Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

Seite: 53
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1916/0033
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
facsimile
53

Personalien — Ausstellungen

54

legte. Zu größeren freien Kompositionen reichte sein nur
auf die Darstellung des künstlich Qeschauten eingestelltes
Talent nicht aus; das historische Gemälde »Die Legende«
von Veith dem Fiedler (auf der internationalen Kunstaus-
stellung Amsterdam 1912) war ein recht schwaches Werk.
Hart Nibbrig hat sich auch als Lithograph betätigt. Er
studierte an der Amsterdamer Akademie, dann in Paris bei
Cormon (1888/89), wo er das Werk der Neoimpressionisten
kennen lernte; er selbst hat eine Zeitlang selbst das
Pointillierverfahren angewendet. Hart-Nibbrig war in
Amsterdam geboren. Eine ausführliche Studie über ihn
findet sich von der Hand seines Freundes, des Malers
Cohen-Oosschalk, im Dezemberheft der Zeitschrift »Onze
Kunst«. M.D.H.

In Karlsruhe, seinem langjährigen Wohnsitze, starb,
halb verschollen und halb vergessen, der in einem harm-
loseren Zeitalter einst so gefeierte humoristische Zeichner
und Porträtmaler Christian Wilhelm Allers. In Ham-
burg 1857 geboren, besuchte er die Karlsruher Akademie
als Schüler von Riefstahl, Oude, Hildebrand, Poeckh und
Ferd. Keller und lebte dann nach großen Studienreisen
längere Zeit in Capri. Er ist der älteren Generation bekannt
als geschickter Verfertiger zahlreicher Zeichnungsmappen,
die in humoristischer, etwas äußerlicher und photographisch
realistischer Weise das Leben und Treiben des deutschen
Klein- und Spießbürgers, aber auch die Welt des Zirkus,
Theaters, des Sports, Militärs und Studententums, bis
hinauf zu den Kreisen Bismarcks, in für das nüchterne
und oberflächliche Kunstempfinden der damaligen Zeit-
epoche charakteristischer Weise schilderten und somit
immerhin für die Geschichte der Zeit von 1880 bis 1900
von bleibendem Werte sein mögen. Auch die humoristi-
schen Fresken im Ratsweinkeller seiner Vaterstadt Ham-
burg rühren von ihm her.

PERSONALIEN

Zum Direktor des dem Staat gehörigen Museums
Mesdag im Haag wurde der Maler W. Martens ernannt.

Der früher in Paris wohnende Maler Rudolf Levy
erhielt als Kriegsfreiwilliger das Eiserne Kreuz.

AUSSTELLUNGEN
Berliner Ausstellungen. Nachdem der erste Kriegs-
winter dem Berliner Ausstellungswesen eine Periode ver-
hältnismäßiger Ruhe gebracht hatte, scheint es in diesem
zweiten Herbst, als habe die Anpassung an die außer-
gewöhnlichen Verhältnisse sich bereits so weit vollzogen,
daß das Leben in seine altgewohnten Bahnen sich wieder
einzustellen beginnt. Das Publikum bewies angesichts
einzelner Versuche ein keineswegs verringertes Interesse
an künstlerischen Dingen. Die Künstler selbst fanden das
seelische Gleichgewicht wieder, das die Voraussetzung ihres
Schaffens ist. Und auch die unvermeidlichen Begleit-
erscheinungen, die kleinen und leider oft kleinlichen Strei-
tigkeiten der Gruppen und Vereine erbten sich in die Zeit
des Burgfriedens unbehindert fort. Ja, es fanden sich so-
gar die Mittel, den jüngsten Bruch innerhalb der altver-
dienten Berliner Sezession durch ein neues Gebäude gleich-
sam vor aller Welt als unabänderliche Tatsache zu doku-
mentieren. Und wenn auch das schon mehrfach in
Pressemitteilungen angezeigte Haus nicht mehr ist als ein
Gelegenheitseinbau in einem Hofe, der ursprünglich für
ein kleines Theater bestimmt gewesen ist, so bleibt doch
die Tatsache, daß wieder einmal wie zur Zeit der seligen
»Neuen Sezession« zwei Ausstellungen nebeneinander be-
stehen, deren getrennte Existenz durch nichts anderes

gerechtfertigt ist als durch persönliche Rivalitäten, die einem
weiteren Publikum höchst gleichgültig sein dürften. Hier
sei nur daran erinnert, daß nach der Wahl Paul Cassirers
zum Vorsitzenden, mit der die Vereinskrise begann, ein
Teil der Mitglieder — und nicht der schlechteste — mit
dem von ihnen gewählten Vorsitzenden sich solidarisch er-
klärte und aus dem Verein austrat. Das Überraschende
war, daß der zurückbleibende Rest mit Corinth an der
Spitze sich als ein Rumpfparlament neu konstituierte und
den Namen der »Berliner Sezession« für sich behielt. So
erklärt es sich, daß nun als 27. Ausstellung eine Veran-
staltung sich ankündigt, die innerlich und äußerlich sehr
wenig mehr mit ihren Vorgängerinnen gemein hat, denn
beinahe alle die Namen, die früheren Ausstellungen das
charakteristische Gepräge gegeben haben, fehlen in dieser
neuen. Und gerade weil sie mit dem Anspruch auftritt,
die legitime Fortsetzerin einer ruhmreichen Tradition zu
sein, wird es nicht ganz leicht, dieser neuen Veranstaltung
ohne Voreingenommenheit zu begegnen. Aber ehrlich ge-
standen braucht es wirklich solche kaum, um festzustellen,
daß nicht ein einziges Werk in diesen Räumen zu finden
ist, durch das der Aufwand, der vertan wurde, Rechtferti-
gung finden konnte.

Den Besucher empfängt eine retrospektive Abteilung,
die kaum dürftiger sein konnte. In den oberen Räumen
bei Schulte, in jeder besseren Kunsthandlung findet man
mehr und ohne so anspruchsvolle Bezeichnung. Im ganzen
elf Bilder, zumeist recht belanglose Leistungen von Meistern
wie Feuerbach, Leibi, Marees, Schider, Spitzweg, nur von
Uhde ein schönes Bild. Dazu Adolf Menzel zum 100 jähri-
gen Gedenktag ein paar Kleinigkeiten aus Krigars Besitz.
Hatte man wirklich nicht mehr gefunden, so lohnte es den
Aufwand kaum. Aber was von dieser Einleitung gilt, muß
von der ganzen Ausstellung gesagt werden. Der Bericht-
erstatter ist in arger Verlegenheit, wo er ansetzen soll.
Wo man aufzuhören pflegte, wenn man sonst eine Bespre-
chung von Berliner Sezessionsausstellungen gab, da hätte
man hier anzufangen. Man wäre über eine so arg miß-
glückte Leistung wie Corinths »Weib des Potiphar« scho-
nend hinweggegangen, wenn sie nicht wie an dieser Stelle
recht als Mittelpunkt und Hauptstück einer ganzen Aus-
stellung sich gäbe. Man hätte für Jaeckels »Sturmangriff«
leicht ein anerkennendes Wort gefunden, wenn es nicht
wie hier gleichsam als Repräsentant der neuen Generation
stände. Man braucht weder dem Älteren noch dem Jün-
geren ein Talent zu bescheinigen, das oft genug anerkannt
und kritisch gewürdigt wurde, aber weder das eine noch
das andere erweist sich stark genug, den Erfolg einer Aus-
stellung zu verbürgen. Auch Heckendorfs »Flußübergang«
darf als ansehnliche Leistung gelten. Aber wir waren ge-
wohnt, Bilder solchen Ranges erst an zweiter und dritter
Stelle zu finden, nachdem Erheblicheres die Aufmerksamkeit
gefesselt hatte. Statt dessen ist man hier gezwungen, sehr
bald schon in die Niederungen einer gleichgültigen, hie
und da wohl geschmackvollen, oft aber, zumal wo sie sich
modern gebärdet, recht schlimmen Produktion hinabzusteigen.
Wir dürfen es uns versagen, hier ins einzelne zu gehen.
Nur einiger Namen, die uns in den letzten Jahren seltener
in Ausstellungen begegneten, soll in Kürze gedacht sein.
So sieht man drei Bildnisse von Leo von König, der schon
vor längerer Zeit aus der Berliner Sezession ausgeschieden
war, um nun zurückzukehren. Es sind ernste Arbeiten
eines Talents, das an besten Vorbildern sich schulend, einen
eigenen Ausdruck zu finden sucht. Noch aber bleibt unter
einer Schicht von Rembrandt und Cezanne eine allzu unverar-
beitete Materie. Ganz in eklektischen Versuchen bleiben
Erich Klossowskis malerische Leistungen, die nur das äußer-
liche Gehaben von alten Bildern erborgen. Und Lesser Urys
loading ...