Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Sammlungen
Die Lakenljalle in Leiden
Dank einer Schenkung von privater Seite konnte
die Lakenl?aIIe in Leiden einen febr geräumigen
Flügelanbau erbalten, der ficb in der Art [einer
äußerlichen und inwendigen Einfügung an das
alte Gebäude als eine glückliche Löfung des
Architekten KL A. Lensveit darftellt. In diefen
neuen Anbau wurde aus den Beftänden des
Mufeums alles gefcbafft, was— feien es Möbel,
Gemälde, Schnitzereien, Drudce, Porzeilangegen-
ftände — einen rein künftierifcben Klert befi^t,
in dem alten Haufe, meift in der bisherigen Auf-
ftellungsweife wurden die ortsgefcbicbtlicben und
folkloriftifcben Gegenftände beiaffen. Der eigene
Beßitj des Mufeums an originaler Kunft ift dem
Klerte nach nicht febr bedeutend, doch bat es
der Leiter J. C. Overvoorde verbanden, Privat-
leute und andere Mufeen Hollands zur leihweifen
Überlaffung von Bildern zu bewegen, fo daß
jetzt in den Räumen ein febr fcböner Gemälde-
befiß beieinander ift. Sehr fortfcbrittlicb, alfo
febr begrüßenswert ift eine ähnliche Einrichtung
wie Jufti fie am Kronprinzenmufeum einführte:
einige Räume wurden bereitgeftellt, wo regel-
mäßig abwecbfelnde Ausheilungen lebender bol-
ländifcher Künftler abgehalten werden füllen;
der erfte, den man einlud, war Klillem van Ko-
nijnenburg. Die Eröffnung des neuen Gebäudes,
das nach der enttäufcbenden Einrichtung des
ütrechter Mufeums einen rechten Lichtblick bildet,
erfolgte am 4. April durch den bolländifcben
Kultusminifter. H-
Ein neues Kunftmufeum in Paris
Im Ballfpieltjaus der Cuilerien wird im
Juli eine Dependance des Luxembourgmufeums
eröffnet, das allerdings im Raume febr befcbränkt
ift. Die unteren Säle werden den modernen
Künftlern fremder Nationalität eingeräumt wer-
den; in den oberen Räumen werden Neuerwer-
bungen ausgeftellt. Jedes Jahr foll hier überdies
eine Gefamtausftellung ausländifcber Kunft ge-
zeigt werden, ähnlich der Ausftellung bolländi-
fcher Kunft, die hier vergangenes Jahr zu fehen
war. So foll nächftes Jahr eine amerikanifcbe,
übernäcbftes Jahr eine englifche Ausftellung ftatt-
pnden.

Breslau
Das Schlefifche Mufeum für Kunftge-
werbe und Altertümer hat im Vorjahre eine
außergewöhnliche Erwerbung gemacht, die foeben
in einer befonderen illuftrierten Schrift weiteren
Kreifen bekannt gemacht wird. Klas man fonft
an 3unftftuben in unferen Gefchichtsmufeen
findet, ift gewöhnlich eine Auffpeicberung von
unendlich verfchiedenartigen Reften aus dem
ehemaligen Innungsleben der betreffenden Stadt,
künftlerifcb nur in feltenen Fällen befriedigend,
meift nur von kulturgefcbichtlicbem Standpunkt
zu werten; von einem wertvollen, einheit-
lichen Eindruck kann meift nicht die Rede fein.
— Das Breslauer Mufeum ift nun in der an-
genehmen Lage, feit dem vorigen Jahr eine
ftolze Ausnahme in diefer Gruppe vorzuführen,
nämlich die Innungsftube der Breslauer
Gerber, die ihm nach der Auflöfung der ur-
alten Innung der Kleißgerber, Sämifchmadjer,
Loh- and Rotgerber und Korduaner zugefallen
ift. Klas in dem alten Gerberhaus „im Burg-
feld“ in Breslau kaum beachtet wurde, tritt nun
in überrafhender Kleife als eine gefcbloffene
Einheit auf, und zeigt heute noch den Charakter
der Mitte und 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts,
in der Innungshaus und 3unftftube entftanden;
die wenigen, aber auch febr charakteriftifchen
Gegenftände der fpäteren 3eit, die im 17. und
18. Jahrhundert dazugekornmen find, vermögen
das Gefamtbild nicht zu beeinträchtigen. Die
alte Holztäfelung mit den umlaufenden Sitj-
bänken, der prächtige Renaiffancetifcb vom Jahre
1547, die Ofenbekrönung mit dem Breslauer
Stadtwappen, das Leinenrücklaken mit dem
Doppeladler des Reichs, das Hirfcbgeweii} als
Klandleucbter von 1581, die wundervolle fpät-
gotifcbe Schweidnitzer 3inn'Kanne, die reid)-
geäjjten Hellebarden von 1609, die als Reft der
bei feftlicben Anläffen von den 3anftgenoffen
getragenen Klaffen übrigblieben, das Sarg-
fchild vom Jahre 1580 wie das Klillkürenbuch
vom Jahre 1582, — all dies und vieles andere
wäre auch einzeln als Mufeumsobjekte wertvoll
gewefen. Um wieviel mehr bedeutet es in
diefem gefcßloffenen Gefamtbild, zumal man die
einzelnen Stücke noch in den alten erhaltenen
Rechnungen nadjweifen kann, wodurch diefes
Stück deutfcher Renaiffance noch mehr an Leben
und Bedeutung gewinnt. Profeffor Dr. Karl

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