Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

Page: 243
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1922/0265
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
einigten Staaten erfolglos geblieben. Es befindet fid) freilich) auch) an verfteckter Stelle,
in dem kleinen Ort Euxedo, einige Stunden von New York entfernt, wo es zufammen
mit einigen anderen Renaiffancekunftwerken das Landhaus ßerrn Richard Mortimers
fchmückt.
Die Komporition des Glasfenfters l;at noch nichts von dem übertrieben midjel-
angelsken Stil der fpäteren Elerke des Künftlers und fteht in der Äuffaffung den
Arbeiten in S. Maria del Popolo in Rom nahe, die auch) im zweiten Jahrzehnt des
16. Jahrhunderts entftanden find. Es ift befonders merkwürdig, da die Formenfprache
trotj der Anlehnung an den italienifchen Stil noch die franzöfifche Herkunft des Künftlers
ahnen läßt. Vor allem der Eypus des Jofeph, feine fteife Haltung, die plumben
Formen des Kindes und die Engel erinnern an gleichzeitige oder etwas frühere fran-
zöfifche Eafelbilder und an die niederländifchen RJerke, von denen diefe häufig ab-
geleitet find.
Die gute Abbildung, die diefen Bemerkungen beigegeben wird, dürfte den Freunden
der Glasmalerei willkommen fein, da das Studium der ÜJerke Guillaume de Marcillats
in den italienifchen Kirchen durch die Fjöhe, in der feine Glasfenfter angebracht find,
wefentlid) erfchwert wird.

Parifer Chronik

Von ADOLPHE BASLER / Mit
vier Abbildungen auf zwei Tafeln

Studienreife eines deutfchen Kunftfdjriftftellers / Salon des Independants
Die Entwicklung des weiblichen Akt es von Ingres bis zur Moderne (Styles)
Modigliani undMatiffe bei Bernheini jeune / Junge Polen imMusee Crillon
Eogores in der Galerie Simon / Ein neuentdeckter Pouffin im Louvre

Die Studienreife eines deutfchen Kunftfchriftftellers nach Paris wurde von dem
Organ eines Kunfthändlers als ein äußerft wichtiges Ereignis angekündigt. Es
handele fid) um die Berichtigung irrtümlicher Behauptungen eines anderen Kunft-
fchriftftellers, der unter anderem die Nachricht aus Paris mitbrachte, der Einfluß Ingres
oder vielmehr der Ingrismus habe den Kubismus abgelöft.
Von fern betrachtet erfcheint alles ftets in einem fremden Licht. Kommt alfo ein
Schriftfteller, der feine 3uflucht zu notorifchen oder frifch improvifierten Kritiken nimmt,
um die Kunft in diefem Augenblick zu examinieren, fo kann er feine a priori gefaßte
Ehefe mit mehr Gefd)icklid)keit aufrecht erhalten als der andere, der mit der Kunftftadt
bereits vertraut fid) an die geeigneten Perfonen wendet, aber unglücklicherweife als
mittelmäßiges Ealent feine Eindrücke nicht mit genügend Präzifion und Eakt mitzu-
teilen weiß.
Die lebten Schriften von Lhote, Blanche, Aliard und anderen bekannten Schrift-
ftellern, auch die jüngfte Malweife Picaffos, mit der er übrigens den Kubismus nicht
verlaßen hat» beweifen, daß der Einfluß Ingres oder der Ingrismus in letzter 3eit wirk-
lich der Gegenftand zahlreicher Auseinanderfetjungen und Studien gewefen ift. Ich
möchte dazu einige dlorte Braques anführen, die er einem Peruaner gegenüber äußerte,
der ißm eine ingriftifche 3eid)nung Picaffos mit den dCIorten zeigte: „Ift das nicht eben
fo fchön von Ingres?“ „Nein, wohl für euch Südamerikaner mag das ebenfo fcßön
fein wie Ingres, doch nicht für uns Franzofen, für die Ingres einer der wicßtigften Er-
zieher war. EEIir find von Ingres genährt und wiffen dank unferer Schulung einen
ünterfchied zu machen zwifchen einer kleinen, von diefem Meifter berührenden
exotifchen Manier und dem was uns vertraut ift!!“ — Man hat Ingres auch in Ver-
bindung mit einem jungen tfchechifchen Künftler genannt, aber muß man denn immer

243
loading ...