Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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wie einfad), wie märchenhaft diefer Seehaus war. Der fonderbare Canz der Gewächfe,
das Raufchen der Formen, die heimliche Erfülltheit des Raumes haben etwas Berücken-
des; das Lid)t ift jenfeits allem Effekt, als Erwärmung und Fülle des Alls über den
Dingen. Ändere Radierungen geben mit Vorliebe Formen der tecßnifchen Kielt. Via-
dukte, Bahnhöfe mit konvexbedachten Klaggons, Pjäufer am Fluß. Die Schwärzen
find voll, und doch die Strid)lagen klar; fie find ein weiteres Mittel, den großen 3ügen
Kliderhall zu geben. Orthogonale Kanten und Bracd)ialen, als Steinbrücke etwa und
Flußlauf gefaßt, pflegen am ftärkften zu fprechen. Die Schraffur geht faft hifeig der
Körperform nach, f° daß die Dinge in geradezu dringlicher Kleife gewölbt, gefchrägt
oder ausgekehlt find.
Die 3artheit diefes Künftlers aber ift geborgen vor allem in den überaus reizvollen
Aquarellen des lebten Jahres (Äbb.). Auch fie find voll im Kolorit und ftraff in der
Komposition, dabei aber leicht und befeligt, tanzhaft beglückend. Der Pinfel \)at die
Cufchfreude des Kindes, die ordnende Führung des Baumeifters, den verwebenden Cief-
finn des Kleifen. Lächeln und Grübeln find eins. Schienen, Brücke, Raud), Loko-
motive flechten fiel) in einen Reigen der Dinge; der KIellenfd)lag des Raumes tremo-
liert, zwitfd)ert durd) das Ge[d)iebe diefer unferer häßlichen Kielt, daß fie licht und
fein und befchwingt wird. Ein gar nicht müder, eher jubelnder Sinn fyat fid) h>cr ausge-
wirkt. Eine ftrömende Sinnlichkeit, die noch die Kielt verwandeln konnte, neuen Schimmer
aus ihr [chöpfen, ße zu neuen Farbenbeeten ordnen, ohne doch auf die Geftaltung der
Fluiden und Spannungen des Raumes, der Religiofität der Landfchaft überhaupt, darum
verzichten zu müffen. Der diefe Aquarelle fchuf, hätte nod) viel zu fchenken gehabt.
3ur Kliederherftellung der Fuggerkapelle
V\ o i F Z3[ ti n i fi U i i q K ii ** rt Von ALFRED S TAN GEI Mit
^ ^ ^ ^ HI13 111 U C[ S D U T CJ w-er Abbildungen auf drei 7afeln
Auch an diefer Stelle fei darauf hmgewiefen, daß die Fuggerfche Grabkapelle bei
St. Anna in Augsburg in den lebten Monaten zu alter Schönheit und neuem
Leben wieder erftanden ift. Faft erfcheint es in einem höheren Sinne bedeutfam,
daß unfere Cage fid) eines Bauwerkes, das felbft einmal am Anfang einer Epoche
ftand, erinnern, und ihm gewordenes Unrecht wieder gutzumachen fid) bemühen. Eine
lange Reihe widriger Gefd)icke und übereilter Eingriffe hatten diefem erften Klerke der
deutfd)en Renaiffance allmählich fein urfprüngliches Äusfehen völlig genommen und es
zu einem leeren, feines Inhaltes beraubten, verunftalteten Raum ohne Leben gemacht.
Nunmehr ift es dank der Initiative Philipp Maria IJalms, des Generaldirektors des Bayerifchen
Nationalmufeums, und dem Kunftfinnn des Fürften Karl Ernft Fugger zu Glött gelungen,
die Kapelle „nach Maßgabe des Möglichen im alten Beftande wieder herzuftellen“.
Vor allem find die feitlid) vorkragenden Emporen, 3u\aten des 19. Jahrhunderts, zurück-
verlegt worden, fo daß fie nun hinter dem Chorgeftühl wie eine abfd)ließende Kland
wirken, ohne wie bisher den Rhythmus des Aufbaues zu ftören. Das neue Chorgeftühl
[oll die Stelle des unwiderbringlich zugrunde gegangenen alten, von dem bekanntlich
nur 16 Bürten und drei Puttenpaare erhalten find, ausfüllen. Es ift in fd)lid)ten Früh-
renaiffanceformen gehalten, die an das 1534 datierte Steingadener Chorgeftühl erinnern.
Daß man nicht verfud)t hat> das alte nachzuahmen, wozu die Bafler Entwürfe und
3eid)nungen von J. Kleidner, die das Chorgeftühl und den 3ultand der Kapelle im
17. Jahrhundert wiedergeben, hätten verführen können, ift befonders anerkennungswert.
Statt deffen hat man einfache Formen gewählt, die fid) ftiliftifd) dem Ganzen gut ein-
fügen, ohne irgendwelchen Con zu tragen. Dann ift die Kapelle durch die notwendige
Brüftung mit zwei feitlid)en Eingängen und dem Altar in der Mitte gegen das Kirchen-
fd)iff abgefchloffen worden, wie es fchon ein alter Riß aus dem Anfang des 16. Jahr-

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