Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Sammlungen
Neues aus den Dresdner Mufeen
Nachdem im Mai diefes Jahres auch das Re-
fidenzfchloß alsMufeum eingerichtet und der
Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ift,
kann die umfaffende Neuordnung des rießgen
Mufeumskomplexes in Dresden als vorläufig be-
endet gelten. In aller Stille ßnd hier feit der
Revolution die großen und wichtigen Sammlungen
der fächfifehen Fjauptßadt durch ihre Direktoren
in eine neuzeitliche Form überführt worden,
der zu ihrer Vollkommenheit leider nur die Mög-
lichkeit weitgehender Ausdehnung fehlt; ein
fcüunfeh, der an der beharrlichen Geldnot und
Unmöglichkeit der geplanten Neubauten feheitern
mußte. Insbefondere ift es aufs lebhaftefte zu
beklagen, daß nicht nur der große, fehon in den
Fundamenten vorhandene Hnbau der Gemälde-
galerie zwifehen Oper und 3wingerteich nicht
ausgeführt wird, fondern felbft die Einbeziehung
des kronprinzlichen Palaftes an der Bürgerwiefe
(für die neuzeitliche Malerei) ßch fort und fort
aus innerpolitifehen Gründen verzögert.
So ftellt auch die Neuordnung der Ge-
mäldegalerie, das heißt ihres oberften Ge-
fchoffes für die neue Kunft, durch ihren Direktor
Dr. Poffe nur ein Proviforium dar, überaus ver-
dienftlich, weil endlich eineentfehiedeneCrennung
des QUertvollen von dem ins Depot verbannten
Überlebten durchgefetjt wurde, aber im Rahmen
des Ganzen betrachtet nur ein Kompromiß
zwifehen dem Notwendigen und dem beklagens-
werten Raummangel. Kommt man je&t die ein-
zige Creppe hinauf, die durch eine unwürdige
Finfternis und Enge zum zweiten Gefehoß des
Semperbaus führt, fo fteht man zunächft im
Mittelpunkt, im Saale Ferdin. von Rayskis, der
hier mit 14 Gemälden die wahrhaft würdige
Vertretung gefunden hat, wovon die IJälfte auf
Neuerwerbungen Poffes fällt. Dann teilt [ich der
Strom: links geht es zur älteren Generation,
die fleh eine ganz befonders feharfe Husfiebung
hat gefallen laffen müffen, und in der ein Ka-
binett voll Leihgaben der Sammlung Lahmann
die geiftige Mitte bildet, voll fehöner kleiner
ttlerke Friedrichs, Dahls, Carus, Gilles u. a.;
rechts zu den franzößfehen und deutfehen Im-
preffioniften und dem Saal der neuften Kunft.
Die vortrefflichen Bilder von Delacroix und Manet
pnd Leihgaben der Fairen sdjmi^ und Rother-

mund, ebenfo die meijten der Liebermanns,
Dübners, Schuchs, (eine (Interlaffungsfünde frü-
herer 3eiten!). Huch die Gemälde der „Jüngften*
find faft alles Schenkungen und Leihgaben an
die Galerie; von ihnen müffen drei neuere merke
Kokofehkas (Blaue Dame, Macht der Mufik, Elb-
brücke) fowie eine fehöne Landfdjaft Deckels
und die „Cierfehickfale“ Franz Marcs hervorge-
hoben werden. Hls vortreffliche Neuerwerbungen
Poffes feien genannt: eine malchenfeelandfchaft
Corinths, ein frühes Porträt Beckmanns, (Gräßn
Fjagen), zwei herrliche Marees (Bildnis Frau
Schäuffelen und Römifehe Idylle); aus früherer
Epoche, außer den Rayskis: drei fehöne Land-
fchaften C. D. Friedrichs, darunter das „Kreuz
auf der Felfenfpitje“ aus Schloß Cetfehen, Land-
fehaften von Gille und Porträts von J. Schölt}.
Es ift lange nicht foviel Leben und Frifehe im
Dafein der weltberühmten Galerie gewefen wie
in den paar lebten Jahren.
Huch das Kupferftich-Kabinett, das regel-
mäßig feine Neuerwerbungen in den fehönen
Räumen des Semperfehen Erdgefehoffes ausftellt,
hat ßch mit glänzendem Erfolge der Erwerbung
Deutfcher Fjandzeichnungen des 19.Jahr-
hunderts (unter anderem!) und auch der neue-
ften Graphik zugewendet, fo daß man jetjt die
beßen Blätter von Nolde, den Künßlern [der
„Brücke“ und jungen Dresdnern in diefer Samm-
lung fehen kann, die außerdem vielleicht die
reichße an Schäden deutfcher IJandzeichnungen
feit den Nazarenern unter allen deutfehen Ka-
binetten ift.
Huch die Skulpturenfammlung hat unter
Prof. Fjermann ein neues und neuzeitliches fln-
fehen erhalten. Nicht nur kann man je&t die
beften Bildhauer unferer Gegenwart in fehr guten
merken hier ßnden, fo daß vielleicht keine
beffere Sammlung der Hrt befteht (Rodin, Lehm-
bruck, Kolbe, Fjildebrand, Sdjarff, Gaul, Barlach
ufw.), fondern dem miferablen Bau des Hlber-
tinums iß durch eine grundßürzende Neuau-
fteilung ein ganz anderes und freundlicheres
Geßcht abgewonnen worden. 3war konnten die
fehrecklichen Disproportionen und Beleuchtungs-
verhältniffe diefes Käßens auch durch Prof.
Fjermann nicht befeitigt werden; aber er hat
wenigftens das Durcheinander geklärt und rein-
liche Scheidung gefehaffen. Rechts vom Eingang
finden ßch in dem großen Saal die Modernen
vereinigt; in der Eftrade darüber die mittelalter-

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