Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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Der Schnitzer des Rother Altars

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Gleiche und ähnliche Gesichtsbildungen zeigen die
Figuren, die auf den Flügeln des im Lübecker Dome
befindlichen Altars der Stecknitzfahrer dargestellt sind.
Bei diesem, sowie bei den durch süßlich-rosige
Farbentöne auffallenden Malereien eines am gleichen
Orte befindlichen und eine Darstellung der kanoni-
schen Jahreszeiten enthaltenden Altars, auf deren Ähn-
lichkeit mit bestimmten Werken aus der Zeit Meister
Conrads (Altartafeln in Freckenhorst) bereits Ad. Gold-
schmidt hinwies, endlich bei denjenigen des ebenfalls
dort vorhandenen Altarschreines der Müllerknechte
dürfte es sich um Werke von Nachfolgern Meister
Conrads handeln, die seinen Stil in vergröberter oder
gar roherer Weise handhabten und fortsetzten.

Die Entstehung dieser drei, mehr oder weniger
minderwertigen Werke dürfte wohl in den Beginn der
dreißiger Jahre des 15. Jahrhunderts fallen.

Die ältesten Tafelmalereien, welche sich in Lübeck
erhalten haben, die Malereien auf den Flügeln eines
kleinen, in der Warendorpkapelle im Dom stehenden
Altars sind, falls die von Ad. Goldschmidt angegebene
Datierung derselben das Richtige trifft, noch vor der
Zeit entstanden, ehe Conrads von Soest Einfluß auf
die westfälische Malerei sich bemerkbar machte. Die
auf ihnen dargestellten Figuren, speziell die weiblichen
und die bartlosen männlichen, zeigen charakteristische,
gemeinsame Züge hinsichtlich der Kopf- und Gesichts-
bildung, besonders der Augen- und Mundbildung mit
bestimmten Figuren des Ciarenaltars zu Köln und
einem Teile jener Werke, welche u. a. von Aldenhoven
als Werke eines Nachfolgers Meister Wilhelms be-
zeichnet worden sind. Wenn so an einen Zusammen-
hang dieser, durch ein sattes Kolorit und durch ein
Vorherrschen der Farben Rot und Blau ausgezeich-
neten Malereien mit der kölnischen Schule wohl ge-
dacht werden kann, so weist andererseits eine höchst
eigenartige Bildung der Bärte, wie sie an mehreren
plastischen Figuren des Altschreines wahrzunehmen
ist und wie sie in gleicher Weise zu jener Zeit in
Westfalen (s. die Bau- und Kunstdenkmäler von West-
falen Bd. 18, Taf. 16, Abb. 5) vorkommt, darauf hin,
daß als Verfertiger dieses Kunstwerks demnach wohl
ein aus diesem Lande stammender Künstler in Be-
tracht zu ziehen ist.

DER SCHNITZER DES ROTHER ALTARS

Der in den »Mitteilungen des Vereins für Ge-
schichte und Altertumskunde in Hohenzollern« (47.,
48. und 49. Jahrgang 1913—1916; Sigmaringen) er-
schienene Aufsatz des Fürstl. Hohenz. Archivars
Dr. Hebeisen über »Die Künstlerfamilie Strüb in
Veringenstadt im 15.—16. Jahrhundert« (S. 115—129;
mit 17 Abbildungen) lenkt die Aufmerksamkeit auf
den Rother Altar in der Sammlung des Mannheimer
Altertumsvereins1).

1) Er ist zurzeit nur schwer zu besichtigen, weil die
Kriegsausstellung in demselben Raum angeordnet ist. Doch
hat die Gefälligkeit des Vorstandes Herrn Gymnasium-
direktors Caspari mir den Zutritt zur Vorderseite ermöglicht.
Die Rückseite ist so gut wie unzugänglich.

Der ungewöhnlich gut erhaltene Altar (Vgl. Marie
Schuette, Der schwäbische Schnitzaltar S. 219/20; Mann-
heimer Geschichtsblätter 1909, S. 104; Baum, Ulmer
Plastik, S. 14) ist 1909 aus der Kirche von Roth (Bad.
Bez. A. Meßkirch) erworben worden. Vorher war er
in Sauldorf (im selben Bez. A) und dorthin soll er
von Neuhausen ob Eck (im württ. O.-A. Tuttlingen
und zwischen Tuttlingen und Meßkirch) gewandert
sein. In die Literatur wurde er eingeführt durch
F. X. Kraus im Badischen Kunstdenkmäler-Inventar
(Kreis Konstanz S. 401 ff.).

Der Altarschrein ist im 17. Jahrhundert mit einem
barocken Gehäuse umgeben worden. (Der jetzige
Aufsatz auf dem Schrein gehört nicht ursprünglich
zum Altarwerk). Die Fassung ist nicht erneuert. Maria
mit dem Kinde steht inmitten der Heiligen Sebastian
und Katharina (links vom Beschauer), Barbara und
des Täufers (rechts vom Beschauer).

Auf der Rückseite ist das jüngste Gericht gemalt.
Die von dem Schrein getrennte Predella war in Roth
nicht unter dem Schrein aufgestellt gewesen. Ihre früher
vielleicht mit geschnitzten Heiligenbüsten gefüllte
Schreinseite ist jetzt leer bis auf den gemusterten
Goldgrund. Die Rückseite trägt das Gemälde der
Vera Icon; darüber in gotischer Minuskel die Inschrift:

Bans ftrüb maier zu veringc bat dits tafd gemacbet
do man zalt . m. £e£ßß. nn XITI jar uf 1id)tmefs.

(Veringen liegt in Hohenzollern, O.-A. Gammer-
tingen, 14 km vor Sigmaringen).

Die Inschrift bezieht sich also ausgesprochenermaßen
auf die »Tafel« und der Künstler nennt sich aus-
drücklich nur »Maler«. In einer von Hebeisen ermittelten
Urkunde, einem Eintrag in der Chronik des Klosters
Inzigkofen (bei Sigmaringen) werden die »maister
Hans und maister Jacob« gleichfalls als »Mahler von
Fehringen« und Urheber des »Blatts« zum 1505 er-
richteten neuen Choraltar der Inzigkofener Kloster-
kirche genannt. Der Eintrag datiert nach der freund-
lichen Mitteilung des Herrn Dr. Hebeisen vermutlich aus
1505 selbst oder nicht viel späterer Zeit. Über Hans
Jakob Strüb gibt es noch einen zweiten Bericht. Das
hohenzollernsche Kunstdenkmälerinventar (Die Bau-
und Kunst-Denkmäler in den Hohenzollernschen
Landen . . . bearbeitet von Dr. R. Th. Zingeler . . .
und Wilh. Friedr. Laur, Stuttgart, Paul Neff 1896)
schrieb S. 246 die Ausmalung des Chors der Pfarr-
kirche zu Laiz (an der Donau zwischen Inzigkofen
und Sigmaringen) den Meistern Hans und Jakob Strüb
von Veringen zu, »welche 1505 in der Kirche malten«.
Es wird also daraus, daß nach einer anderen — schrift-
lichen oder mündlichen — Überlieferung die beiden
Strüb 1505 in der Kirche tätig waren, der an sich
sehr wahrscheinliche Schluß gezogen, daß auch
die Malereien an den Wänden des Chors von ihnen
herrührten. Leider ist, wie Herr Landeskonservator
Laur mir gütigst mitteilt, die Quelle dieser Überlieferung
nicht mehr zu ermitteln. Möglicherweise bestand sie
in einer auf ihre Beweiskraft nicht mehr nachprüfbaren
mündlichen Mitteilung des damaligen Ortspfarrers (vor
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