Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRO NIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 3Q/40. 7. Juli 1916

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Während der Sommermonate erscheinen wie üblich »Kunstchronik Kunstmarkt in größeren Zwischen-
räumen; die nächste Nummer (41) wird im August ausgegeben werden

DIE KUNSTVERSTEIGERUNGEN IN BERLIN
UND WIEN IM MAI 1916

Ob der Krieg auf die Preise des Kunstmarktes
einen wesentlichen Einfluß üben würde, darüber waren
noch bis vor kurzem die Ansichten selbst in maß-
gebenden Kreisen sehr verschieden. Nur darin war
man einig, daß während des Krieges der Preis der
Kunstwerke, soweit solche überhaupt auf den Markt
kommen würden, ein sehr gedrückter sein würde. In
der Tat stockte der Kunsthandel in Deutschland seit
Anfang des Krieges etwa ein Jahr lang fast vollständig!
Aber schon im Herbst 1915 und im letzten Winter
zeigten einige kleine Versteigerungen durch starke
Beteiligung und hohe Preise, daß große Kauflust und
reiche Mittel zu ihrer Befriedigung vorhanden waren.
Daraufhin haben sich im Frühjahr die Besitzer ver-
schiedener größerer Kunstsammlungen, die bereits
länger zur Versteigerung bestimmt waren, zu deren
Veräußerung im Auktionswege entschlossen. Im Lauf
des Mai sind drei solche Sammlungen aus Berliner
Besitz und eine Wiener Sammlung zur Versteigerung
gekommen, zwei in Berlin, eine in Wien und eine
in Amsterdam. Sie haben sämtlich außerordentlich
günstige Resultate ergeben (zwischen 2/:! und 11/„ Mil-
lionen Mark), etwa das Doppelte der hohen Schätzung
und das Mehrfache ihres wirklichen Wertes. Denn
keine dieser Sammlungen war eine gewählte oder
enthielt eine größere Zahl bedeutender Stücke; ja ein
Stück hors ligne befand sich überhaupt nicht darin.

Die Sammlung Amerling, die in Wien ver-
steigert wurde, enthielt ausschließlich Dekorationsstücke
und Kleinigkeiten, mit denen der bekannte Wiener Maler
seine Villa vor Wien ausgestattet hatte. Eine Aus-
stattung im schlimmsten Makart-Stil und zudem mit
Gegenständen, denen fast durchweg künstlerischer Reiz
fehlte; erstaunlich bei einem so gefeierten Künstler,
der die Mittel gehabt hätte, wirkliche Kunstwerke zu
sammeln, zudem zu einer Zeit, in der sie gerade in
Wien billig zu haben waren. Ein paar stattliche
Barockschränke, keineswegs tadellos erhalten, zwei
kleine schadhafte Tonmodelle für Brunnen und ein
Miniaturbild mit Diana und Aktäon, dem Rottenhamer
zugeschrieben: das war so ziemlich alles, was einen
gewissen künstlerischen Wert hatte. Diese Tonmodelle,
als italienischer Barock bezeichnet, lassen sich auf
Berninis Werkstatt zurückführen; sie haben die engste
Beziehung zu der Fontana del Trifone. Der angeb-
liche Rottenhamer ist vielmehr ein Werk des hollän-

dischen Manieristen Uijtewoel. Waren diese Arbeiten
im Katalog unterschätzt (die Modelle brachten jetzt
8000 Kronen, während sie mit 300 Kronen geschätzt
waren), so trugen andere völlig irreführende Benen-
nungen; so die Skizze, die Tiepolo zugeschrieben
war, eine recht mäßige österreichische Arbeit, die
kaum den fünften Teil des Preises, den sie erzielte,
wert war.

Von den Berliner Sammlungen enthielt die Samm-
lung Stern, die bei Cassirer versteigert wurde, aus-
schließlich Werke moderner Künstler, fast nur von
Malern der Sezession und französischen Impressio-
nisten. Es waren hier die bekanntesten Namen ver-
treten, aber meist nur mit geringeren Bildern,
Aquarellen und Zeichnungen. Eine frühere Kanal-
ansicht von Monet und ein Jugendwerk von Lieber-
mann, die Kaiser-Friedrich-Gedächtnisfeier bei Kösen,
waren die bemerkenswertesten Bilder; aber auch
schwächere Werke von Cezanne u. a. brachten Preise
zwischen 30000 und 40000 Mark. Schon in dieser,
von der Frau des Besitzers, die selbst malte, zusammen-
gebrachten Sammlung zeigte sich der Mangel an guten
Werken der modernen Schulen, der mehr und mehr
auch bei uns in Deutschland dazu führt, daß auch
flüchtige Studien, Skizzen und verworfene Kompo-
sitionen aus den Magazinen der gesuchten Künstler
hervorgeholt, hergerichtet und in den Handel gebracht
werden, wo sie höhere Preise erzielen als früher die
besten Werke dieser Künstler.

Auch eine zweite Berliner Sammlung, die im Mai
zur Versteigerung kam, die Sammlung Rosenfeld,
ist ganz von einer Dame zusammengebracht worden.
Wenn man die Begabung des weiblichen Geschlechts
für die Kunst und das Sammeln von Kunstwerken
allein nach diesen beiden Sammlungen beurteilen
wollte, würde man kaum zu einem schmeichelhaften
oder nur höflichen Resultat kommen. Günstigerweise
bekunden andere von Damen zusammengebrachte
Sammlungen gerade in Berlin, daß gelegentlich das
Gegenteil der Fall ist. Die Sammlung Rosenfeld ist
leider nicht in Berlin, sondern in Amsterdam ver-
steigert worden; daß man die Erlaubnis dazu gegeben
hat, wo wir jetzt unser Geld im Lande selbst so
dringend benötigen, ist schwer verständlich. Unter
den zahlreichen, meist kleinen Gegenständen, die Frau
Rosenfeld in ihrem wilden Sammeleifer zusammen-
gebracht hatte, waren die Porzellane die zahlreichsten
und besten; aber auch unter ihnen befanden sich
nicht viele seltene oder besonders gute Stücke. Trotz-
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