Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Kun ft politik
3ur künftlerifdjeri Gefährdung
Münchens
Der Maler Campendonk verläßt die Um-
gebung Münchens, in der er reichlich unbeachtet
feit Jahren lebte (Seeshaupt am Starnbergerfee).
Man eröffnet jetjt in Frankfurt bei fingier eine
Äusftellung feiner neuen Arbeiten. Campendonk,
aus Krefeld ftammend, fiedelt in die Umgebung
diefer Stadt über, wo ihm ein Mäzen in großem
Garten ein FJaiis mjt Atelier gebaut hat. Mün-
chen verliert wieder einen feiner wid)tigften
Maler. Der ganze Kreis, dem Campendonk an-
gehörte und der vor dem Krieg in Oberbayern
faß, pch um das Dokument des „Blauen Reiter“
gruppierend, ift für München verlorengegangen.
Man kann fchon heute fagen, daß diefem Kreis
in der Entwicklung der modernen deutfchen Ma-
lerei eine entfcheidende Rolle zufiel. Franz
Marc, einer der bedeutfamften Maler des ganzen
heutigen Europa überhaupt, fiel im Kriege. Man
tut Marc in München heute dreifach unrecht.
Einmal, indem man vergißt, wie bald fein Leben,
das noch ungeahnte Möglichkeiten in fid) barg,
abbrach. Ferner durch eine pofthume, reichlich
breite Veröffentlichung früherer Jugendproduk-
tion, in der er fid) noch nicht gefunden hatte,
während der umfaffende Nachlaß feiner zwei
Reifeperioden ein verftecktes Dafein in Ried führt.
Schließlich, indem man Gefchmeidigkeit, Maß
und Milde heute ebenfo direkt mit Untiefe und
Dekoration verwechfelt, wie man diefe Begriffe
im 19. Jahrhundert gerade mit „Bedeutung“ ver-
band. Macke, jenem Kreis eigentlich ange-
gliedert, eine derbere, undifferenziertere Natur,
jedod) von großer Naturkraft, fiel ebenfalls im
Felde. Kandinfky, der theoretifd) bewußtefte
Vertreter jener neuen Kunft, fiedelte nach Ruß-
land über und wurde vor kurzem an das „Bau-
haus“ nach Uleimar berufen. Paul Klee, der
Gruppe nicht fernßeßend, ging in gleicher Funk-
tion an Cüeimar verloren. Uleisgerber, der
am meiften eingeleuchtet hat, weil er innerhalb
neuer Bildmittel eigentlich die gefällige Cradition
der Münchner „Scholle“ fortfe&te, wurde durch
den Cod entführt. Sehr impf, feit einigen Jahren
eine fymptomatifebe Kraft der allerjüngften, nad)-
expreffioniftifchen Phafe und in Italien fehr ge-
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fcbätjt, hat einen Ruf nach Nordamerika. Edwin
Scßarff, der Maler, Graphiker, Plaftiker folgt
einer Berufung nach Berlin.
Für Stammespolitiker fei angemerkt, daß es
fich großenteils um geborene Bayern handelt.
ÖMd)e Blüte wäre der neuen Münchner Kunft
befd)ieden gewefen, wenn alle Genannten dort
geblieben wären, mit all dem, was führende
Köpfe nach fid) zu ziehen pflegen. Möd)te
der jetp gegründete Beirat für bildende Kunft
am Bayrifchen Kultusminifterium, auf den man
Hoffnung fefp, den richtigen Prozentfatj „junger“
Alenfcßen unter fid) haben, damit in all den
Fällen, wo es irgend möglich ift, gelingt, das
Gute in statu nascendi zu faffen und zu halten,
ttlenn nämlid) eine Kommiffion fo geftrig oder
fo inftinktlos wäre, daß fie aud) nur das be-
rühmte Jahrzehnt der Bewährungsfrist abwarten
müßte, bevor fie zugreift, fo ift es meiftens fd)on
zu fpät. In zweifachem Sinne: Der Künftler ift
in der eigentlichen 3eit äußerer Not und des
kräftigten Änftiegs (vor der allgemeinen Ab-
ftempelung) nicht geftügt worden, Und der Staat
muß hundertfach zahlen, was er einft um We-
niges fid) hätte fießern können.
Älle mit Inftinkt geleiteten Sammlungen ent-
fteben umgehend — oder erft nad) Jahrhunderten.
Die 3eit dazwifeßen aber ift menfd)lid) wie pe-
kuniär die ungünftigfte und ärmlichfte für den
Befteller, Sammler, Förderer. R.
Sammlungen
Vom Germanifdjen Mufeum
ÜHährend der Neubau am Kornmarkt, deffen
Einrichtung im vergangenen Jahre abgefcßloffen
wurde, die Denkmäler der hohen Kunft in pch
birgt, find die kulturgefd)id)tlid)en Sammlungen,
insbefondere die volkskundlichen Abteilungen
und die deutfchen Altertümer, im alten Ceil
des Mufeums verblieben. Ihre Umgruppierung
wie aud) mancherlei bauliche Veränderungen
haben die Verausgabe eines neuen ttlegweifers
durch die Sammlungen im alten Bau notwendig
gemacht. Bearbeitet von Fritj Craugott Schulz
und erfeßienen im Selbßverlage der Anpalt,
gibt er ein anfcßaulicbes Bild der Bedeutung
der verfeßiedenen Abteilungen und unterrichtet
er über den wefentlicßen Inhalt der einzelnen
Säle und Kabinette. Begonnen wird mit dem
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