Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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3u den Miniaturen der Leidener Cüigalois-fjandfcfyrift

Mit drei Abbildungen auf zwei Tafeln

Von V. CURT HABICHT

Des öllirnt von Gravenberg (um 1204) pbantaftifcber Versroman: CLligalois aus dem Ärtus-
kreife ift in vcrfcbiedenen Qandfcbriften erbalten. Die Leidener mitMinaturen gefcbmückte
FJandfcbrift1 bat den feltenen und angenehmen Vorzug ganz genauer Datierbarkeit mit
weiteren Beftimmungsmöglicbkeiten. Das Buch trägt nämlicb am Schluß denVermerk, daß es 1372
von Jan von Brunswik, Mönch zu Ämelungsborn, für Fjerzog Hlbrecbt (II.) von Braunfcbweig-
(Grubenbagen) gefcbrieben worden ift. Da kein anderer Verfertiger genannt wird und die Miniatur-
beigaben als Hrbeit mindeftens ebenfo wichtig find wie der Cext, darf man hier in dem Mönche
Jan von Brunswick wohl auch den Miniator erblicken. Doch mag auch diefe Frage nach dem Hutor,
da die ausdrückliche Husfage fehlt, offen bleiben, fo find wir doch wenigftens über Entftebungsort
und -zeit eindeutig unterrichtet. Des phantaftifchen Epos Inhalt kann hier fo wenig wie eine
Würdigung feines viertes gegeben werden. Jedoch erfordert ein volles Verftändnis der drei hier
zu behandelnden Miniaturen wenigftens ein etwas genaueres Eingehen auf die Bafis der Illuftrationen.
Hbb. 1 ftellt die Szene dar, wie Nereia, der unglücklichen Königin Gamanie ausgefandte Botin,
im Schloß des Königs Hrtus erfcbeint, um FJilfe für ihre Fjerrin zu erbitten. Ich laffe die IJaupt-
ftellen des Gedichtes (von Vers 1718 ab) folgen:
do der künec ze tifcbe faß
und innen des dö er az,
kom ein maget riebe
geriten bövefcblicbe
mit ir getwerge üf den fal.
Es folgen Befchreibungen ihres weißen Pferdes, ihres Gewandes und Husfebens. Der 3werg
fingt ein „wunneclicbes“ Lied und Nereia richtet ihren Äuftrag („mich hat gefant min frouwe her
in iuwer lant“) aus.
t£Iie ftark der Miniator in Fjauptfacben von diefen Schilderungen abweicht, braucht nicht be-
fonders hervorgehoben zu werden.
Hbb. 2. Die Miniatur fcbildert im wefentlicben die V. 2356 erzählten Begebniffe. Dem jungen
Fjelden Güigalois, dem Ritter mit dem Rade (Klappen an Fjelm unj Schild), und Nereia begegnet
eine klagende Jungfrau, die Nichte der Königin von Perfia. Huf der Miniatur feben wir links
vorne Nereia auf ihrem weißen Pferde und mit ihrem 3werge wieder, neben ihr Kligalois. Huf
der anderen Seite die klagende Jungfrau, die folgendermaßen im Epos befebrieben wird:

fie reit ein pfärit wolgetän:
unz üf fin knie reicht im fin man:
daz was röt alfam ein bluot.

mit größer klage reit die meit
über die fträze aleine.
ihr freude diu was kleine.

1 Im Befltj der Maatfchappij der Nederlandfche Letterkunde zu Leiden, der id) für die Erlaubnis zur Anfertigung
von Photos hiermit ergebenft danke. Die urfprünglid) für mein Budp über die niederfäd)ßfd)e Malerei beftimmten
Photos ßnd hier (Äbb. 1 u. 3) zufammen mit einer der Sammlung Dr. Fr. Stoedtner wiedergegeben.

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