Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Vincent van Gogh

Von G. F. HARTLA UB / Mit 32 Abbildungen
auf 16 Tafeln und drei Abbildungen im Text

I. Stamm und Beftimmung
Er war ein Niederländer, wuchs in der Niederung, tiefirdifd), in Brabanter ßeide,
zwifchen Dünen und Moor. 3U Fjaufe war es ärmlich) und eng, eingefchjränkt
1 b)ielt pich) der Vater, wohl etwas befchjränkt war die gute Mutter; ein wenig
fäuerlid) roch die Luft in den fauberen Stuben. Draußen wohnten Bauern und arme
Kleber. Auch fpäter blieb es eng um ißn zwifcßen Köhlern, Fabrikarbeitern, kleinen Leuten.
An allem ßing er, haftete er: an der Erde, an der Armut und vor allem am Vater-
haus. Immer blieb er das Kind, unabgelöft bis zum Ende, tief vom Muttertum um-
[chattet, zäh am Vater haftend und leidend. Er blieb Sohn, Sorgenfohn, viel geliebt,
viel gefürchtet zu Fjaufe, großer unverftandener Junge mit plumpen Fjänden, ein wenig
roß, ein wenig unfertig an Leib und Seele, von den Frauen und Mädchen gemieden,
die [ein Sehnen fd)eu und täppifdt) umwarb, nur von den Mitleidig[ten gelitten, die
ihm billig den Leib gewährten und ein [tumpfes Ausruhen. Und er war Bruder.
Fa[t quälerifd) hing er an dem andern, dem älteren, von dem er mehr als Creue des
Blutes empfing: höchfte Bruderfchaft im Geifte.
Innig hing Vincent an [einer Sippe, [einem Stamm. Mächtig walteten in [einem
Blut die Ahnen. Ein doppeltes Vermächtnis hatten fie ihm in die Kliege gelegt: den
Glauben und die Kun[t.
Viele Diener Gottes waren von je in [einem ßaufe. Auf [eine Vorfahren zurück-
blickend, [ah er von Ge[d)lecht zu Ge[chled)t diefe geiftlidjen Männer, Prediger und
Lehrer von der nüchtern reinen Art, wie fie der holländi[d)e Calvinismus geprägt hat.
Alle eng und [treng, alle wahrfcheinlich [ich ähnlich in Gefinnung und Lebenshaltung,
alle wie der Vater. Und die[e von Kindern und Kindeskindern fortgeerbte fromme Art
fühlte er auch in [einem Kiefen wirkfam. Fjätte er da nicht auch Prediger werden
[ollen wie [eine Väter?
Jedoch, [chon bereit, den von ihnen vorgezeichneten Kleg nachzuwandeln, follte er
die Schickfalsmad)t des Unvererblichen erfahren, den Befehl des einmaligen, von
Gott, nicht von den Ahnen, hergewehten Funkens in [einer Bruft. Kloßl übernimmt
auch der Genius die gleiche Erbmaffe, verkörpert er die [tets wieder anklingende
Lebensgeftalt, nimmt er die ähnliche Umwelt auf wie Väter und Brüder! Aber [ein
Einzig-Eigenftes, [eine Ich-Beftimmung, ift noch [tärker als die Lebenswelle des Stammes,
an dem er wuchs, und darum gibt er dem Ererbten, wenn er es denn bewahrt, dod)
einen ganz neuen Sinn. Er [teigert den Cgpus, der ihm als Stoff Übermacht ward,
zu einer nie gefehenen Fjöhe. Er „übertreibt“ ihn, glückhaft oder verhängnisvoll. Er
verneint ihn vielleicht und erfüllt mit der Kraft der verneinenden Umkehrung er ft die
eigene, einzige, unwiederholbare Beftimmung. So ward Vincent van Gogh Ttrenger,
unerbittlicher in [einem geiftlichen Klandel als alle [eine Vorfahren, aber gerade da-
durch »fd)lug er aus der Art“. Sein Chriftentum, [ein Lehr- und Fjelferamt „über-
treibend“, erbittert und felbftzerftörerifd) in Frömmigkeit und guten Klerken zertrümmerte
er das Gefejs des beftimmten Bluts, Amts und Berufs, fd)lug gewaltig um in die Ver-
neinung, in den pantheiftifchen Unglauben, und [c±)rie bis zum Ende ein furchtbares
„Nein“ allem, was bloß Erbe und Vermächtnis der Väter war, nicht eigenes neues
freies Erlebnis und Bekenntnis. * *
*
Es waren auch Menfchen mit Schönheitsfinnen unter den Ahnen. Überlieferung
und Verftand für die Dinge der Kunft waren felbft dem elterlichen Pfarrhaufe, der
Umwelt feiner Kindheit nicht fremd. Drei [einer Oheime waren Kunfthändler, Mauve,
ein berühmter Maler, war [ein Vetter. Auch den Bruder üheodor traf der Blutsbefehl,

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