Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Nekrologe — Personalien — Wettbewerbe — Ausstellungen

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NEKROLOGE

Der Direktor der Kunstgewerbeschule des K. K. öster-
reichischen Museums für Kunst und Industrie in Wien, der
Architekt Hofrat Oskar Beyer, ist in Baden bei Wien im
68. Lebensjahre gestorben. Beyer stammte aus Dresden
und war einer der ersten Schüler der dort im Jahre 1868
begründeten Kunstgewerbeschule.

PERSONALIEN
Dr. F. M. Haberditzl, der bisher die Staatsgalerie
(Moderne Galerie) in Wien vertretungsweise geleitet hat,
ist seit 1. April endgültig zum Direktor ernannt worden.
Man kann sich keinen besseren Nachfolger Doernhoeffers
wünschen und jeder Kenner der Verhältnisse wird sich
dieser Wahl freuen.

Der neuernannte Direktor der Römisch-Germanischen
Kommission des Kaiserlich Deutschen Archäologischen
Instituts in Frankfurt a. M., Dr. Friedrich Kopp, bisher
an der Universität Münster, ist zum ordentlichen Honorar-
professor an der philosophischen Fakultät der Universität
Frankfurt ernannt worden.

Richard Lachmanski, einst Leiter eines Kunstsalons
in seiner Vaterstadt Königsberg, eines Unternehmens, dem
eine gewisse kulturelle Bedeutung für den Osten des Reiches
zugesprochen werden durfte, vollendet am 14. April d. J.
sein 50. Lebensjahr. Aus diesem Anlaß hat der bekannte
Radierer Professor Heinrich Wolff sein Porträt radiert. —
Lachmanski lebt seit einer Reihe von Jahren in Berlin und
treibt privatim kunstgeschichtliche Studien. Es ist ein
Schüler Wölfflins und Goldschmidts.

WETTBEWERBE
Im Wettbewerb für Entwürfe zur Erbauung der
Straße des 18. Oktober in Leipzig wurden vom Ma-
gistrat auf Vorschlag des Preisgerichtes noch fünf Ent-
würfe angekauft. Für je 1000 Mark wurde der Entwurf von
Architekt Wilhelm Haller, sowie der von Architekt Georg
Wünschmann erworben, für je 800 Mark die Entwürfe der
Architekten Reichel und Kühn sowie von Franz Lindner,
für 600 Mark der gemeinsame Entwurf von Baurat Theodor
Kösser und Dr.-Ing. Fritz Kösser.

AUSSTELLUNGEN
Den Berliner Ausstellungen des zweiten Kriegs-
winters fehlt es, um einen Ausdruck des Tages zu ge-
brauchen, an dem schweren Geschütz. Mit liebenswürdigem
Notbehelf versucht man, über die schwierige Zeit hinweg-
zukommen. Gurlitt greift weit zurück in das frühere 19. Jahr-
hundert. Seit Tschudis Jahrhundertausstellung ist die Hoff-
nung auf Entdeckungen in diesem Bereiche geringer ge-
worden. Immerhin gibt es noch Überraschungen wie die
sauberen Porträts von Friedrich Deiker. Man bewundert
ein schönes Porträt von Gerhard von Kügelgen, eine cha-
raktervolle Landschaft Karl Rottmanns, ein qualitätvolles
Kinderbildnis von Karl Haider. Ein schön geschnittenes
Relief, das Karl Friedrich Schinkel darstellt, stammt von dem
Berliner Bildhauer Christian Friedrich Tieck. Eine Reihe
interessanter Zeichnungen läßt Johann Heinrich Wilhelm
Tischbein als etwas abseitigen Zeitgenossen des genia-
lischen Schweizers Füßli erscheinen. Aber mancher Name,
dem man noch kaum sonst begegnet zu sein sich erinnerte,
verdiente nicht in gleichem Maße, der wohlverdienten Ver-
gessenheit entrissen zu werden. Nimmt doch selbst der
Kultus, der mit den Besten getrieben wird, bisweilen be-
ängstigende Formen an. So geschiehtSpitzweg sicherlich Un-
recht, wenn in Ausstellungen nicht mehr eine vorsichtige
Auswahl seiner besten Arbeiten gezeigt wird, sondern jedes

bemalte Brettchen, das er hinterlassen hat, gleich hohe
Schätzung beansprucht. Wer jetzt bei Schulte Spitzweg
kennen zu lernen glaubt, kann nicht den günstigsten Ein-
druck gewinnen. Es fehlen die Perlen malerischer Ge-
schmackskultur, die an Diaz denken lassen. Und das un-
vollendete Bild der Postkutsche im Dorf zeigt peinlich die
Methode der breiten, farbigen Überarbeitung eines trocken
gezeichneten Gerüstes. Man versteht es, daß der Kunst-
handel auf keinen echten Spitzweg Verzicht leisten kann.
Dem Ruhme des Künstlers wird aber nur wenig gedient,
wenn nach und nach alles, was er in seinem arbeitsreichen
Leben geschaffen hat, ans Tageslicht gefördert wird. Was
sonst an dieser Stelle gezeigt wird, mag hier mit Still-
schweigen übergangen sein, obgleich auch anderwärts die
künstlerische Ausbeute der Ausstellungen dieses Monats
nicht eben erheblich ist. Bei Cassirer war sichtlich Ver-
legenheit um ein neues Programm. Brockhusen und Rösler
mußten herhalten, die Räume zu füllen. Werner Heuser
wurde ein Zimmer eingeräumt, in dem, wer da mag, sich
der Werke eines der zahlreichen Verteter des Neoklassi-
zismus erfreuen kann, der aus Cezanne, Marees und der
gesamten Kunstgeschichte bis hinauf in die Zeit der
Hochrenaissance ein sicheres Rezept abstrahieren zu können
meint und am letzten Ende beginnt, wo Cezanne selbst
sich ein Leben lang um die Grundlagen mühte. Die amü-
santen Kriegskarikaturen des Simplicissimus, die einen
zweiten Raum füllen, sah man lieber in der Zeitschrift als
hier an den Wänden. Sie sind für die Reproduktion ge-
schaffen und scheinen fast durch sie zu gewinnen. Und
endlich findet man Erholung an der Hauptwand des großen
Saales, wo eine Reihe älterer Werke von Auguste Renoir
zu sehen sind. Es hat gewiß bedeutendere Renoir-Ausstel-
lungen bei Cassirer gegeben. Ist es wirklich so lange her, daß
der Referent einer vielgelesenen Berliner Zeitung Renoir für
eine Dame halten konnte? Dem Zauber seiner kultivierten
Malerei wollen wir auch in dieser Zeit der Verwirrung so
vieler Begriffe uns nicht entziehen. Man wird schwerlich
Wertvollerem begegnen, wenn man die Berliner Kunst-
salons durchwandert. Aber lebendiger ist es in Neumanns
graphischem Kabinett, wo Emil Nolde seit sehr langer Zeit
zum ersten Male wieder in Berlin ausstellt. Den Lesern
der Zeitschrift für bildende Kunst ist Nolde kein Un-
bekannter, und es mag zur Beurteilung des Künstlers auf
den eingehenden Aufsatz zurückverwiesen sein, den Sauer-
landt hier vor zwei Jahren veröffentlichte. Neben älteren
Arbeiten zeigt Nolde nun auch einiges von den Er-
trägnissen seiner Südseereise, vor allem eine große Reihe
aquarellierter Köpfe, Studien fremder Volkstypen. Alle
Gewaltsamkeit ist da geschwunden. Der Künstler gibt sich
ganz einem starken Eindruck hin, und es entstehen Natur-
aufnahmen von einer unmittelbaren Überzeugungskraft
die sie wie ethnographische Studien von höchster künst-
lerischer Objektivität wirken läßt. Diese Blätter gehören
in ein Völkerkundemuseum. Das ist das beste Lob, das
ihnen gespendet werden kann. — Weniger glücklich wirken
zwei Ölgemälde Noldes, die im gleichen Hause, in den
Räumen der Berliner Sezession, im Rahmen der von Ost-
haus zusammengestellten Kriegskunstausstellung zu sehen
sind. In ihrem pedantisch lehrhaften Tone hat diese Aus-
stellung überhaupt recht peinlich fehlgegriffen. Es werden
Ansätze zum Guten gezeigt, aber auch Ansätze zum Bösen,
und solche nicht nur in der Vitrine der »Kriegsgreuel«,
die an Gegenbeispielen zu demonstrieren unternimmt, wie
das seit Patzaurek Brauch geworden ist. Nur daß dabei
übersehen wird, daß dieser Plunder niemals Kunst sein
wollte, während so manche Gegenstände in den anderen
Vitrinen den feierlichen Ansprüchen, die sie stellen, sehr
wenig genügen. — Auf breiterer Grundlage wird in der
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