Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 28. 7. April 1916

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ALTE DEUTSCHE SOLDATENGRÄBER
Von Dr. P. Kutter

Der Krieg mit seinen ungeheuren Menschenopfern
fordert eine entsprechende Masse von Gräbern und
Grabschmuck. Wie nach dem siebziger Kriege sind
jetzt die Bildhauer und noch mehr die Grabstein-Indu-
strie beschäftigt, Massengräber zu entwerfen und eiligst
herzustellen. Alle Kunstzeitschriften bringen Entwürfe
für Soldatengräber. Gutachten von Architekten und
Bildhauern werden eingefordert. Man fürchtet die
Wiederkehr der Flut von Geschmacklosigkeiten, die man
nach dein deutsch-französischen Krieg erleben mußte.
Um die deutschen Soldatengräber der früheren Jahr-
hunderte kümmert man sich nicht, die Kunstgeschichte
hat man nicht befragt. Wir kennen zwar die vielen
erhaltenen römischen Soldatengräber, wir wissen aus
den Museen (z. B. in Bonn oder Köln), daß fast jeder
einzelne Cohortale sein steinernes Reliefbild bekam,
aber ältere figurale Grabmäler von deutschen Soldaten
haben sich nicht erhalten. Wohl gibt es einige ein-
fache Denksteine mit Inschriften auf Massengräbern
aus dem Dreißigjährigen Krieg und auch aus den
Befreiungskriegen, sie kommen aber wegen mangeln-
der künstlerischer Qualität nicht in Betracht.

Von einer figuralen Darstellung des einzelnen
Soldaten (aus Stein oder Erz) auf seinem Grab ist
heute keine Rede, das ist nicht Mode, auch nicht bei
Offiziersgräbern, welche nur eine bessere und kost-
spieligere Ausführung erhalten. Wir besitzen nun aber
von deutschen Offizieren aus früheren Zeiten prächtige
figurale Grabmäler in unseren Kirchen. Es war ehe-
mals selbstverständlich, daß der bedeutendere Führer,
»der römischen Kayserlichen Majestät Feldobriste«
oder Hauptmann genau wie der hervorragende Rats-
herr oder Patrizier in der Kirche sein Grabbild erhielt,
mochte es nun ein guter oder geringerer Künstler
ausführen. Erst in jüngster Zeit beginnt die Kunstge-
schichte sich mit diesen oft hochbedeutenden Arbeiten
(von der Mitte des 16. Jahrhunderts an) zu beschäftigen,
das Gute von der Massenware zu sondern. Die Aus-
stellung für moderne Kriegergrabmäler in der Mann-
heimer Kunsthalle bot jüngst Gelegenheit, sich in der
retrospektiven Abteilung etwas über ältere deutsche
Grabmalskunst zu informieren. Es gibt zwar viele
kunstgeschichtliche Einzeluntersuchungen über dies und
jenes Monument, aber eine Geschichte des deutschen
Grabmals gibt es nicht, in der man sich an der Hand
guter Abbildungen eine Entwickelung des deutschen
Offiziersgrabmals klarmachen könnte. Man würde als-
dann von selbst darauf kommen, von unseren modernen
Bildhauern ein figurales Abbild für einen ausgezeich-
neten tapferen Soldaten oder Anführer auf seinem

Grabe zu verlangen. Wir haben Bildhauer genug,
die dieser Aufgabe gerecht werden könnten, wenn sie
in den Kirchen den gotischen Ritter oder den schnurr-
bärtigen alten Schwedenoffizier mit Feldbinde und
Stulpstiefeln sich ansehen wollten. Mögen sie den ge-
fallenen Hauptmann aus dem jetzigen Kriege noch so
sehr heroisieren und idealisieren, sein Abbild wird mehr
Eindruck machen als das modernste Grabmal, das immer
nur mit Symbolen wirken kann, also mit Merkzeichen,
die erst eine Reihe von Vorstellungen auslösen müssen
und niemals die schlagende Wucht eines künstlerisch
vollendeten figuralen Abbildes besitzen können.

Einstweilen wird man nur immer wieder einwenden,
derartige Grabmäler seien nicht üblich und würden
nicht wirken. Wer aber in der Lage sein sollte, auch
nur eins der wenigen, nachfolgends benannten alten
Kriegergrabmäler (»in Uniform«) oder ähnliche zu
kennen, muß ohne weiteres zugeben, daß diese Ge-
stalten zum Beschauer eine ganz andere Sprache reden
als eine bloße Inschrift auf einem Kreuz oder unbe-
hauenen Stein, auf den etwa ein antiker Helm oder
eine Urne gestellt ist — besonders dann, wenn erst
einige Jahre verstrichen sind und die Begeisterung
verflogen sein wird.

Das Schema des üblichen deutschen Grabmals für
fürstliche und andere hohe Herren von Mitte und Ende
des 16. Jahrhunderts an ist wohl allgemein bekannt.
Es ist der lebensgroße kniende Ritter im schweren
Harnisch, der die Hände betend zu dem vor ihm auf-
gerichteten Kruzifix erhebt. Die steinerne, oft voll-
plastische Reliefgestalt wird umrahmt von korinthischen
Säulen, die einen Halbkreisbogen tragen, in diesem
prangt die von zwei Engelein gehaltene Inschrifttafel.
Als Beispiel wäre nur die famose Figur des Georg
von Liebenstein im Mittelschiff der Stiftskirche zu
Aschaffenburg zu erwähnen. Sie ist vielleicht dem
jetzt viel genannten Backoffen zuzusprechen. Eine
große Menge von solchen wuchtigen gepanzerten Ge-
stalten schuf auch der tüchtige Meister Johann von
Trarbach, der viel für die Dynastenfamilien in Wertheim
a. M., Pforzheim (badische Landgrafen), Öhringen
(Hohenlohe) usw. gearbeitet hat. Im Jahrhundert des
Dreißigjährigen Krieges ist das Knien und Beten
der energisch blickenden Hauptleute und Obristen
fortgefallen, sie stehen in ihrer bequemen und male-
rischen Uniform ruhig da, die Linke am Degen, den
Federhut in der Rechten. Die langen Haare der mar-
tialischen Köpfe mit den großen Knebelbärten wallen
ungeordnet auf den Spitzenkragen herab. Die plumpen
Reiterstiefel wirken fast so wuchtig, wie die alten
Eisenschienen und breiten Eisenfüße (Kuhmäuler) der
spätgotischen Epoche. Zu diesen handfesten Degen aus
dem großen Kriege gehört die knorrige Gestalt des
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