Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 35. 26. Mai 1916

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AUSSTELLUNO VON HANDZEICHNUNGEN HOLLÄNDISCHER MEISTER AUS DEM BESITZE
VON DR. C. HOFSTEDE DE OROOT IN DER TUCHHALLE IN LEIDEN

In dem Leidener städtischen Museum in der Lakenhai
hatte in den Monaten März und April Dr. C. Hofstede
de Qroot einen kleinen Teil seiner Zeichnungensammlung
ausgestellt; daß eine von einem solchen eminenten Kenner
altholländischer Kunst zusammengebrachte Sammlung eine
Fülle des Interessanten bot, bedarf kaum der Erwähnung.
Die Ausstellung war den Meistern der Blütezeit gewidmet,
die entweder noch vor Rembrandt gelebt hatten oder doch
nicht unter seinen übermächtigen Einfluß gekommen waren;
außerdem hatte der Sammler noch einige topographisch
merkwürdige Blätter ausgewählt, Ansichten von alten Land-
sitzen aui der Umgebung von Leiden; der alphabetische
Katalog zählte im ganzen 114 Nummern auf. Manche
der ausgestellten Sachen kannte man schon von früheren
Auktionen bei Fred. Muller und R. W. P. de Vries her,
in deren Auktionskatalogen sie zuweilen abgebildet
waren. Einige der Zeichnungen gehören zu der Samm-
lung, die de Groot dem Museum seiner Vaterstadt Gro-
ningen vermacht hat und die zum Teil im vorigen Jahre
dort ausgestellt waren.

Der früheste Meister, der durch eine reizende Probe
seiner Kunst vertreten war, war der alte Jacob Savery
(Nr. 87): eine weite hügelige Landschaft mit reicher Staf-
fage, mit einer Stadt mit vielen Türmen in der Ferne und
zahlreichen Wanderern zu Fuß und zu Pferde im Vorder-
grunde. Vielerlei ist zu sehen, und mit behaglicher Ge-
schwätzigkeit und kindlicher Naivität ist alles dargestellt;
ganz vorn bemerkt man, obwohl durchaus nicht als solche
hervorgehoben, die Hauptfiguren, für die die ganze bunte
Mannigfaltigkeit von Natur und Menschen nur den Hinter-
grund abgeben soll, den Erzvater Abraham, und hinter
ihm den Knaben Isaak gemütlich und gemächlich, wie zu
einem Spaziergang, zum Opfer ziehend; das biblische Thema
ist hier ganz genrebildartig behandelt und bildet eigentlich
nur den Vorwand, nicht mehr den Hauptinhalt des Werk-
chens. Die mit Tusche angelegte Federzeichnung ist voll
bezeichnet J. u. S. verschlungen und 1590 datiert. (Ver-
steigerung Fred. Muller, Juni 1910, Nr. 364.) Zwei Zeich-
nungen des etwas späteren Roeland Savery versetzen uns
in wilde Gebirgslandschaften, die der Maler wahrschein-
lich in Tirol im Dienste Kaiser Rudolfs II. kennen gelernt
hatte. Auf dem einen Blatt führt eine steile in den Felsen ge-
hauene Treppe zu einer verfallenen Burg hinauf (mit
Farben angelegte Federzeichnung (Nr. 88, Versteigerung
Muller, Mai 1913, Nr. 199); auf dem andern stürzt ein
Bergbach eine jähe Felswand hinab (Nr. 89, Kreidezeich-
nung). Eine dritte Zeichnung (Nr. 87) bringt uns nach
der Lieblingsresidenz seines kaiserlichen Herrn, nach Prag,
wie uns die alte Unterschrift belehrt; das Kleinseitener
Tor der Karlsbrücke ist hier dargestellt. Nach Prag ver-
setzt uns auch ein Blatt, das einem Zeitgenossen von
R. Savery, dem Haarlemer Esajas van der Velde zuge-
schrieben wird (Nr. 95, Kreidezeichnung); die Pferde-
schwemme an der Kleinseite ist hier in Bild gebracht; in
der Mitte sieht man eine große Wassermühle und im
Hintergründe links die Brücke über den breiten Strom.

Die drei übrigen, mit Kreide ausgeführten Zeichnungen
E. van der Veldes weisen dagegen nach seiner holländischen
Heimat (Nr. 92-94); sie sind alle datiert 1624-1627 und
1629 und voll bezeichnet; auf der letzten Nummer (Nr. 93;
Versteigerung Fred. Muller, Juni 1912, Nr. 260) ist eine
echt holländische Volksbelustigung dargestellt: das Gänse-
ziehen ; an einem über einen Fluß gespannten Seil ist eine
Gans festgebunden, die von den in Booten schnell darunter
herfahrenden Spielern während des Fahrens abgerissen
werden muß, wobei dann mancher natürlich ein unfrei-
williges Bad nimmt; am Ufer ist viel Volks versammelt,
das dem belustigenden Schauspiel zusieht; geistreich sind
die verschiedenen Figuren in Haltung und Bewegung
charakterisiert. In dieselbe Zeit, die Zeit des merry old
Holland, des jungen, lebenslustigen, noch nicht steif und
vornehm gewordenen, führen uns auch die zierlichen
Zeichnungen Adriaen van de Vennes, die für die Tracht-
und Sittengeschichte von besonderer Wichtigkeit sind;
denn das Beiwerk, die kokette Kleidung oder der reiche
Hausrat, ist immer mit der größten Akkuratesse dargestellt.
Im Gegensatz zu der breiteren, mehr zusammenfassenden
Technik van de Veldes ist für van de Venne eine sehr
ausführliche haarfeine und spitze Technik charakteristisch.
Van de Velde hat im allgemeinen mehr den Gesamtaspekt
im Auge und strebt mehr nach malerischer Wirkung,
während van de Venne viel mehr ins Einzelne geht und
auf zeichnerisch korrekte und scharfe Wiedergabe den
Nachdruck legt. Van de Venne war der fruchtbarste und
bedeutendste Illustrator der ersten Hälfte des 17. Jahr-
hunderts; zum ganzen »Vater« Cats hat er Illustrationen
geliefert, die von einem Stab von Künstlern, wie den
Mathams und de Passes elegant in Kupfer gestochen sind.
Verschiedene der ausgestellten Zeichnungen waren Ab-
bildungen zu den Werken dieses volkstümlichsten hollän-
dischen Dichters; so das modiöse Liebespaar (Nr. 96),
das am Ufer eines Flusses lustwandelt; sie reicht ihm eine
Rose hin und er hat galant den Arm um ihre Hüfte ge-
legt, ein gegenseitiger Stich (von A. Matham) nach
dieser hübschen Zeichnung dient als Titelkupfer in dem
Houwelyck von Cats (Middelburg 1625 in 4°) zu dem
Kapitel »Bruyt«. Vier andere kleine Zeichnungen sind in
einer etwas späteren Kleinoktavausgabe desselben Werkes
(Cats, Houwelyck, s'Gravenhage 1628) verwendet, so die
Seilerbahn mit der zuschauenden Modedame (Nr. 101, der
Stich auf Seite 170), die Frau, die bei einem halb in seinem
Grabe liegenden Toten klagt (Nr. 103; Stich auf S. 369),
und die Wasserflasche mit Fröschen, die von Blutegeln
gequält werden, um die zahlreiche Zuschauer neugierig
herumstehen (Nr. 104; Stich auf S. 476). Das Liebespaar
mit dem auf einem Kalb reitenden Amor in der Nähe
eines Irrgartens ist offenbar eine Illustration zu der Ein-
leitung zu dem »Houwelyck«; der entsprechende Stich in
d«r genannten Kleinoktavausgabe enthält nur einige
Elemente der Zeichnung und weicht im übrigen völlig
davon ab. Außerdem waren von van de Venne noch
vier andere runde Zeichnungen zu sehen, aus den Jahren 1624
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