Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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von Cornelius Gur litt. — Die Aunst auf der Aolumbus-tveltausstellung. 2Z

Und NUN malt uns ein Meister ein schönes Weib, das ganze Weib mit allen ihren Schönheiten, nicht
nur ein Stück — er malt es mit aller Kraft, so wie er es liebt: Und da stehen die Leute herum und sagen:

Die Venus von Milo sieht anders aus. Ich habe als sittenreiner Mensch natürlich nie ein nacktes Weib

gesehen — aber so steht es nicht aus, das sagt mir mein SchönheitsgefühlI Sie müßte so aussehen, wie die
Griechen, wie Raphael die Weiber sah und liebte!

Böcklin hat schon zweimal sein Selbstbildnis gemalt. So 1885, mit dem Weinglas in der Hand

„57 Jahre alt" wie ans dem Bilde steht. Und dann wieder, dem Tode lauschend, der ihm auf der letzten

Saite sein Liedchen vorfiedelt. Er hat Pinsel und Palette in Händen, aber unterbricht seine Arbeit (S. 17). Er
hat inzwischen den schrillen Ton der Fidel vernehmlich gehört. Schwere Krankheit schlug den Starken nieder.

Aber man hört in der Zeitung von seiner Genesung, von neuem Schaffen. Die Presse spricht sich
ungünstig über sein neues Bild aus. Das las ich wie eine Erlösung: Es scheint die Macht noch nicht gebrochen,
noch erzählt der Meister der Welt Neues. Und da der Welt nur das Alte gefällt, da sie stets jammernd die
Hände rang, wenn er die Pfähle verrückte, die dem Darstellbaren den Weg versperrten, so wird's wohl wieder
ein guter, gesunder Streich sein, den er mit dem Pinsel führte.

Böcklin ist Schweizer. Die braven Leute dort unten sind starke Partikularisten. Nach schlechter alter
Sitte stellen sie das Augenblickliche, die staatlichen Grenzen von heute, über das Dauernde, die nationale Zu-
sammengehörigkeit. Böcklin wird auch hier ein Durchbrecher der Zäune sein. Er ist Deutscher. Nur unsere
Nation konnte einen solchen Mann erzeugen. Er wurde für die ganze Nation geboren. Es ist ein Kitt mehr
für ihren Zusammenhalt, daß er lebte und wirkte!

Die Aunst auf der Djolumbu§-Weltausstellung.

von p. Dann.

ls ein wirkliches Kunstwerk kann man die Gebäude
der Weltausstellung, die Ausnützung der wunder-
vollen Lage am Michigansee, dem man die Lagunen ab-
gewann, die Anlage der Rasenflächen, Baumgruppen und
Blumenbeete bezeichnen. Wer an einem klaren Tage

auf einer der Brücken stand und von dem edeln Säulen-
gang mit der Kolossalstatue der Republik von French,
der die Ausstellung gegen den See abschließt, auf die
wasserumspülten Renaissancegebäude hinübersah, wird
den harmonisch-schönen Eindruck sicher nie vergessen.

Sie schlafende Diana, von Arnold Böcklin.
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