Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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M. Kisling

Von CARL EINSTEIN / Mit
acht Abbildungen auf vier Tafeln

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Uber Malerei fchreiben: Schließlich erinnert man fiel) des Stück Lebens, da die
Äugen noch Kataftrophen fid) erfdjauten, die Maler in den Jahren 1906 bis 1912
ein konfolidiertes Raumbild zu fchaffen ftrebten. Es ift dies die 3eit, da unfere
Generation ihre Elemente formierte.
Man fprid)t viel vom Einfluß Cezannes auf die Jungen; falfcl), diefes (Hort fd)ul-
mäßig eng zu faffen, etwa wie Nachahmung. Gewiß ein Point centrale der Diskuffion
der Malerftadt (ein jahrelanges Gefpräch) war auch Cezanne; vielleicht war vor allem
die ÜLIirkung der Mallehre des Meifters ftark und feine Bilder waren etwas wie ein
Ätlas. Doch verblieb es nicht bei Schulleiftung. Die Ergebniffe der malerifchen Bemühungen
der Jungen entfernen fid) weit vom Start. 3urödcgebliebene verfud)en mit Cezanne
gegen die Jungen zu operieren, als bedeute diefer endgültig diktierte Äbfd)luß guter
Malerei und als enthalte er bereits völlig die wertvollen Momente der jungen Malerei,
die in diefer nur hilflos vergröbert würden. Bedenke doch der landläufige Betrachter,
daß er gemeinhin kaum Äuge und Raumbildung des mittleren Malers erwirbt und
zögernden Crabes den Begabten folgt. Begreiflid), daß veraltete Köpfe, denen das Raum-
klid)e verftorbener Maler fpät eingeftanzt wurde, nun die Jungen verdammen; und zwar
fo gern mit dem Gefchrei nad) der Qualität, was fie ehrlicher durch den Satj „wo bleibt
meine Schablone“ erfetjten. Der Erfolg eines Kritikers erweift eben nicht ohne weiteres
eminentes Verftehen, oft vielmehr klid)ierte Cagesmeinung und Publikum.
Das Entfteßen der neuen Malerei war wichtiges Ereignis unferer Jugend. Ein erheb -
lid)er Ceil heutiger Erziehung ift hierin gegeben; Änfchauung des Räumlichen wurde
gebildet. Entfchloffen und mit erheblicher Entfagung befchäftigen fid) die Maler mit der
Frage, was bildet und feftigt ein Bild, mit welchen Mitteln kann die tüahrnehmung
konfolidiert und bereichert werden. Schon wieder höre ich das Gefchrei einiger Ängft-
lid)en: „alfo abftrakte, intellektuelle theoretifche Kunft“. Die Sage vom naiv erfd)lafenen
Bild entfteht, da man gänzlich paffiv und feminin mit dem Gefchenk des Bildes fid)
befriedet, ftatt die fd)wierige Entftehung des Klerkes zu bedenken. Das Gefchrei gegen
den intellektuellen Maler ift überflüffig, es gibt eben eine kritifche Intelligenz des Sehens
ohne die ein haltbares Bild kaum zuftande kommt. Gerade da unfern Malern bedeutende
Meifter vorgelebt haben, mußten fie, um nicht blöder Nachahmung zu verfallen, um
nicht Papageien der Malerei zu werden, Mittel und Refultate der Älten gründlich prüfen,
wollten fie ehrlich die Ordnung der Bilder befeftigen; denn zumeift ahmen die Naiven
nicht die Natur, fondern ebenfo erfolgreiche wie tote Bilder nach; und mancher hat
fd)on Natur mit landläufiger Bildvorftellung verwechfelt.
Entfcheidendes Ereignis für unfere Optik war der Kubismus; hier wurde am ftärkften
und rücksichtslos Änfchauung kontrolliert. Fjeute ruft man gern, er fei erledigt, da immer
noch neben der asketifchen Aufrichtigkeit kubiftifcher Bilder nicht allzuvieles beftehen
kann.
In den Jahren, da der Kubismus von Picaffo und Braque in gemeinfchaftlicher Arbeit
formiert wurde, kam Kisling nach Paris. Vitalität, Skepfis und Eigenwilligkeit verboten
ihm der jungen Schule fid) anzufd)ließen, bequem die Arbeit anderer zu nütjen. Eben-
fowenig wie er Kubift wurde, verfuchte er an älteres fid) anzulehnen. Er erkannte die
Notwendigkeit, das Bild zu ftabilifieren und die Farbe zum Ausdruck geklärten Volumens
zu nutjen. Kisling vermied die impreffioniftifche Änalyfe ebenfo wie die temperament-
volle Dekoration der Fauves.
Sonderbare Jahre, da Kisling nach Paris kam. Die Malerei fd)ien damals manchem
durch die Leiftung der Großen geradezu erfchöpft zu fein; man erholte fid) kaum von
der Laft einer malerifchen Erbfchaft, die von FJeroen hiaterlaffen war. Eine Steigerung

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