Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Von RUDOLPH CZAPEK

Wertfragen


Obfdjon dem tüiffenden ttlert und Sinn der Malkunft für geiftiges Leben nie ernßlicb in
Frage ßeben kann, ift es wohl dennoch der 3eitlage angemeffen, fogar auch hierüber das
Nötigfte nochmals zu berühren. Der geradezu gigantifche Kunftmarkt der neueften 3eit
und manche feiner Begleiterfcbeinungen haben in den lebten Jahren mehrfache gewiß begreißidje
Auflehnungen gegen die öffentliche Einfügung der Malerei als Kulturfaktor im Gefolge gehabt.
Mit vollem Recht wurde da erinnert, daß dem Bau die eigentliche Führerrolle unter den bildenden
Künften zukomme und das die Bildkunft, jene transportablen, meift viereckigen Flächen, wie es
hieß, als Ausdruck einer Volkskultur nur nebenfächliche Bedeutung haben. Doch ging man noch
gründlicher vor: Bildende Kunft wäre überhaupt fcbon längft kein wefentlicber Ceil unferes fozialen
und geiftigen Lebens mehr und würde durch die Leitungen künftlerifchen, d. i. wertenden Denkens mehr
und mehr erfetjt. Ja, es wurde fogar laut, die 3ukunft möge fleh von aller Kunft febroff abwenden und
lieber ihre ganze Kraft den Aufgaben der tüirtfcbaft, des Verkehrs, der Politik widmen. Diefe
auffällige Cüendung in führenden Stimmen mag jedoch nicht allein in der hereingebrochenen fdjweren
Kulturkrife felbft, fondern fcbon in manchen vorangegangenen tieferliegenden Grundrichtungen
begründet fein, die hier nicht näher zu verfolgen find, hervorgehoben fei nur diefes: welch
fonderlich quälender ütliderfprud) die bisherigen Cüege der Selbftbefinnung und des entfachten
Lebenshungers, das bisherige Doppelleben in Erinnerung und Gegenwart untereinander zu bilden
imßande waren, hartnäckiger Fjißorismus ließ das Kulturgefcbeben nie anders als wie das Leben
irgendeines einzelnen fabelhaften Riefenorganismus erfcheinen, deffen befondere Entwicklungen
aufs wachfte zu verfolgen jedem Denkenden geiptige Pflicht und hoho Genugtung geworden war.
Vornehmlich aber galt es zugleich einem jeden, fein äußeres Leben raftlos in gründlicher GCIeife
auszufdpöpfen, fich alfo einer Art von Lebens-und Kleltgläubigkeit binzugeben, die vielfach eher eine
Selbftbetäubung heißen konnte, deiche derte von folcber innerlich völlig unfidberer Seite her
der Bildkunft beigemeffen werden kann, liegt zutage. Die Bilderfammlung, foweit pe nicht ent-
wicklungsgefcbichtlid) angelegt ift, feljt die Einrichtung des altfeudalen Raritätenfaales fort; es
mußte genügen, wenn Bilder durch einzelne anerkannt hervorragende Namen gezeichnet waren,
denn diefer Umftand allein konnte für jedermann auch den geiftigen dert der Kunftwerke ohne
weiteres verbürgen. Daß ein folcber allerdings faft fonderbarer Sammelfport für die 3u^unft den-
noch eine tiefere Berechtigung haben kann, ift nicht in Abrede zu ftellen. Die Frage nach dem
gegenwärtigen dert der Malkunft indes führt fchärferer Prüfungen zu. Könnte nämlich die Mal-
kunft nichts anderes bedeuten als eine weitere Mehrung der volkswirtfchaftlicben derte und ein
weiteres Mittel zur Befriedigung allgemeiner Schauluft durch auffällige Abbildungen und be-
fteebende Schilderungen, die es felbft durch Beherrfchung auserlefener Darftellungskunft, durch
feltene Meifterfchaft, dann hätte die Malerei nicht mehr, nicht weniger als ein willkommenes
Fjandwerk, allerdings kaum jemals viel zu erreichen. Gründliche und fruchtbare Auseinander-
fetjung mit delt und Leben vollzieht pdb unmöglich in reizvollen und geißigen Abfchilderungen
allein; ftarkmutiges Begreifen, geißige Durchdringung, charaktervolles Verhältnis zu den Geßal-
tungen alles Vorßellungslebens müffen mit mindeftens gleichwertigem Gewicht hinzugetreten fein,
um jenes zu meißern. Eine bodbgeißige Stilftufe kann außerdem in diefem deltgetriebe ausfcbließliche
Geltung niemals dauernd behaupten, profane Kunft aber bleibt auf maßvollere ttlirkungen ver-
wiefen, die pcb wirrem Cüeltleben in aller Stille dennoch als geiftiges Ferment einzufügen ver-
mögen, die daher in überwundenen Naturalismus, in der Überwindung felbftifcben tüollens, in er-
hobener Natur- und Kulturbetrachtung beruhen werden. Daß die Stufe eines myftifcben Pantheis-
mus, ein erneuter, höher gearteter, wenngleich mitunter bedingter tüeltglaube bereits hinreichen
könnte, untere ttlertgrenzen zu bilden, muß infolge der hier vorhandenen hohen Ünpcherbeit
etbifeber ttlerte, foweit nicht febärfere perfönliche Beßimmtbeiten hierin Gewähr bieten, allerdings
in Frage bleiben. Im ganzen aber geht fomit hervor: Erft durebgeiftigte Wirkungen können den
Eigenwert des Bildwerkes begründen, erft geiftiger Einzelrang vorliegender Bildwerke vermag die
Fjemmungen des Alltags zu durchbrechen, geiftige Markfteine zu fetten, zur günftigen Stunde durch
glückliche Ausweitungen und nachhaltige Erhaltung haben erzieberifeben Fjüfswert vorzuftellen,
innerem ülert die Umgebung zu unterwerfen. Das nötige Verftändnis vorausgefetß, kann dann,
ganz abgefeben von dem Gegenftand des Bildes, die vertiefte Stilftufe für fich allein fcbon hin-
reichen, augenblickliche perfönlicbfte ttlirkung, wahrhaftige Selbßbeftimmung und Klärung, geiftigen
Rückhalt, innere Ruhe und Stärkung dauernd ßcberzuftellen.
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