmittelbar an die Kunststufe der Frauen-
gestalten von der athenischen Akropolis. Das dritte Stück,
das als Leihgabe im Bostoner Museum Aufstellung ge-
funden hat, ist wieder von einer Pariser Ausstellung und
außerdem durch eine mustergültige Publikation Chavannes
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