Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Von RICHARD LEWINSOHN

Der Kampf um den Ismus

Ismus bedeutet die Legitimierung eines Begriffs. Ift irgend etwas zu einem Ismus ge-
ftempelt, fo ift es damit geiftig felbftändig und exiftenzfäßig geworden, gleichviel,
ob es fiel) um etwas Bedeutfames oder um eine Nichtigkeit, um eine Hüeltleßre oder
um einen Bierulk handelt. Einftweilen ift ein Begriff da, mit dem man operieren
kann, über den debattiert wird. Daher das Beftreben der Jungen, fiel) erft einmal durch
Begründung eines neuen Ismus Geltung zu verfchaffen. Die Gleichheit der Endfilben
ift pfycßologifcß von größter Bedeutung. Ift aus „Dada“ erft „Dadaismus“ geworden,
fo hat er in der Cat etwas gemeinfam mit den großen Bewegungen aller 3eiten. Er
ift gleichfalls Bewegung geworden, Strömung, hinter der man Maffen vermuten kann.
Denn das ift der geheime Räuber, den das Hüort.ismus ausübt: die Suggeftion,
daß ein Gedanke hier bereits fruchtbar geworden ift, daß pcß eine Jüngerfcßar, eine
Gemeinde, eine Maffe um ißn gefammelt hat. Nicht jede Generation wird dann einen
Vorzug feßen, daß ein Gedanke Gemeingut, Bewegung geworden ift. Die Freude am
Ismus, wie pe die jüngfte 3eit kennzeichnete, hatte zur Vorausfet$ung Refpekt vor der
Maffe. Das Denken in Ismen ift ein demokratifeßes Denken. Es ift, wie jede Ab-
ftraktion, eine Entperfönlicßung, eine Verfacßlicßung. Deffen war man fieß mit Stolz
bewußt. Man wollte die Gedanken aus ißrer perfonalen Bindung loslöfen. Die Per-
fönlicßkeit intereffierte nießt meßr, der Gedanke allein galt als das Bleibende, Hüert-
volle. Daraus erwueß^ der Kampf gegen alles Biograpß fcße. Auf allen Gebieten der
Fjiftorik trat an die Stelle der Perfonengefcßicßte die Gedankengefcßicßte. Parallel mit
dem Denken in Ismen und aufs engfte mit ißm verwandt ging die Ablehnung des
Fjeroenkultes. Die alte Frageftellung, ob der Fjeld die Gefdßicßte mache oder ob die
Gefcßidßte die Melden mache, lag jenfeits des Intereffes. Das Große, Creibende in der
Gefcßicßte waren die geiftigen Strömungen, die „Ismen“. Die Prioritätsftreite, von
wem diefer oder jener Gedanke ftamme, die früher die Gemüter erßifeten und vor dem
Forum aller Gebildeten ausgetragen wurden fanden kaum noch 'n engften Facßkreifen
Beachtung. Die großen Geifter galten nießt als Schöpfer, fondern als Cräger neuer
Ideen. Es war der Sieg des Ismus über die Perfönhcßkeit, des Begrifflichen über das
Organifcße, des Geiftigen über das Seelifcße.
Man ßat diefen Vorgang, von einem anderen Gepcßtspunkt aus gefeßen, die „Mecßani-
fierung des Geiftes“ genannt. Damit ift die Neigung zum Nivellieren, zum Cypi-
peren und Normaliperen gemeint, die unfer ganzes ÜLIirtfcßafts- und Gefellfcßaftsleben
beßerrfeßt. Aber die Bezeichnung „Mecßanifierung“ ßat vielfach die Vorftellung er-
weckt, als handelte es pcß dabei auch auf geiftigem Gebiete um den Fjang zum
Materialismus. Das Gegenteil ift der Fall. Die Gefcßicßte des europäifeßen Geißes-
lebens in den vergangenen fünfzig Jahren zeigt in faft gerader Linie eine Abkehr vom
Materialismus. Der 3^ntralgedanke des 19. Jaßrßunderis, die Entwicklungslehre Darwins,
ift, nachdem pe feßon von Nietjfcße ißrer materialiftifcßen Form entkleidet war, aus-
gemündet in die fubtile Metapßyfik eines Bergfon. Der Abfall vom Kircßenglauben,
den man gern als ein befonderes Kennzeichen unferer „materialiftifcßen“ 3e^ anpeßt,
zog immer weitere Kreife, weil die bibl feße Legende, ganz bildhaft, ganz konkret und
einmalig, dem begrifflich eingeftellten Menfcßen nid)t meßr als Brücke ins Reich der
Metapßypk genügen konnte. Sie hatte ißre Cragkraft verloren, weil der moderne
Menfd) verlernt hatte, in Einzelbildern zu denken. Die neue Religiofität wuchs aus
der Metapßyfik des Begriffs. Ißr 3iel war eine Religion jenfeits des Einmaligen
und 3ufälligen, eine letzte Syntßefe in jenen Hintergründen, da Begriff und Gefüßl zu-
fammenßießen, kurz: eine neue Myftik. ünd wieder, wie in allen Epochen der Myftik,
juchte man das tiefe Geheimnis der 3aßl zu deuten. Oßne 3weifel ift der gewaltige

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