Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 6. 5. November 1915

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MÜNCHNER BRIEF

Die Galerie Heinemann veranstaltete eine bei aller
Lückenhaftigkeit sehr lehrreiche Ausstellung von Werken
der Münchner Malerei 1860—1880. Man konnte auch
hier wieder die Beobachtung machen, daß das allge-
meine Niveau, das malerische Können in den sieb-
ziger Jahren in München außerordentlich hoch, sehr
entwickelt war. Um so peinlicher und vielfach ganz
unverständlich wirkt dann der rapide Verfall, der fa-
tale Niedergang bei so vielen Malern in den achtziger
und neunziger Jahren. Hier seien nur einige Künstler
und Bilder aus dieser umfangreichen Ausstellung her-
vorgehoben. Neben einem sehr reizvollen frühen Genre-
bild von Habermann und einer großen monumentalen
Landschaft von Stäbli, Gewitter am Ammersee betitelt,
fesselte vor allem das in der Behandlung des Schwarz
und in der vornehmen Charakteristik meisterliche Bildnis
der Mutter des Münchner Wohltäters Gentz von der Hand
Leibis aus dem Besitz des Stadtmagistrats München.

Unter den Arbeiten Adolf Liers lenkte ein frühes
durch seine Beziehung zu Corot interessantes Bild
»Steinbruch bei Paris« die allgemeine Aufmerksam-
keit auf sich. Dieses Stück ist inzwischen in den
Besitz der Neuen Pinakothek übergegangen, ebenso
wie die »Küche in Ladis« von Alfons Spring, ein
Hauptspezimen der mit so viel Geschmack und un-
glaublicher Geschicklichkeit gemalten Springschen In-
terieurs. Ein sehr gutes Stück Malerei ist die aus den
frühen siebziger Jahren stammende, ganz leise an Diaz
erinnernde Waldlichtung des sehr ungleichen Jos. Weng-
lein. Die »Gewitterstimmung bei Pichelsdorf« aus
Toni Stadlers Frühzeit ist wohl eine der gelungensten
Schöpfungen dieses Künstlers. Vorzüglich war Ernst
Zimmermann auf der Ausstellung vertreten. Mehr als
seine von Brauer beeinflußten Genrestücke fesselten
das Porträt von Adolf Werbel und das leider unvoll-
endet gebliebene große Gruppenbildnis aus dem Allo-
triakreis. Ludwig von Hagn, der noch immer nicht
genug bekannt und geschätzt ist, hätte man sich noch
besser vertreten gewünscht, als mit den immerhin recht
sympathischen vier Studien, die hier von ihm zu sehen
waren. Dagegen war Eduard Schleich sehr stattlich re-
präsentiert, das »Seestück« darf man wohl seinen besten
Werken zuzählen. Fast noch mehr als die sehr hüb-
schen von Spitzweg ausgestellten Stücke interessierten
die seines Vorläufers Ebert und die seines Freundes
Philipp Sporrer, namentlich dessen »Gratulant«, allein
schon vom kunsthistorischen Standpunkt aus.

Für das, was einleitend über die Münchner
Malerei der siebziger Jahre und der folgenden Jahr-
zehnte kurz allgemein bemerkt wurde, bietet dann die
große Ausstellung von Gemälden und Zeichnungen
des 1846 zu Trippstadt in der Rheinpfalz geborenen,

1912 zu Olching bei München verstorbenen Philipp
Helmer in Thannhausers Moderner Galerie ein be-
sonders gutes, um nicht zu sagen krasses Beispiel.
Es sei besonders anerkannt, daß man sich bei dieser
Ausstellung nicht auf die wirklich guten Arbeiten des
Künstlers aus den siebziger Jahren beschränkt hat,
sondern daß man ebenso die sehr mittelmäßigen Bilder
der späteren Zeit wie auch einige bereits recht be-
denkliche Stücke aus der frühen guten Periode mit
einbezogen hat. Dadurch erhält man ein wirklich un-
geschminktes Bild von dieser keineswegs unbedeutenden
Persönlichkeit. Es wäre aber, und gerade dies lehrt
diese Ausstellung, durchaus verkehrt, auch nur den
jungen Helmer als eine besonders wertvolle und
wichtige Erscheinung unter den deutschen Malern des
19 Jahrhunderts hinzustellen. Daß man noch vor einigen
Jahren Bilder von seiner Hand als Arbeiten Leibis ansehen
konnte, spricht nicht so sehr für die hohe Qualität dieser
Arbeiten, sondern ist viel mehr ein Beweis dafür, wie
schlecht die Betreffenden die Kunst eines Leibi kannten.
Jene unter Leibis Einfluß entstandenen Bilder zeigen
deutlich den weiten Abstand zwischen dem Meister
und Helmer, dessen Äußerlichkeit und Unsicherheit hier
wie sonst deutlich zu erkennen ist. Helmer war zweifels-
ohne von Haus aus sehr begabt, vor allem als Land-
schaftler, davon legen der »Allotriahof«, die »Partie aus
Altmünchen«und das»Portal des Asamhauses« deutliches
Zeugnis ab. Seine Interieurs sind sehr geschmackvoll,
aber ganz im Charakter der in der Dietz-Lindenschmidt-
Schule entstandenen von Löfftz, Mathes und Spring. Es
richtet aber den Künstler, daß er schon seit Mitte der
siebziger Jahre so schlecht gemalte und kitschig ge-
dachte Bilder schaffen konnte wie den »Flötenspieler«
(1875) und das »schlafende Kind«. Man fragt sich
kopfschüttelnd, warum hat der begabte Helmer das
auf Publikumswirkung berechnete Sujet nicht wenigstens
gut gemalt? Es bleibt rätselhaft, warum Helmer schon
in seiner Glanzzeit zuweilen sich derartig hat gehen
lassen können. Was er dann in den achtziger Jahren an
Genrebildern geliefert hat, gehört zum allerschlimmsten
Glaspalastkitsch. Am besten gerieten ihm in den
späteren Jahren noch die häufig sehr geschickt gemalten
Blumenstilleben, wenngleich auch hier die süßliche
Äußerlichkeit sich unangenehm genug bemerkbar macht.

Der guten und schlechten älteren Münchner Kunst,
sowie der modernen Schweizer Malerei wollte dann in
jüngster Zeit noch ein Fälscher zu weiterem Ruhm ver-
helfen. Ein gewisser Willy Lehmann suchte seit einigen
Monaten in München echte Welti, Hodler, Stäbli, Spitz-
weg, Otto Seitz, Lenbach, Defregger, Kowalski, Schön-
leber, Fink, Mathias Schmid, Diez und A. v. Keller
an den Mann zu bringen. Dadurch daß sich ein
Schweizer Sammler in dieser Angelegenheit an die
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