Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 2. 8. Oktober 1915

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EIN TIZIAN IM MAOAZIN DER WIENER
AKADEMIE-GALERIE

Bei der Umhängung dieser leider so arg ver-
nachlässigten und in den allerungünstigsten Räumen
schlecht aufgestellten Sammlung alter Meister ist ein
Tizian zum Vorschein gekommen. Ich war nicht
wenig erstaunt, als ich vor einigen Tagen, unmittel-
bar nach Wiedereröffnung der italienischen Abteilung
der Galerie, vor einem mir völlig unbekannten, statt-
lichen, farbenprächtigen Bilde mit der Darstellung der
Ermordung Lukrezias durch Tarquinius stand, das in
jedem Pinselstrich sich als eigenhändiges Spätwerk
Tizians bekundet, dessen Name auch auf dem Zettel
am Rahmen angegeben ist. Auf meine Anfrage beim
Diener erfuhr ich, daß das Bild vor etwa sechs Jahren
gelegentlich in Wien um bare 4000 Kronen gekauft
worden, aber nicht zur Aufstellung gekommen sei;
bei der jetzigen Neuordnung habe er die Herren
Künstler auf das Bild im Magazin aufmerksam ge-
macht und erreicht, daß es ausgestellt worden sei.
Und ein solches Bild hatte man — doch wohl in
der Annahme, daß man ein der Galerie nicht wür-
diges Stück eingehandelt habe — in das Magazin
verbannt! Das Bild stellt in fast lebensgroßen, bis
zu den Knien gesehenen Figuren Tarquinius dar, wie
er mit dem Dolch die nur leicht bekleidete Lukrezia
überfällt. In der Handlung ist es nach Tizians Art
in seiner späteren Zeit wenig bewegt, fast nüchtern,
aber in der Färbung ist es von einer lichten Hellig-
keit und Pracht, in der Behandlung von einer Breite
und Meisterschaft, die sofort an Tizians späteste Werke,
namentlich die Stäupung Christi in der Münchener
Pinakothek, erinnert. Ein helles Gelb, verschiedene
Rot sind neben einem schmutzigen Weiß die maß-
gebenden Farben, die in kurzen, derben Pinselstrichen
nebeneinander gesetzt sind und erst in einer gewissen
Entfernung zu einem köstlichen Farbenbukett zu-
sammen wirken. Mit den Lukreziabildern Tizians in
der Sammlung Ch. Butler (versteigert, für Philipp II.
gemalt) und im Hofmuseum hat diese Komposition
nur wenig Verwandtschaft. BODE

DRESDNER BRIEF

In der Galerie Ernst Arnold in Dresden hat
nach Georg Lührig nunmehr Richard Müller die
Früchte seines kunstreichen Schaffens auf dem belgisch-
französischen Kriegsschauplatz ausgestellt. Im ganzen
sieht man 171 Zeichnungen, darunter einige wenige
farbige Bilder. Merkwürdig ist, daß der Künstler,
der monatelang als Kämpfer an der Front stand,
dem Kampf selbst und den Kämpfern gar keine Teil-
nahme abgewonnen hat, sondern abgesehen von ver-

einzelten Allegorien nur die tatsächlichen augen-
fälligen Wirkungen des Krieges vorführt: zerstörte
Städte und Dörfer, zerschossene Festungswerke, Brücken,
Kirchen und Häuser, kurzum zum allergrößten Teile
Ruinen, grauenhafte Bilder der Zerstörung, wie sie
der Franktireurkrieg in Löwen und Dinant, der Be-
lagerungskampf um Namur, in Givet, Rethel, Me-
cheln usw. hervorgebracht hat. Auf keinem dieser
Bilder sieht man einen Soldaten oder irgend ein
anderes menschliches Wesen. Rein sachlich schildert
Müller, was er gesehen hat, gleich einem künstlerischen
Berichterstatter; und er sieht genau, nichts entgeht
seinem scharfen Blicke, und mit bewundernswerter
Sicherheit und nie versagender Geschicklichkeit gibt
er uns das Geschaute wieder. Seine Bilder erhalten
dadurch den Wert zuverlässiger Urkunden, getreuer
geschichtlicher Feststellungen mit dem zeichnenden
Griffel. Die peinlich sorgfältige Durchführung, die
man bei Richard Müller gewöhnt ist, ist in vielen
dieser Bilder einer etwas freieren und flotteren Dar-
stellungsweise gewichen, wie sie der Drang der Zeit
notwendig gemacht hat. Einige Städteansichten, wie
die von Sedan und Mezieres oder die von Mecheln
mit dem äußeren, zwischen Ruinen aufragenden Turm,
wirken über das Sachliche hinaus mit der Kraft der
Stimmung oder durch bildhafte räumliche Auffassung.
Der Neigung Müllers für das absonderlich Grausige
entsprechen die Bilder der Schädel und Knochen
gefallener Deutscher und Franzosen von 1870/71 in
Bazeilles, die Überreste der Grafen Egmont und Horn
in Hierges, die umgestürzten Ritterrüstungen im Waffen-
museum zu Namur und ähnliches. Mehr ausgedacht
als künstlerisch angeschaut ist die gepanzerte Riesen-
faust, die schwer auf Stadt und Land liegt; und
ebenso ausgedacht ist die radierte Darstellung des
Todes in großen Stiefeln, die nichts weniger als
grauenhaft gespenstisch, sondern eher ungewollt
komisch wirkt. Dagegen ist eine zweite Darstellung
des Todes als Brandstifter über der Stadt Rethel als
ein Werk echter schauender Phantasie zu bezeichnen.
Mit Recht hat Direktor Koetschau dieses Blatt nebst
vier anderen der besten Blätter Müllers, Darstellungen
aus Mecheln, Rethel und Berthoncourt, für die Düssel-
dorfer Galerie angekauft; ebenso hat das Kgl. Kupfer-
stichkabinett zu Dresden vier hervorragende Blätter
erworben.

Bei Emil Richter sahen wir kürzlich eine Gesamt-
ausstellung des Malers Paul Oberhoff, der zu den
kräftigsten Talenten unter den jüngeren Künstlern
Dresdens gehört. Von Cezanne und Trübner aus-
gehend, auch Anregungen der Futuristen nicht ver-
schmähend, stellt sich Oberhoff als ein entschieden
modern empfindender und malender Künstler dar, der
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