Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Conrad von Soest und die Lübecker Malerei im Beginn des 15. Jahrhunderts

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sehen Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts eröffnet
Averkamp mit einer farbigen Darstellung eines
Kanals mit Fischern in Booten, Cuyp schließt sich
mit drei Blättern an, Doomer mit zwei Architektur-
aufnahmen und der seltene Verwer mit einer Ansicht
des Schlosses von Cleve. Van Ooyen ist mit einer
inhaltlich ungewöhnlichen Theateraufführung gut ver-
treten, Molijn mit einer Winterlandschaft in seiner
bekannten Strichführung. Ein besonders gutes Stück
ist die Ansicht bei Breda von Hackaert, die sich seinen
glücklichsten Schöpfungen zur Seite stellt. Geistreich
in der lebendigen Fleckenwirkung ist eine Flußland-
schaft von Berchem. Zu dieser Gruppe gehören end-
lich noch zwei charakteristische Landschaftsdarstellun-
gen des Adriaen van de Velde. Von Willem van de
Velde ist eine Schiffdarstellung zu erwähnen. Von
den Meistern des Rembrandtkreises ist Livens beson-
ders reich und vielseitig vertreten. Eine Landschaft-
zeichnung ist ein gutes Beispiel seiner offenen und
zügigen Federzeichnung, daneben steht eine Kreide-
studie, die einen ruhenden Mann darstellt, und als
drittes eine Bildnisaufnahme in Rot und Schwarz.
Ihm nahe steht Govaert Flinck mit einem Malerporträt.
Nikolaes Maes reiht sich an mit der Studie einer
lesenden alten Frau in seiner bekannten Art. Vor-
züglich sind endlich Ostade und Huijsum mit je drei
Blättern vertreten. Von Ostade ist ganz besonders ein
Maleratelier hervorzuheben, während die drei Blätter
des Huijsum mit großzügig gezeichneten Blumen-
stilleben einander kaum etwas nachgeben. Rechnet
man zu all dem noch die vier italienischen Bildnis-
studien, die ihre Meister, Paris Bordone, Tintoretto,
Annibale Carracci und Piazzetta gut repräsentieren,
und endlich das Blatt von Claude Lorrain, das die
reiche Claude-Sammlung des Berliner Kabinetts sehr
gut ergänzt, so ergibt sich ein Zuwachs an Meister-
zeichnungen noch durch diesen nachträglichen Ein-
gang aus der Sammlung von Beckerath, wie er im
Kunsthandel heute nur mit den größten Mitteln zu
ermöglichen wäre. G.

CONRAD VON SOEST UND DIE LÜBECKER
MALEREI IM BEGINN DES 15. JAHRHUNDERTS

Von R. Struck-Lübeck

Gelegentlich des Abbruches des älteren Werkhauses
der Marienkirche zu Lübeck im Jahre 1903 wurde ein
beiderseits bemaltes Bruchstück eines Altarflügels, wel-
ches bis dahin zur Verkleidung eines Schornsteins ge-
dient hatte, aufgefunden.

Die besser erhaltene Seite desselben zeigte auf
Goldgrund Teile einer Kreuzigungsszene, nämlich im
Vordergrunde die Gruppe der trauernden Frauen,
hinter ihnen rechts Longinus und den Diener, der
ihm bei der Führung der Lanze behilflich ist, links
den sterbenden, bußfertigen Schächer. Auf der Rück-
seite der Tafel war ein Bischof dargestellt, der sich durch
seinen Nimbus als sanetus nycolaus episcopus erwies.

Zur Zeit der Auffindung dieser Gemälde war der
einzige Altar, der von sämtlichen im 18. Jahrhundert
in der Marienkirche noch vorhandenen Altären noch

vermißt wurde, der der Schonenfahrer. Diese Tat-
sache, sowie die Erwägung, daß der hl. Nikolaus der
Patron der Schiffer und der seefahrenden Kaufleute
sei, veranlaßten Dr. Fr. Bruns, der als Verfasser
des Textes des lübeckischen Inventarisationswerkes
zuerst auf dieses Kunstwerk aufmerksam machte, zu
der Annahme, daß dasselbe ein Teil des 1397 in der
Marienkirche errichteten Altars der genannten kauf-
männischen Genossenschaft sei. —

Bestimmte stilistische Übereinstimmungen, die
zwischen diesen Gemälden und denen des Thomasaltars
Meister Frankes vorhanden zu sein schienen, führten
dann später Prof. Schaefer1) dazu, an einen Zusammen-
hang derselben mit dem Frankeschen Kreise zu denken
und ihre Entstehung daher in die Zeit um 1430 zu
verlegen.

Einige Jahre früher wies indessen bereits H.
Schmitz2) auf die »handgreifliche« Übereinstimmung
der Gruppe der trauernden Frauen mit den ent-
sprechenden Figuren auf dem Mittelstück des Haupt-
werkes Conrads von Soest, des Altars zu Wildungen
hin und stellte die Tafel zu denjenigen in den nörd-
lichen und östlichen Teilen Deutschlands vorhandenen
Malereien, die mit der Soester Schule in Beziehung
gebracht werden könnten.

Nicht nur diese handgreifliche Übereinstimmung
in der Komposition, die sich im übrigen nicht nur
auf die genannte Gruppe, sondern auch auf die übrigen
Figuren des Bildes, soweit es erhalten ist, erstreckt —
auch die Farbengebung und ganz besondere, bestimmte
Eigentümlichkeiten der Zeichnung, wie sie in ganz
gleicher Weise bei den Figuren des Wildunger Altars
zu beobachten sind, lassen es gewiß erscheinen, daß
dieser Altarflügel nicht nur in engen Beziehungen zur
Schule Conrads von Soest steht, sondern ein eigen-
händiges Werk dieses Meisters ist!

Bestärkt werde ich in dieser Ansicht durch die
Tatsache, daß zweimal an einer Stelle der Tafel, näm-
lich in dem Ornament des Gewandes des Dieners
des Longinus die Buchstaben K und S angebracht
sind, die nach meiner Meinung als die Anfangsbuch-
staben des Vor- und Zunamens des Künstlers gedeutet
werden dürfen.

Da Meister Conrad auch sonst nicht selten Buch-
staben als Zierat bei den Figuren seiner Bilder ver-
wendet, so könnte allerdings gegen eine solche Deu-
tung Einspruch erhoben werden. Es liegen jedoch
auch schon andere Beobachtungen vor, aus denen
mehr oder weniger sicher hervorgeht, daß der Meister
in der Tat in ähnlicher Weise seine Arbeiten signierte.

So ist u. a. C. Aldenhoven3) der Ansicht, daß ein c,
welches auf dem Brustschilde des zweiten Königs in
der Anbetungsszene eines in der Kirche St. Pauli in
Soest vorhandenen und von ihm Conrad zugeschrie-
benen Gemäldes zu bemerken ist, und ferner ein c,

1) Jahrbuch des Museums für Kunst- und Kulturge-
schichte zu Lübeck 1913.

2) Beiträge zur westfälischen Kunstgeschichte, heraus-
gegeben von Dr. H. Ehrenberg, Heft 3: Die mittelalterliche
Malerei in Soest. Münster 1906.

3) Geschichte der Kölner Malerschule. Lübeck 1902.
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