Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Nekrologe — Wettbewerbe — Sammlungen

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Leben zuzuführen. Es ist ja wohl durch das eben
empfohlene Studium alter deutscher Grabplastik eine
neu hereinbrechende Nachahmung gotischer oder
Renaissanceornamentik gar nicht zu befürchten, darin
haben wir ja in den Grabmälern der siebziger und
achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wahrhaftig
genug gesündigt.

NEKROLOGE

Georg Hirth f. Am 28. März starb in fast vollen-
detem 75. Lebensjahr nach längerem Leiden Dr. Georg
Hirth. Die Kunstwissenschaft sowohl wie das deutsche
Kunstleben verdankt diesem ungemein vielseitigen und ge-
wandten Manne, dessen geistige Spannkraft und sprühendes
Temperament bis ins Greisenalter jugendfrisch blieben,
außerordentlich viel, viel mehr als man gewöhnlich weiß.
Gewiß war Hirth kein zünftiger Kunsthistoriker, und wie
auf so vielen anderen Gebieten so auch auf dem Gebiet
der Kunstgeschichte Dilettant, aber einer von jenen Dilet-
tanten, deren wir noch mehr brauchen könnten. Es ist
sein großes Verdienst, viele Schätze der Vergangenheit in
ausgezeichneten Reproduktionswerken dem Wissenschaftler
leicht zugänglich und die Kenntnis von jenen Schätzen
weiteren Kreisen, dem deutschen Volk überhaupt erst er-
schlossen zu haben. In seiner idealen Begeisterung publi-
zierte er selbst und regte andere zu größeren Veröffent-
lichungen an, nicht um nur einem kleineren Kreise zu dienen,
sondern um die Kunst wirklich ins Volk zu tragen. Die
Art, wie Georg Hirth der Forderung »die Kunst dem Volke«
nachgekommen ist, wird man stets warm willkommen heißen
dürfen. 1877 erschien sein »Formenschatz der Renaissance«,
1879—1911 der »Formenschatz aus den Werken der besten
Meister aller Zeiten«, 1898—1902 der »Stil in den bilden-
den Künsten«, 1887—1890 das »Kulturgeschichtliche Bilder-
buch aus 3 Jahrhunderten«, 1892 die »Aufgaben der Kunst-
physiologie« und das »plastischeSehen«. Mit Richard Muther
gab er illustrierte Führer durch die Münchner Museen her-
aus, ferner die »Meisterholzschnitte aus 4 Jahrhunderten«.
Muthers berühmte »Geschichte der Malerei des 19. Jahr-
hunderts« verdankt einer Anregung Hirths ihre eigentliche
Entstehung. In welch intelligenter Weise Hirth sofort die
neuen technischen Erfindungen nutzbar zu machen verstand,
beweist u. a. seine rasche Aufnahme des Albrechtschen
Faksimileverfahrens, bei dem zum ersten Male auf photo-
graphischem Wege eine viel bessere naturgetreue Wieder-
gabe namentlich von alten Drucken erzielt wurde als bei
dem vorher üblichen Holzschnittverfahren. Hirths treffliche
»Liebhaber-Bibliothek alter Illustratoren in Faksimile-
Reproduktion« ist auf diesem Verfahren aufgebaut.

Aber nicht nur als Publizist, als begeisterter Förderer
der älteren Kunst hat sich Hirth so verdient gemacht, sondern
vielleicht noch mehr durch seine lebendige Kunstpolitik. An
der Gründung der Münchener »Sezession« im Jahre 1892,
die seiner Zeit dem Münchener Kunstleben eine erfreuliche
Gesundung brachte, hatte Georg Hirth entscheidenden An-
teil. Vier Jahre später schuf er die »Jugend«, über deren
Bedeutung, namentlich für die junge Münchener Künstler-
schatt im ersten Jahrzehnt des Bestehens der Zeitschrift,
hier sich wohl weitere Ausführungen erübrigen. Für diese
Zeitschrift, für »seine« jungen Künstler opferte Hirth 1898
einen seiner liebsten Schätze: seine ausgezeichte Porzellan-
sammlung, die in jenem Jahr zur Versteigerung gelangte.
Auch als Sammler hat sich Hirth besondere Verdienste
erworben. Er sammelte als erster — ganz instinktiv —
innerhalb der einzelnen Marken nach Künstlern, ohne daß
diese dem Namen nach schon wirklich bekannt waren. So

hatte er in seiner Sammlung fast das ganze erreichbare
Werk von Melchior zusammengebracht. Der von Herberth
Hirth verfaßte Auktionskatalog bildet eigentlich den Anstoß
zur ganzen neueren Forschung über die ältere Porzellan-
kunst. A.L.M.

WETTBEWERBE
Der Wettbewerb, den die Berliner Bildhauervereini-
gung zur Erlangung von Entwürfen für künstlerische Ehren-
tafeln ausschrieb, hat ein reiches Ergebnis gehabt. Das
Preisgericht, das jetzt seine Entscheidung fällte, bestand
aus den Professoren Haverkamp, Hosäus, Janensch, Starck
und Regierungsbaumeister Seeck. Es konnte von 100 Ar-
beiten 40 zur Ausführung empfehlen. Das hier nieder-
gelegte Streben unserer Bildhauer, aus einer Atelierkunst
zu einer Verbindung mit dem Leben der Gegenwart zu
kommen, ist besonders zu begrüßen. Der Verlag der
Werke und ihre Veröffentlichung ruht in den Händen der
Bildgießerei-Aktiengesellschaft Gladenbeck.

SAMMLUNGEN
Dresden. DieKönigl.Skulpturensammlunghatvom
Dresdner Museumsverein ein Meisterwerk Georg Kolbes,
das lebensgroße Standbild eines Somalinegers, zum Ge-
schenk erhalten. Die für Bronzeguß bestimmte Statue ist
zunächst nur im Gipsmodell vollendet; die Ausführung des
Gusses muß wegen der Beschlagnahme des Kupfers für
Heereszwecke verschoben werden. Die Uberführung des
Werkes in die Skulpturensammlung und die öffentliche Auf-
stellung kann daher erst später erfolgen.

Neues aus dem Museum Boymans in Rotterdam.

Der letzte Jahresbericht des Museums Boymans in Rotter-
dam kann, wie fast stets, nicht auf große Bereicherungen
der Sammlungen hinweisen. Nennenswerte Geldmittel
stehen dem Direktor F. Schmidt-Degener nicht zur Ver-
fügung. Es ist schon ein Ereignis, wenn einmal ein paar
Zeichnungen oder Radierungen angekauft werden können.
Der Krieg und die dadurch verschlechterte Finanzlage des
Staates und der Gemeinden sind nicht die Ursache der
geringen Vermehrung der Sammlungen; denn die Klagen
über die geringe Dotierung des Museums, einer städtischen
Anstalt, wiederholen sich in den Jahresberichten mit rüh-
render Regelmäßigkeit; und doch ist Rotterdam, eine Groß-
stadt von ungefähr einer halben Million Einwohner, durch
Schiffahrt und Handel vielleicht die erste Stadt in den
Niederlanden und befindet sich jedenfalls finanziell in un-
vergleichlich besseren Umständen als Amsterdam, das aber
trotzdem sein modernes Museum immer weiter ausbaut.

Der Jahresbericht muß sich daher darauf beschränken,
von einigen vorgenommenen Reinigungen verschiedener
Gemälde und einigen Bildertaufen zu referieren. So wurde
einer gründlichen Reinigung unterzogen das Bildnis des
Prinzen Moritz von Oranien durch Miereveit (Nr. 191).
Hierbei hatte der Direktor F. Schmidt-Degener Gelegenheit
festzustellen, daß dieses Gemälde von den vielen Exem-
plaren, Wiederholungen und Kopien, die davon bestehen,
eins der besten ist, weshalb es, trotz des Fehlens einer
Bezeichnung, zweifellos als eine eigenhändige Arbeit des
Meisters gelten muß. Ferner wurde restauriert das schöne
Damenbildnis, das bisher als das Werk eines unbekannten
Vlamen katalogisiert war (Nr. 318); dabei wurden die im
19. Jahrhundert auf einem angesetzten Streifen hinzuge-
malten Arme wieder entfernt, so daß das Bild etwas kürzer
geworden ist. Das Werk ist vom Direktor auf den Namen
J. A. van Ravesteyn zurückgetauft worden, unter dem es
seinerzeit erworben wurde. Eine andere Neubenennung be-
trifft das charakteristische Genrebildchen (Nr. 108), das Stein-
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