Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 15. 7. Januar 1916

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KÜNSTLER ALS GALERIELEITER

Wie wir schon in der vorigen Nummer der »Kunst-
chronik« berichteten und wohl jeder Leser aus derTages-
presse, die sich des Falles lebhaft angenommen hat,
weiß, haben W. von Bodes hier veröffentlichte Mit-
teilungen über seinen Besuch in der Wiener akademi-
schen Galerie weittragende Wirkung ausgeübt; vor
allem - wie uns ein gut unterrichteter Wiener Ge-
lehrter soeben schreibt - eine sehr erfreuliche auf die
Frage der Neubesetzung. Inzwischen ist uns noch
die folgende Einsendung zugegangen :

Bodes Veröffentlichung über den von der Wiener
Akademie neu erworbenen Tizian (s. Kunstchronik
Nr. 2 und 4 vom 8. und 22. Oktober 1915) hat einen
argen Sturm im Wasserglas erregt; Protest der die
Gemäldesammlung verwaltenden Künstler, Protest des
akademischen Professorenkollegiums — einzelnes da-
von ist ja auch bis in die Kunstchronik gedrungen —
und zuletzt, da Gustav Glück, Direktor der Gemälde-
galerie des Wiener Hofmuseums, die Bodesche Be-
merkung, daß diese Galerie die schlechtest verwaltete
sei, etwas ausführlicher bewies, eine Kundgebung der
Künstlerschaft Wiens gegen die bösen Kunsthistoriker
im allgemeinen. In erregten Worten, deren Ton an
sich schon ein Protest gegen jede Art von Bildung
war, wurde gegen die Notwendigkeit kunsthistorischer
Bildung zur Verwaltung einer Gemäldegalerie Ein-
spruch erhoben, und dieser uralte Prinzipienstreit
zwischen Künstlern und Kunsthistorikern kurzerhand
dadurch entschieden, daß den die akademische Ge-
mäldegalerie verwaltenden Künstlern höchstes Lob
und unbedingte Anerkennung ausgesprochen, anderer-
seits — die beste Parade ist der Hieb — verschiedene
konkrete Vorwürfe gegen Direktor Glück erhoben
wurden.

Jener Streit ist zu alt und zu abgetan, um hier
wieder aufgewärmt zu werden. Wir Kunsthistoriker
bekennen gern, den Künstlern unserer Zeit entschei-
dende Elemente unserer Bildung zu verdanken, ihnen
vielleicht die ganze Richtung unseres Forschens zu
schulden; aber nicht durch unmittelbare Belehrung
über alte Kunst fördern sie uns, sondern mittelbar
durch das, was sie schaffen, durch das lebendige
Kunstbewußtsein, das ihren Werken entströmt. Aber
daß die Untauglichkeit, sich an diesem Kunstschaffen
zu beteiligen, für den Künstler der Befähigungs-
nachweis zu kunsthistorischer Betätigung sein soll,
worauf es ja in der Praxis hinauszulaufen pflegt, das
können wir nicht zugeben; und der Protest der Wiener
Künstlerschaft bestätigt wider Willen alles, was Kunst-

historiker jemals über diesen Punkt behauptet haben.
Der Barbari des Hofmuseums, über dessen schlechte
Restaurierung die Künstler in ihrer Versammlung
Klage führten, ist seit Menschengedenken nicht be-
rührt worden, und die »einzig kompetenten Beurteiler
technischer Qualitäten« haben sich durch den ver-
änderten Eindruck des Bildes in der neuen Aufstellung
täuschen lassen. Der Palma dagegen ist — jetzt von
den gröbsten Übermalungen befreit — in der Tat
völlig verputzt; dies geschah aber nicht unter dem
Kunsthistoriker Glück, sondern vor Jahrzehnten, als
die Galerie ausschließlich von Malern verwaltet wurde.
Auch jetzt, da sie einem Kunsthistoriker unterstellt
ist, entscheidet über Restaurierungsfragen eine Kom-
mission, in der die Künstler ständig vertreten sind: früher
durch L'Allemand und Eisenmenger, jetzt durch Pro-
fessor Angeli; nicht immer war es der Kommission
leicht, über diese heiklen Restaurierungsfragen zu
einem einstimmigen Entschlüsse zu kommen, denn
immer hatten die Kunsthistoriker Mühe, die Bilder
vor den weitgehenden Restaurierungsforderungen der
Maler zu schützen. Und wie der Vorwurf über zu
radikales Restaurieren auf die angreifende Partei zurück-
fällt, so auch die pathetische Frage, warum denn das
Hofmuseum den viel diskutierten Tizian nicht selbst
gekauft habe? Eine Frage, die Glück gar nichts an-
geht, weil er ja zur fraglichen Zeit überhaupt nicht
Direktor der Galerie war, sondern — ein Maler!

Die blinde Wut, mit der die Wortführer der
Künstler den Gegenangriff gegen Glück zum Nach-
teil ihrer eigenen Sache geführt haben, beweist, daß
sich gegen die Einzeltatsachen, mit denen er die
schlechte Verwaltung der akademischen Galerie be-
wiesen hat, nichts Stichhaltiges einwenden ließ; auch
die allgemeine Belobung der Galeriekommission am
Schluß des Künstlerprotestes ändert nichts an der
Tatsache, daß die Wiener Akademie den ihr anver-
trauten Kunstbesitz zu allen Zeiten schlecht betreut
hat; sei es, daß die Künstler sich für die Werke
älterer Richtung nicht interessierten, sei es, daß ihnen
die nötigen Kenntnisse mangelten, sei es, daß sie
besseres zu tun hatten. Von der Gemäldegalerie will
ich schweigen; von ihr ward genug gesprochen und
auch genug zugegeben. Aber auch die Skulpturen-
sammlung ist nicht in besserer Ordnung; Gipsabgüsse
und Originalarbeiten — beide nicht im besten Zu-
stand — stehen bunt durcheinander und der beste
Teil dieser Sammlung, die Aufnahmestücke der Aka-
demiker, die eine ähnlich wichtige Serie bilden würden
wie die des Louvre, ist größtenteils verschwunden.
Zwischen 1836 und 1877 muß dieses bedauerliche
Ereignis erfolgt sein, über dessen nähere Umstände
nichts bekannt ist; seit letzterem Jahre sind einzelne
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