Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

Page: 703
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1922/0725
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile

Sammlungen
Kaifer-Friedrich)-'Mufeum, Berlin
Die Ergebniffe der Ausgrabungen von
Sa m arr a l)aben jetjtimKaifer-Friedrich-Mufeum
zu Berlin ii)re endgültige Aufhellung gefunden.
Diefe deutfd)en Ausgrabungen bilden die erfte
größere auf Grabungen beruhende ünterfuchung
iflamifcßer Denkmäler. Die Funde ftammen aus
dem neunten Jahrhundert n. Chr., während die
Mfchattafaffade, das Qauptftück der iflamifchen
Abteilung des Mufeums, ein Jahrhundert früher
datiert wird. Samarra wurde im Jahre 836 vom
Kalifen el-Mutafim als Refidenz des Fjofes ge-
gründet und wuchs fchneli zu einer Deltftadt,
die [ich in 2 km Breite und 33 km Länge am
linken Cigrisufer hinzog, empor. Einige Jahr-
zehnte hindurch machte fie Bagdad den Rang
ftreitig, bis im Jahre 883 al-Mutamid als leister
der acht Kalifen von Samarra nach Bagdad zu-
rückkehrte und die Stadt dem Verfall entgegen-
ging. Am Ende des 10. Jahrhunderts war dort
nur noch eine dörfliche Niederlaffung zurück-
geblieben. Der eigentliche Bauherr von Samarra
war der Kalif ei-Mutuwakill. Er errichtete u. a.
die große Mofchee mit dem mächtigen Spiralturm,
dem GQahrzeichen der Stadt, und verwandte allein
auf Schloßbauten 200 Millionen Dirhem. Die
Funde beftehen in mehr oder minder kleinen
Bruchftücken, die nur feiten zu ihrer urfprüng-
lichen Form zufammengefügt werden konnten.
Befonders gut gelang dies bei den die Dände
umlaufenden Sockelfriefen aus Gipsftuck. Sie
pnd zum Leil in Originalen, zum Ceil in vor-
züglichen, an Ort und Stelle mit dem urfprüng-
lichen Material angefertigten Abgüffen heruber-
gefchafft worden. Ihre Ornamentik ift entweder
mit der freien Fjand oder mit Fjolzformen her-
geftellt. Die erfte Cechnik fchließt [ich eng an
die ornamentale Verzierung der Mfchattafaffade
an. Von außerordentlicher Dichtigkeit find die
keramifchen Funde. Man fand darunter zum
erftenmal oftafiatifcßes Porzellan aus dem
9. Jahrhundert, dem Ende der Cangzeit, das bisher
nicht bekannt war und aus China nach Mefopo-
tamien importiert wurde. Bei der einheimifchen
Keramik fpielte die fogenannte Luftermalerei
die bedeutendfte Rolle. Man fuchte durch ihren
Glanz die im Koran verbotenen Geräte aus Edel-
metall nachzuahmen. In ihrer Färbung und
Leuchtkraft übertrifft die Samarra-Keramik alles,

was fpätere 3eiten im Often und Cüeften auf
diefem Gebiete erzeugt haben. Sehr intereffant
find auch die Bruchftücke von Dandgemälden
fowie Überrefte von Verglafungen, die in ver-
fchiedenartigenCechniken dieFenfter der Mofchee
jchniückten. Die Ausgrabungen bedeuten eine
wefentliche Bereicherung der iflamifchen Samm-
lungen des Kaifer-Friedrich-Mufeums. Lehr-
reiche Auskunft über die Funde gibt uns eine
anläßlich der Eröffnung der in der Grotefchen
Verlagsbuchhandlung erfchienenen Brofchüre von
Prof. Friedrich Sarre. Curt Bauer.
Die Neuordnung der Badifdjen
K u n ft h) a 11 e
Die Neuordnung der Kunfthalle in Karlsruhe
ift wieder um ein Beträchtliches weitergediehen.
Dährend bisher vor allem die altdeutfchen Säle
und die Abteilung der deutfchen Malereider erften
Fjälfte des 19. Jahrhunderts (Feuerbach, Schirmer,
die Romantiker und Nazarener) der durchgrei-
fenden Neuordnung unterzogen worden waren,
find nun jetjt auch die Holländer und Fran-
zofen in neuer Anordnung zugänglich gemacht.
Die Karlsruher Sammlung holländifcher Ge-
mälde gehört zu den beften derartigen Samm-
lungen in Deutfchland. Sie gibt einen im wefent-
lichen gefchlojfenen Überblick über die hoilän-
difchen und flämifchen Malerfchulen des 17. und
18. Jahrhunderts. Die Anordnung gefchah nach
Bildgattungen in einer Reihe von kleinen Ka-
binetten, deren neutral grüner Dandton von
ziemlich dunklem Grad eine wirkungsvolle Folie
für das holländifche Kolorit abgibt. Es erweift
fid) wieder, daß dunkle Cöne, die in der hol-
ländifchen Malerei die vorhergehenden find,
am klarften und farbigften gerade auf dunklem
Grunde wirken. Man muß auch hier wieder be-
kennen, daß erft die neue Anordnung den rich-
tigen Überblick und die richtige Einfchät^ung
diefer Sammlung alter Holländer ermöglicht, die
ausgezeichnete Derke von Brouwer, Ceniers,
Oftade, Metfu, Steen, van der Fjeijde, van Goijen,
Netfcher, van der Neer, Schalcken, Mieris, Dou,
die als die wichtigften genannt feien, enthält.
Befondere Freude bereitet ein Kabinett mit wun-
dervollen Stilleben von Fjuijfum, DeFjeem, Segers,
Ruijfch und Fjeda. Über allem fteht jedoch das
Selbftbildnis Rembrandts, das RichardDehmel
einmal als eines derjenigen Bilder bezeichnet
hat, die [ich hui am tiefften in die Seele ein-

703
loading ...