Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Ein Myftiker-Kruzifixus in Breslau
Mit drei Abbildungen auf zwei Tafeln Von ERICH WIESE

Der deutfcße Südoften ift, in der Annahme vielleicht, daß „Kolonialgebiete“ un-
ergiebig [eien, von der Kunftgefcßicßte bisher arg vernacßläffigt worden. Das
gilt im befonderen von der Malerei und der Plaßik1. Uleldtje Scßätje der Ärt
für die (Iliffenfcßaß dort nocß zu heben ßnd, [oll hier nur kurz an einem Bei[piel ge-
gezeigt werden".
Der nebenfteßend abgebildete Kruzißxus beßndet [ich im Breslauer Diöze[anmu[eum
und ift im vorigen Jahre durch Derrn Archivdirektor Prof. Nowack aus dem Dunkel der
Magazine ins Ließt der Öffentlichkeit geftellt worden, ohne freilich bislang die wiffen-
fcßaßlicße Beachtung gefunden zu haben, die er verdient. Er wurde laut Eintragung
des verdorbenen Prof. Jungniß ins Journal des Mufeums (Nr. 1355) 1908 aus der
Corpus-Cßrißi-Kircße zu Breslau ins Mufeum verbracht* 3 4. Äuf dem Boden des nörd-
lichen Seitenfcßiffes der genannten Kirche [aß ißn nod) Knoblid), und bemerkt dazu
in [einer „Gefcßicßte der St. Corporis-Cßrifti-Pfarrei (Breslau 1862) Seite 131, Änm.:
... ein Cßriftuskörper ... von ganz ausgezeichneter Arbeit, aber faft erfcßreckendem
Naturalismus, wie Lucßs bemerkt. Die Krone ift von natürlichem Kreuzdorn geßoeßten,
Klumpen geronnenen Blutes hängen an den fünf ßauptwunden, der Mann der
Schmerzen ift, wie ein Cüurm gekrümmt, ganz zufammengebroeßen und der Leib
von ßunger und Codesqual eingefallen“.
Der Körper ßat eine F)öße von ca. 1,55 m und eine Ärmfpannung von ca. 1,25 m.
Die Bemalung ift, wenn auch ftark verfeßmußt, doeß deutlich die urfprünglicße. Ein
grünlicß-graues öüeiß bildet den Fjauptton. Das Lendentucß war vermutlich weiß mit
goldenem Saum und blauem Umfcßlag, das Geficßt leießt rot, der Bart dunkler. Das
Material ift weid)es FJolz, die Rückfeite des Körpers, der ftark geßößlt ift, ziemlich ßaeß
mit gekreidetem Leinen (?) überklebt. Die Erhaltung des Stückes ift im ganzen eine
vorzügliche. Es fehlen nur Ceile der Finger fowie eine ßaarfträßne an der linken
Kopffeite, die ungefeßiekt ergänzt ift. Die Dornenkrone iß möglicßerweife fpätere 3utat,
obwohl ße dem Geiß des ftüerkes durchaus eingeordnet ift. Das Kreuz iß ergänzt,
aber unzweifelßaß falfcß. Diefer Gekreuzigte hing an einem Äftkreuz, dem Baum des
Lebens, dem Sgmbol des überwundenen Codes, wie es u. a. das Kölner und An-
dernaeßer Stück zeigen (f. u.). Die Abbildungen erübrigen eine weitere Befcßreibung.
Ilias fie von der Qualität des Stückes auszufagen vermögen, fteigert ßcß vor dem
Original zur Vollkommenheit.
Der erfte Blick lehrt, in welcßen Ideenkreis diefer Kruzißxus geßört. Er feßließt
ßcß eng an die befonders von COitte behandelten Kreuze im deutfeßen ftUeßen an*,
die zweifelsohne mit Recht als eine Überfettung aus Stellen der deutfeßen Myßiker in
die Formenfpracße der Plaftik angefeßen und damit leßten Endes auf die Idee „Fran-
ziskus“ zurückgeführt werden, tüitte datiert die von ißm behandelten Stücke nießt
oßne gute Begründung durchweg in die erfte FJälße des 14. Jahrhunderts. Der Breslauer
Kruzißxus feßeint mir wefeniließ fpäter entftanden zu fein, im beginnenden 15. Jaßr-

5 Das Inventar von Lutfd) verfagt auf diefen Gebieten.
3 Eine ausführliche Ärbeit des Verfaffers über die Breslauer gotifche Plaftik bis ca. 1450 wird
demnächß in den Monatsheften für Kunftwiffenfchaft veröffentlicht werden.
8 Nach freundlicher Mitteilung von ßerrn Prof. Nowack, dem ich auch für die Erlaubnis zur
Aufnahme des Cüerkes zu Dank verpßichtet bin.
4 3tfd)r.f. ehr. Kunß XXIV, S.357; XXXIII, S. 117ff.; XXXIV, S. 24, 25 (mit Abbildungen). Diefer
Chriftustyp ift es m. E. auch, der hinter den Formrätfeln manches Grünewaldfchen Cüerkes ßeht.
Über diefe Frage werde icß andern Ortes ausführlich handeln.

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