Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

Page: 972
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1922/0998
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Die neue P 1 a ft i k in F rankreid)

Mit zehn Abbildungen auf vier Tafeln

Von ADOLPHE BASLER


's erübrigt fiel) eigentlich über die moderne franzöfifeße Plaftik zu fd)reiben, den

degenerierteften 3weig der bildenden Künfte. HJas von diefer Flut unreifer, in

J—4 Bronze gegoffener und in Marmor gehauener ülerke, dem koftbaren Material,
den vielen Namen, die die moderne Plaftik veranfcßaulicßen, Klert hat genannt zu
werden, ift nur von einigen Wenigen gefchaffen: Rüde, Barye, Carpeaux, Rodin, Despiau
und Maillol, die echten Söhne jenes Frankreich, das auf den Ruinen der gallifcß-
romanifchen 3iviäfation feine künftlerifcße Kultur in herrlichen romanifchen Bauten
bezeugte. Unter den Gewölben diefer düfteren Bafiliken entfaltete fich der feßöpfe-
rifche Genius der Raffe, der feinen erhabenen Ausdruck in der gotifeßen Baukunft
fand, deren Schönheit — entftanden aus Gefeben, die ihr eigen find — an Großartig-
keit und Unabhängigkeit der des Parthenon gleichkommt.
Die Vorausfetjungen haben fich feit der Renaiffance [ehr geändert. Man kann heute
an die Künftler nicht den gleichen Maßftab legen wie an einen Michelangelo, den
Erben großer mittelalterlicher Traditionen, der den ftrengen Lehren der Überlieferung fein
individuelles Genie entgegenzuftellen wußte. Nicßtsdeftoweniger fefet in diefer felben
Epoche das Paradoxe in der Kunft ein, die nun von einem Irrtum in den anderen
fällt und in unferen Tagen in vollftändigem Bankrott endet.
Die modernen Bildhauer haben nicht wie Michelangelo den Vorzug, in einer Seit
zu leben, die unmittelbar das Erbteil der Vorfahren empfing. Sie faßen um fich nur
die Negation des Schönen und Logifchen. Man hatte alles verloren bis auf die Er-
innerung an die große Kunft der Renaiffance, die Kunft eines Michel Colomb, Goujon,
Germain Pilon, Puget und Clodion, der lebten Meifter des Meißels im 18. Jahrhundert
wie üoudon und felbft des Kaiferreicßs, Cßinard, den großen Meifter der Büfte.
Die Plaftik des 19. Jahrhunderts offiziell und von den Akademien monopolifiert,
verfiel in vollftändigen Marasmus und Barbarei, Pßotoplaftik, die in dummer Äffektion,
in Ausartung klaffifcßer Kunft fich in firenge Klifcßees engte, die die elementarften
Konftruktionsgefefcje leugnete und in vollftändiger Verkennung der urfprünglicßen Ge-
fetje der Kompofition peinliche photographifeße Genauigkeit lehrte. Kein Bemühen, die
Syntßefe der Formen zu verwirklichen, irgendein Kunftideal zu verteidigen; alle diefe
fcßeußlicßen Denkmäler der fjelden, Dichter und Staatsmänner find in dem Dunkel
jener Akademien entftanden, Beleidigungen jedes gefunden Empfindens, mecßanifche
Formen, die allein von der Degeneration des Gefcßmacks 3eugnis ablegen.
Deute bemerken wir, ähnlich dem, was fich M anderen Künften beobachten läßt,
eine Reaktion auch m der Plaftik, eine Strömung, die dem Romantismus feindlich
gegenüberfteßt. Bourdelle ift woßl der lebte Repräfentant der romantifeßen Bild-
hauerei, der lebte, der dem Beifpiel Rüdes folgend, das Patßetifcße in feiner Kunft aus-
zudrücken verfueßte. Dagegen huldigen die jungen Bildhauer faft ausnahmslos leiden-
fcßaftlich den kräftigen Formen der romanifchen oder gotifeßen Kunft, der areßaifeßen
Skulptur Griechenlands, der ägyptifeßen und affyrifcßen Bildßauerkunft und viele auch
der Plaftik der wilden, gefcßicßtslofen Völker, deren Schönheit zuerft Picaffo, Derain
und Matiffe überrafeßte. Im Gegenfab zu Rodin, der das Material nicßt zu bändigen ver-
mochte, und es forglos vergeudete, ftrebt die junge Generation nach größter Verein-
fachung, naeß Ökonomie, dem eigentlichen Grundelement monumentaler Plaftik. Rodins
Talent wuchs in einer 3eit moderner Konzeptionen und Irrtümer. Der ftetig waeßfende
Schönßeitsfinn des neuzeitlichen Menfcßen forderte von der Kunft, daß fie die Dinge
nicßt genau fcßildert, fie vielmehr erraten läßt und zu diefer ttlirkung Seicfyzn 9e"
braucht, damit das Fragment ißn fuggeriert und das Vollendete in ißm wachrufen kann.

972
loading ...