Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Ausstellungen

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Martin, der seinen Mantel einem Nackten hinabreicht,
das heilige Abendmahl (Christus teilt den Jüngern mit,
daß ein Verräter unter ihnen ist). So mannigfaltig
die Aufgaben waren, die sich der Künstler stellte, so
verschiedenartig reizvoll hat er sie gelöst. Für das
Fegefeuerbild, den heiligen Martin und die Idyllen
hat er wundervolle Farbenklänge gefunden, das Abend-
mahl ist stark im kraftvollen Ausdruck der Erregung,
die Christi Wort unter den Jüngern hervorruft. Zeigen
einige ältere Landschaften Hettners, wie er früher dem
farbigen, formauflösenden Impressionismus huldigte,
so zeigen die neueren auch formell stilistische Kraft
in farbig klangvoller Auswirkung.

Das Bild von Hettners energisch vorwärtsstrebender
Kunst wird ergänzt durch eine Reihe gedankenreicher
Steinzeichnungen, die sich teils als Beibilder zu Hein-
rich von Kleists Erzählung des Erdbebens von Chile,
teils als vom großen Kriege angeregt geben, z. B,
Kriegsrat im Zelte des Zaren, Barmherziger Samariter,
Dem Andenken Ludwig Francks, Die erste Fahne, Dank
an Hindenburg, Gedenkblatt, Das Teufelspferd, Der
Feldmarschall, Tsingtau, Das eiserne Jahr, Ypern, Der
Kaiser in Lyck usw. Starke Phantasie und Ausdrucks-
kraft ist allen diesen Zeichnungen eigen. Sie zeigen
in der Fülle der verschiedenartigen Vorwürfe wie in
der kraftvollen Mannigfaltigkeit der Ausgestaltung, daß
die großen Ereignisse nicht bloß die illustrierende Kunst
auf den Plan gerufen haben, wie wir so vielfach schon
sehen, sondern auch die Kunst als Ausdruck innerer
Erregung nachdrücklich befruchtet haben. In den
Bildern zu Kleists Erdbeben von Chile zeigt sich
Hettner zugleich als Buchkünstler, indem er Bilder und
Text (von ihm selbst geschrieben) als künstlerische
Einheit wirksam zu gestalten wußte. Die ganze Aus-
stellung zeigt einen echten Künstler, von großer An-
schauung getragen, um Ausdruck ringend mit kraft-
vollem Wollen und schon bedeutsamem Können. Mit
allen diesen Eigenschaften dürfte er als Lehrer seinen
Schülern ein trefflicher Führer werden.

Neben Hettner kommt Max Feldbauer, das be-
kannte Mitglied der Münchner Scholle, der augen-
blicklich eine umfängliche Sammlung von Malereien
bei Emil Richter ausgestellt hat, als künftiger Vor-
steher des Malsaals recht wohl in Betracht. Seine
wohlbekannte Kunst ist rein auf Farbe gestellt und
hat sich eigentlich noch immer nicht zu Bildern ver-
dichtet. Als feiner Farbenseher dürfte er die Schüler
für die weitere Unterweisung in den Ateliers trefflich
vorbereiten können. ^

AUSSTELLUNGEN
Ausstellung deutscher Kunst des 19. Jahrhunderts
aus Privatbesitz im Leipziger Kunstverein. Neue
Folge bis Anfang Dezember. Das streng stilisierte
Bild, das in der ersten Hälfte dieser Ausstellung die Klassi-
zisten und Nazarener ergeben hatten, nur leicht bewegt
durch die Behaglichkeit des Biedermeiertums und die
Liebenswürdigkeit der Romantiker1), ist in dieser zweiten

1) Vgl. den illustrierten Artikel darüber im 1. Heft des
XXVII. Bandes 1915/16 der Zeitschrift für bildende Kunst.

Serie abgelöst durch eine Vereinigung temperamentvoller
Individualitäten der Zeit von 1850 bis 1880, die nahe an
unser Oegenwartsempfinden heranrücken. Der Gesamt-
eindruck ist darum blutwärmer, als der der ersten Ab-
teilung. Und doch fehlt auch das historisch Interessante
nicht. Es ließen sich reichhaltige Gruppen der sächsischen,
Weimarer, Münchner, Berliner, Düsseldorfer Schule und
der diesen verwandten Niederländer bilden, welche in ihrer
Zusammenordnung die diesen Schulen eigene, auch die
stärksten Individuen bindende und verbindende Tendenz
energisch zum Ausdruck bringen. Von Böcklins Schaffen
gibt dieser Leipziger Privatbesitz eine nahezu lückenlose
Entwicklungsdarstellung in fünf Werken, die Zeit von etwa
1856—1894 umfassend. Bei den Düsseldorfern tritt Carl
Friedrich Lessing in seltener Vollständigkeit und Eindring-
lichkeit auf. Eine landschaftliche Kreidezeichnung von 1830
und das Ölgemälde »Bäuerin auf dem Kirchhof« von 1832
zeigen das Herauswachsen des jungen Lessing aus der
Düsseldorfer Romantik. Von den fünf ausgestellten Land-
schaftsgemälden unterliegt die große Landschaft mit dem
zerstörten Kloster und den Reitern aus dem Dreißigjährigen
Kriege von 1845 noch romantisch-heroischer Stilisierung,
während die wunderbaren Eifellandschaften und der Föhren-
wald erste Meisterwerke der modernen Landschaftsmalerei
sind, zeitlich und qualitativ. Dazu tritt Lessing als Por-
trätist und als Zeichner auf. In der Bildnismalerei ringt
er sich von biedermeierlichen Anfängen zu einer Schöpfung
wie dem Bildnis der Tochter von 1863 empor, das in seiner
zartgrauen Farbenskala, gepaart mit einer fast heroischen
Kraft der Form und des geistigen Ausdrucks, an Feuerbach
heranreicht. Einige vergessene oder halbvergessene Maler,
wie der Düsseldorfer Kolorist Clemens Bewer, der Düssel-
dorfer und Dresdener Schulung verbindende Spätnazarener
Eduard Bary treten hier wieder als Anerkennung heischende
Persönlichkeiten auf den Kunstplan.

Wie in der ersten Abteilung eine kleine Anzahl Werke
des späteren 19.Jahrhunderts den Hinweis auf die kommende
zweite Folge gab, so bildet in dieser wiederum eine kleine
Auswahl von Werken des frühen 19.Jahrhundertsden Auftakt.
Theodor Goldstein wird hier durch ein großes Gemälde
aus dem Besitz Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Johann
Georg von Sachsen erst zu voller künstlerischer Persön-
lichkeit, während er in der ersten Abteilung der Ausstellung
nur durch zwei kleinere Stücke vertreten war. Das Still-
leben in Aquarell von Waldmüller aus gleichem Besitz fügt
sich den wenigen bekannten Stilleben an als wertvolle
Bereicherung dieser Schaffensrichtung des vielseitigen
Wieners. Seinem herrlichen Beethovenporträt von 1823,
das schon in der ersten Serie gezeigt wurde, stellt sich
jetzt das Stielersche von 1819 gegenüber, um das seltene
Glück, zwei hervorragende Fassungen dieses Mannes in
einer Stadt vereint zu haben, zu einem künstlerischen und
psychologischen Vergleich ausnützen zu können.

Bedeutende Persönlichkeiten führt die Ausstellung in
großer Zahl in unpublizierten Bildnissen vor: wie Blücher
in einer Federzeichnung vom Goethe-Tischbein, Spohr,
Joachim als Kind, den Thomaskantor Hauptmann in
intimen Bleistiftzeichnungen von Susette Hauptmann, den
Schauspieler Devrient in einer großen Elfenbeinminiatur
von Zausig und häufig die in der Ausstellung vertretenen
Künstler in Selbstbildnissen oder Porträts von anderer Hand.

Während vom Gebiet der Malerei in der Hauptsache
nur die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in dieser neuen
Folge repräsentiert wird, führen die Zeichnungen von der
Zeit des Klassizismus bis hinauf zu Menzel, Feuerbach und
Marees, nach Schulgruppen geordnet. Wichtige Skizzen
zu Meisterwerken der Malerei, wie den Fresken Cornelius'
und Rethels, sind darunter. Ludwig Richters Künstler-
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