Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Nekrologe

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mutigen Luna in Marmor, die mit sicherem vollem
plastischem Gefühl und Können durchgebildet ist.
Von Arthur Lange stammt ein Mädchen auf Delphin
in graublauem griechischem Marmor in wohlge-
schlossener strenger Form, auch eine gut in der Be-
wegung erfaßte, rhythmisch gut durchgebildete Läuferin,
bei der nur der Name Diana fehl am Platze ist. Selmar
Werners proletarische Mutter, die ihr Kind säugt, ist
ebenfalls ein Werk ernsten Formwillens. Nennen wir
noch des Altmeisters Robert Diez vortreffliche Büsten
und eine Beweinung Christi, Teil eines künftigen
Denkmals, sowie Alexander Höfers Eos. Max Klinger
ist mit seiner Büste Wilhelm Wundts vertreten. Von
August Gaul, Ulfert Janssen (Büste in Eisenguß),
Heinrich Jobst (Negerbildnis), Lehmbruck, Tuaillon und
Ernst Barlach sehen wir kleinere Werke, die ihre Art
bezeichnend vertreten.

Besondere Anerkennung verdient noch die durch-
weg künstlerisch vornehme Verteilung und Anordnug
der Gemälde; es ist ein wahrer Genuß, durch diese
kleine gewählte Ausstellung mit ihren hellen Sälen zu
wandeln. Für den plastischen Saal ist allerdings statt
des ungünstigen Weiß eine kräftige Bemalung in gelb
oder blau wünschenswert, wie sie das Jakobsensche
Museum in Kopenhagen vorbildlich aufweist. Denn
weiß auf weiß wirkt in der Plastik ebenso ungünstig,
wie etwa gold auf gold. w

NEKROLOGE
Gaston Camille Maspero. Ein Herrscher — zeit-
weise gewissermaßen der Alleinherrscher im Gebiete der
Ägyptologie — ist mit Gaston Camille Maspero, der
als Siebzigjähriger sein arbeits- und erfolgreiches Leben
in Paris abschloß, dahingegangen. Fast 40 Jahre nahm
er in der Wissenschaft des Orients, speziell in der
Ägyptologie eine, ja noch mehr die führende Stellung ein,
gleich bedeutend als Philologe und Historiker des Orients,
als Ausgräber, als Bewahrer und Wiederhersteller der
Monumente, als Organisator und Museumsleiter, als fein-
sinniger Kenner der ägyptischen Kunst, als Lehrer und
Förderer seiner Schüler. Am Schlüsse seines Lebens be-
kleidete er noch zwei Jahre das Amt des ständigen Sekretärs
der französischen Akademie der Inschriften, die höchste
Ehre, welche die ernste Richtung des geisteswissenschaft-
lichen Frankreichs zu vergeben hat. Als solcher hat er
auch mitgeholfen, jedenfalls nicht widerstrebt, daß die
deutschen korrespondierenden Mitglieder der Akademie der
Inschriften bei Beginn des Krieges gestrichen wurden. —
Die Publikationen, die Maspero aus dem Gebiet der eigent-
lichen Ägyptologie und der Geschichte des vorderen Orients
veröffentlicht hat, erfordern eine eigene Bibliographie; neben
mehreren Dutzenden von Büchern, von denen auch einige
ins Deutsche übersetzt sind (wie z. B. seine reizende popu-
läre »Geschichte der Kunst in Ägypten«. Stuttgart 1913),
stehen unzählige Zeitschriften-Aufsätze. Maspero folgte
1881 Auguste Mariette als Leiter der ägyptischen Altertümer
in Kairo; dieser war weniger ein tiefer Forscher als ein
glücklicher Entdecker gewesen. War doch wissenschaft-
liche Erforschung in Ägypten seit Mitte des 19. Jahrhun-
derts infolge des überwiegenden politischen Einflusses
Frankreichs wesentlich in französischen Händen. Mit Mas-
pero begann die Bevorzugung der historischen Seite der
ägyptologischen Forschung, und ganz besonders vervoll-
kommnete er die Methode der Ausgrabungen, deren, seinen

Anregungen gemäß untersuchte Einzelstätten durch das ganze
untere, mittlere und obere Ägypten und Nubien zu suchen sind.
Durch sie kamen jene langen religiösen Texte in der alten
Sprache zum Vorschein, die ebensowohl einen tiefen Ein-
blick in die Religion der Pyramidenzeit gestatteten, als sie
die Grundlagen zur Erkenntnis der ältesten Periode der
ägyptischen Sprache ermöglichten. — Die Anekdote läßt
Maspero schon in seinem 14. Lebensjahre als Auto-
didakt sich mit Hieroglyphen beschäftigen und läßt den
21jährigen Schüler der Ecole normale — Mariette gegen-
über — seine Begabung und sein Wissen durch Lösung
zweier außerordentlich schwieriger Hieroglyphentexte inner-
halb 14 Tagen bezeugen. — Wenn heute das Museum
in Kairo das größte und bedeutendste seiner Art ist, so
ist dies nicht zum wenigsten Masperos Verdienst, der das
von Mariette in Bulak begonnene Werk in unvergleich-
licher und bewundernswertester Weise zu dem gewaltigsten
Museum in der Schäre el-antikchäne ausgebaut hat. Aber
auch Maspero wird jetzt mit zweifelhaften Gefühlen mit-
erlebt haben, wie die Engländer »um die Altertümer des
von Maspero eingerichteten Museums vor der Kriegsnot
zu schützen« viele der hervorragendsten Schätze aus Kairo
weggeschleppt haben — trotzdem er zuletzt ein getreuer
Beamter der englischen Usurpartoren in Ägypten gewesen
ist und im Jahre 1909 für seine treuen Dienste vom Könige
von England »gesirt« wurde. Die hervorragenden ameri-
kanischen Ägyptologen imponierten ihm, und Maspero war
gegen die Museen in New York und Boston, die heute
als ägyptologische Sammlungen mit an erster Stelle stehen,
von außerordentlichem Entgegenkommen. Gegen die
deutschen Gelehrten war er korrekt und förderte sie.
Es war der Typus des erfolgreichen französischen Ge-
lehrten, ein Weltmann von äußerster Liebenswürdigkeit.
Sein Stil ist gefällig, so daß viele seiner Schriften auch für
den Laien eine anregende Lektüre bilden. — Noch einige
Daten aus seinem Leben: Maspero war am 23. Juni 1846
in Paris geboren und lombardischer Herkunft. Nach seinen
Studienjahren reiste er 1868 nach Peru, um einem Ent-
decker, der in indianischen Perudialekten arische Verwandt-
schaften suchte, zu assistieren. 1869 wurde er Lektor der
ägyptischen Sprache und Archäologe an der ecole des
Hautes etudes, an der er dann 1874 den Lehrstuhl des
großen Champollion erhielt. 1880 führte er die archäolo-
gische Mission der französischen Regierung nach Ägypten,
wo er 1881 Mariette in dem Amte als Generaldirektor der
Ausgrabungen und ägyptischen Altertümern folgte, welchen
Posten er bis 1886 bekleidete, um dann wieder bis 1899
in Paris zu lehren. Dann kehrte er von neuem als Ge-
neraldirektor der Altertümer nach Kairo zurück, um in der
nun folgenden Periode bis 1914 seine schon früher be-
währten Organisationsarbeiten (neues Museum Kairo 1902,
Kataloge und Publikationen aus dem Museum in fast
30 Bänden bis jetzt), seine epochemachenden Ausgrabungs-
und Aufräumungsarbeiten mit höchstem Erfolge durchzu-
führen. In der zweiten Periode der Tätigkeit Masperos
hatten die deutsche, die englische und amerikanische Ägyp-
tologie die französische in ihrer Bedeutung erreicht, in
ihrer Wissenschaftlichkeit vielfach übertroffen. M

Am 13. Juli, nur zwei Tage vor Vollendung seines
83. Lebensjahres, ist in Leipzig der als Zinnsammler sehr
bekannte Privatmann Julius Zöllner gestorben. Aus der
Lausitz stammend, aber schon seit Ende der 1850 er Jahre
in Leipzig ansässig, begann Zöllner seine Sammlertätigkeit,
die ihn nach Aufgabe seines kaufmännischen Berufs fast
ganz in Anspruch nahm, zu einer Zeit, in der man dem
alten Kunstgewerbe noch wenig Aufmerksamkeit schenkte,
und brachte allmählich eine der schönsten, besonders an
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