Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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diefer 3eit deutfdper Malerei find. Unbekannte find t>ier ans Ließt gezogen wie R„
Seel, eine Elberfelder Lokalgröße, verkommen in der Öde diefer Stadt mit den Schiefer-
dächern und den unangenehm freundlichen Fenftern, oder Reutern, ein Freund von
Grabbe, der in diefer Gegend verkam, oder TI. Krafft, ganz verfcßollen (man denkt
an TIaldmüller bei ihm). Oder H- Cßriftoph Kolbe, bei deffen Kultiviertheit man an
David erinnert wird. Von anderen bekannteren bekommt man einen anderen Eindruck.
Von Bokelmann ift ein Bruftbild da, das wie ein guter unnaturaliftifcßer Crübner wirkt
Er wurde nach Berlin gedrängt, da er für Düffeldorf fpäter nicht füß genug war.
Frau ßeubes geb. Meinecken, eine Dame ficßer der kraffeften Bourgeoifie, gemalt von
Herrn Ägidius Mengelberg, hat die Haltung einer Prinzeffin im Empirekoftüm, feßr
franzöfifcß dabei. Äuf dem Bild ihres Ehemannes, des Herrn ßeubes, konftatiert man
mit Freude, welche Mühe fiel) damals die Leute mit ihren Hintergründen gaben. (Später
wird er neutral, das ift auch ein Begriff!) Karl Ferdinand Sohn ift edel, langweilig,
immerhin anftändig langweilig. Alfred Retßel bezeugt ficher feine enorme kunft-
hiftorifche Überfettung. Kolitj noch unverdorben, bis er den Fürften in die Hände
fällt und zum Schlachtenmaler ausgehoben wird, Malerfüfilier. Kurzum, man bekommt
einen deutlichen Begriff diefer angenehmen mittelmäßigen 3 eit, die ein anftändiges
Niveau hatte und befcheidene Seelen voll ausfüllte. TIenn Überhebliche meinen, man
denkt mit Graufen an fie, was foll man vom heutigen Düffeldorf fagen?
Flechtheim ift fort. Das Sd)ickfal wünfcßte feine Verbreiterung, fein perfönlicher
Tieggang aus Düffeldorf ift wohl der härtefte Schlag, der die Rheinlande feit langer
3eit betroffen hat. Ein Äquivalent wäre das vollftändige Verfcßwinden der Düffel-
dorfer Akademie mit Stumpf und Stil und rückwirkender Kraft. Dabei foll fie fefter
als je daftehen. Die fammetbefpannten TIände der Galerie FIed)theim find noch von
der alten edlen Tlirkung, aber man vermißt das Lebenfpendende des perfönlicßen Geiftes.
Dagegen atmet Fled)tl)eims „Querfcßnitt“ einen ausgezeichneten Geift. Er ift ohne
Refpekt, willkürlich, ftellt die Dinge auf den Kopf, wirft alles durcheinander, fo daß
man wieder einen freien Ausblick hat. Gm auf diefen Querfcßnitt die ßübfcße, in
keiner Nummer fehlende ftereotype Phrafe anzuwenden (fie ftammt, fo viel ich weiß,
von Tlilßelm üßde): er. hat die 3eit feiner Jugend mit foviel Grazie verlebt, daß wir
uns auf die Arabesken feiner vieillesse verte freuen dürfen. Ein fo ßübfcßer Safs, daß
man ißn in keiner Nummer vermiffen möchte!

Moderne Kunft aus Leipziger Privatbefit)

(3 u r Äusftellung im Leipziger Kun ft verein)
Mit vier Abbildungen auf zwei Tafeln1 Von ECKART v. SYDOW


Umfaffende Veranftallungen diefer Art find von bedeutendem Intereffe, auch wenn
ihr Gefamteindruck kein überwältigend ftarker ift. Sie find zunächft unentbehr-
lich, um immer wieder denümfang und die Höhe zu zeigen, welche die Sammler-
tätigkeit eines immerhin engen, irgendwie doch innerlich zufammengehörenden Bezirkes
erreicht hat. Es meffen fiel) die Perfönlid)keiien der Sammler im friedlichen TIettkampf
ißrer Erwerbungen — und fo haben diefe Ausheilungen ein zunächft fozufagen lokal-
gefebießtiießes Intereffe. Darüber hinaus erhebt fich ißr Giert, wenn es gelingt, ver-
borgene, zum mindeften wenig bekannte Meifterwerke plötjlicß und überrafchend ans
Licht zu ziehen. Die Tüchtigkeit der Leipziger Äusftellung liegt wohl eher in diefer
zweiten Richtung. Denn wenn es auch für den aufmerkfamen Beobachter des Leipziger
1 Die Reproduktion des Kokofcßka gefeßießt mit Genehmigung von Paul Caffirer, Berlin, für das
Frauenbildnis von Picaffo erteilte die Galerie Flecßtßeim, Düffeldorf und Berlin, die Druckerlaubnis.
Das Klifcßee des Kandinfky ftellte Paul Graupe freundlidßft zum Abdruck zur Verfügung.

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