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Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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129

Nekrologe — Personalien — Wettbewerbe

130

Von den großen Schlössern und Herrensitzen des
nördlichen Litauens und Kurlands haben eine ganze
Reihe, zumal an der Südgrenze, wo der Stellungskrieg
die beiderseitigen Truppen längere Zeit festhielt, zu
leiden gehabt. Aus den nordwestlichen Teilen von
Kurland sind die Russen mit solcher Windeseile weg-
gefegt worden, daß sie zwischen Windau, Libau und
Tukkum keine Zeit fanden, Halt zu machen, und daß
auch die Kosaken hier ihre geliebte Praxis, hinter der
zurückweichenden Nachhut nun das Land zu ver-
wüsten und vor allem größere Herrensitze und Wohn-
stätten zu verbrennen, nicht ausüben konnten. So
sind die bekannten großen Herrensitze zumal im
Norden, Dondangen, der Sitz der Osten - Sacken, Ed-
wahlen, der Sitz der Herren von Behr, Neuenburg,
das Schloß der Herren von der Recke, die alle bei
der Revolution des Jahres 1905 verbrannt waren,
diesmal verschont worden. Vor allem ist auch der
mächtige, dreiflügelige Rokokobau des Schlosses zu
Mitau, das einst dem landflüchtigen Ludwig XVIII.
zur Residenz diente, erhalten geblieben, nur im Inneren
ist grausam gehaust worden. Ein paar große Schlösser
sind aber doch der Rache der Russen zum Opfer
gefallen, darunter am meisten zu beklagen der fürst-
liche Schloßbau von Ellei südlich von Mitau, der
Besitz der Grafen Medem, ein regelmäßiger klassi-
zistischer Bau mit Tempelfronten und großer mittlerer
Kuppel. Das Herrenhaus wie die freistehenden Seiten-
flügel sind durch die Russen radikal ausgebrannt, nur
fünf Stunden, ehe die deutschen Truppen vor den
brennenden Ruinen erschienen. Zwischen Friedrich-
stadt und Dünaburg sinken jetzt natürlich bei dem
Hin und Her des furchtbaren Ringens immer mehr
Bauten in Trümmer.

Die deutsche Verwaltung hat in diesen ihr jetzt
unterstellten Gebieten die Pflege der Denkmäler und
die Erhaltung dieser historischen Bautenwelt als eine
Ehrenpflicht ebenso wie vorher im Westen, in Belgien
und Frankreich, aufgegriffen. Im Gebiet des General-
gouvernements Warschau ist mit Unterstützung des
polnischen Komitees für Denkmalpflege, das vor einem
Jahrzehnt dort als eine lediglich private Organisation
ins Leben gerufen ward und das unter dem Grafen
Eduard Krasinski eine sehr fruchtbare Tätigkeit ent-
faltet hat, eine Organisation für das ganze Gebiet ins
Leben gerufen. Es ist dort, um dem Mangel irgend
einer Statistik abzuhelfen, eine vorläufige Denkmäler-
liste aufgestellt, die jetzt für die Verwaltung durch die
deutschen Kreischefs und die Bauämter die Grund-
lage bildet. Einer Anregung der in Brüssel abge-
haltenen Kriegstagung für Denkmalpflege entsprechend
ist ein gleichmäßiges Vorgehen für die von Österreich
besetzten südlichen Gouvernements Kielce, Petrikau,
Radom und Lublin verabredet und seitens der öster-
reichischen Regierung eingeleitet. Eine besondere Für-
sorge ist im Generalgouvernement den historischen
Archiven zugewendet, zu deren Schutz und Neu-
organisation der Geheime Archivrat Warschauer, einer
der besten Kenner der polnischen Geschichte, berufen
ist. Gegen die Verschleuderung, den Verkauf der
vielfach entfremdeten und sehr gefährdeten kirchlichen

und profanen beweglichen Kunstwerke sind besondere
Schutzmaßregeln, wieder im Einvernehmen mit Öster-
reich, getroffen. In dem nördlichen Gebiet im
Gouvernement Suwalki, in Litauen und Kurland sind
durch das besondere Entgegenkommen und Interesse
des Oberbefehlshabers Ost und dank dem Entgegen-
kommen der Präsidenten der Zivilverwaltungen für
Kurland, für Litauen, in Suwalki, Wilna und Grodno,
Maßnahmen zur Sicherung eingeleitet, die sich ins-
besondere auch auf den Schutz der jetzt ganz herren-
losen russisch-orthodoxen Kirchen und der Verwaltungs-
Archive und Bibliotheken erstrecken, um die sich nach
dem Abzug der Behörden hier niemand kümmerte. In
einer Reihe von Fällen sind hier und im General-
gouvernement Warschau direkte Sicherheitsmaßregeln
veranlaßt, um durch Notdächer, Abstützungen, Ver-
schalungen, durch Absperrungen die schwerbeschä-
digten Bauwerke zunächst gegen die Unbilden des
Winters provisorisch zu schützen. Im Frühjahr wird
dann nach weiteren Erhebungen in Verbindung mit
den Gemeinden schon, wo angängig, die definitive
Sicherung in Angriff genommen werden können. Bei
den noch in Gebrauch befindlichen Kirchengebäuden
sind überall die Dächer mit werktätiger Unterstützung
der deutschen Verwaltung noch vor Einbruch des
Winters geflickt oder neuhergestellt, so daß sie den
nächsten Monaten getrost entgegensehen können. Es
ist hier auf diesem Gebiet zurzeit geschehen, was
überhaupt, während der noch andauernden Operationen
und während die deutschen Zivilverwaltungen mit un-
gleich dringlicheren Arbeiten, der Ernährung der
hungernden Bevölkerung, dem Wiederaufbau der ver-
brannten Wohnstätten, dem Ausbau der Wege, zu tun
haben, hat geschehen können.

NEKROLOGE
Der Berliner Maler Professor Johann Geyer, der
frühere Leiter der Fachklasse für Kupferstich und Radierung
an der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemu-
seums, ist in Berlin verstorben. Geyer war am 14. Fe-
bruar 1842 in Nürnberg geboren und erhielt seine künst-
lerische Ausbildung in Nürnberg und München, wo er
Schüler von Raab war. 1884 übernahm er die Leitung der
Fachklasse für Stich und Radierung am Berliner Kunstge-
werbemuseum, die er fast 25 Jahre innehatte. Er war viele
Jahre Mitarbeiter bei den Werken, die das Kaiserlich Ar-
chäologische Institut über die Ausgrabungen in Pergamon
und Olympia herausgab. Sein Sonderfach war der Archi-
tekturstich. Auch Originalradierungen mit architektonischen
und landschaftlichen Motiven aus seiner fränkischen Heimat
und aus Berlin hat er geschaffen.

PERSONALIEN

An Stelle von Paul Meyerheim ist der Maler, Professor
Hans Herrmann, in den Senat der königlichen Akademie
der Künste in Berlin berufen worden.

WETTBEWERBE
In dem Preisausschreiben um Entwürfe zur Be-
bauung des städtischen Baublockes an der Brückenstraße
in Bromberg erhielt den ersten Preis für Lösung A Archi-
tekt Jakob Sedelmeier inäBerlin; der zweite und dritte Preis
wurden in zwei gleiche Preise zerlegt und an Erich Jaeckel
 
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