Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 21. 18. Februar 1916

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DIE ZWEITE AUSSTELLUNG
DER FREIEN SEZESSION IN BERLIN

Von Curt Glaser

In dem Wettstreit der Berliner Sezessionen ist
nun die andere, die sich die Freie nennt, auf den
Plan getreten. Sie ließ der älteren Schwester den
Vorgang, aber durch die reichhaltige und lebendige
Ausstellung, die sie in dieser schwierigen Zeit zu-
sammenbrachte, bewies sie besser, daß es ihre ernste
Absicht ist, die gute Tradition der ehemaligen Ber-
liner Sezession zu wahren. Diesen ersten, bestimmen-
den Eindruck muß zugestehen, auch wer sich von
jeder kunstpolitischen Parteinahme frei weiß. Es
bleibt darum bestehen, was an dieser Stelle seit dem
Beginn der Streitigkeiten innerhalb der alten Ver-
einigung immer wieder betont wurde, daß die Not:
wendigkeit der Spaltung gerade in dieser Form keines-
wegs einleuchtet. Zu viel persönliche Gegnerschaft
wurde in den Kampf getragen, der um nichts als die
Kunst gehen sollte. Manchen von drüben wüßte
man lieber hier. Mancher, der hier ausstellt, fände
drüben besseren Platz. Aber vielleicht bahnt sich
ein Ausgleich mit der Zeit noch an, wie er früher
auch zwischen Sezession und Großer Kunstausstellung
erst allmählich stattfand, und das eine beweist diese
zweite Ausstellung der Freien Sezession, daß die
jüngere Generation Platz braucht, sich auszuwirken,
daß sie Kraft genug besitzt, ihren Raum zu behaupten.

Es ist gewiß wahr, daß das viele Gerede von
den Kunstrichtungen und alle die Schlagworte, die
damit in den allgemeinen Gebrauch kamen, das Kunst-
urteil nicht eben gefördert, sondern vielfach getrübt
haben. Aber es läßt sich nicht abstreiten, daß inner-
halb der gesamten Folge historischer Entwicklung
dem jüngst Entstandenen allein vermöge der Tatsache
seiner Aktualität eine besondere Betonung zu eigen
ist. Gerade darum wird es selten nur ruhig und
sicher gewertet, leicht verurteilt oder überschätzt ohne
rechte Ansehung einer absoluten Qualität, vermöge
deren es mit jeder anderen, jeder früheren künstle-
rischen Äußerung gleichgesetzt werden könnte. Aber
es wäre falsch, von einer Ausstellung zu verlangen,
was eine Sammlung sich zum Ziele zu setzen hat.
Eine Ausstellung will und soll über den Stand der
Dinge unterrichten, nicht mehr und nicht weniger,
nicht sich bestreben, Ewigkeitswerte zur Darstellung
zu bringen. Darum und aus keinem anderen Grunde
brauchten wir die Sezession. Sie will denen, die an
anderer Stelle nicht leicht Eingang fänden, Gelegenheit
geben, ihre Arbeit der Öffentlichkeit zu unterbreiten.
Und darum loben wir diese Ausstellung, weil sie weit-
herzig war, auch auf die Gefahr manchen Irrtums.

Trotzdem bleibt den Veranstaltern als das Prinzip
der Auswahl, wenn sie nicht auf das Recht der Jury
ganz verzichten wollen, nichts als der allgemeinste
Begriff einer absoluten Qualität, und gerade die Leitung
dieser Ausstellung versuchte in etwas lehrhafter Art
den Satz von der ewigen Gleichheit künstlerischer
Werte zu beweisen, indem sie mitten hinein ein paar
Werke alter Kunst hängte. Nun soll man es be-
greifen, daß Cranach und Trübner zwei deutsche
Meister von gleichem Range seien, aber man lernt
nicht mehr, als man auch vordem wußte, und über-
dies hinkt der Vergleich bedenklich. Man pflegte
früher in diesem Hause Werke der neueren franzö-
sischen Meister in Verbindung mit moderner deutscher
Kunst zu zeigen, und die Beziehung war trotz des
heftigen Protestes, den gerade Trübner erst jüngst
in die Welt gesetzt hat, weit einleuchtender als die
angebliche Nähe zweier Werke, die drei Jahrhunderte
voneinander trennen.

Glücklicherweise ist Trübners Kunst gesund genug,
um nicht den Gefahren eines unfruchtbaren Eklekti-
zismus zu erliegen, die durch solche Vergleiche
leicht gezeitigt werden. Bildende Kunst ist — trotz
des Krieges — niemals in dem Sinne national ge-
wesen, wie es die Kunstgeschichtsschreibung, die der
politischen Geschichte und ihren Grenzsetzungen folgt,
zuweilen glauben machen will. Und gerade in dieser
Ausstellung beweisen es die Deutsch-Pariser, — um
diesen Begriff ebenso zu gebrauchen, wie man von
Deutsch-Römern sprach, — daß man ein tüchtiger -
deutscher Maler sein kann, auch wenn man bei Matisse
in die Schule gegangen ist. Denn es verwirklicht sich
nun eine alte Hoffnung, da Purrmann mit fünf
schönen und ernsten Bildern zeigt, daß sein starkes
Talent in steter Arbeit zur Meisterschaft reifte. Wir
begrüßen in ihm heut einen unserer Besten. Es ist
eine sichere Kraft in seinen Werken, eine Beherrschung
der Materie, die einen nicht mehr zu gefährdenden
Besitz bedeutet. Die Tradition, auf der diese Kunst
erwachsen konnte, ist nicht in Deutschland boden-
ständig, sie ruht in Cezanne und seinem Erben Matisse.
Aber darum sind Purrmann und Oskar Moll, dessen
feine und bewußte Kunst sich immer reiner auf
gleichen Grundlagen entwickelte, nicht minder deutsche
Maler, und wir wollen hoffen, daß ein Kulturaus-
tausch, der Wissenschaften und Künste auf beiden
Seiten nur förderte, auch nach der furchtbaren Kata-
strophe des Krieges wieder einsetzen wird.

Im übrigen zeigt diese Ausstellung, daß der von
Unbedachten im voraus gepriesene, angeblich heil-
same Einfluß des Krieges auf die Kunst nirgends zu
spüren ist. Wäre nicht das Kabinett, das den Werken
von vier jung Gefallenen gewidmet ist, — Weisgerber,
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