Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Die Wiener Gläferausftellung
Von GUSTAV E. PAZAUREK

Die Äusftellung von Gläfern des Klaffizismus, der Empire- und der Biedermeierzeit, die irn
Oktober und November 1922 im Öfterreidjifdjen Mufeum in Wien ftattfindet, ift eine mufeale
Cat, die entfprechend hervorgehoben zu werden verdient. Das Mufeum bleibt in diefer
Beziehung feinen fdjönften alten Craditionen getreu, obwohl fich die Seiten leider fo gründlich
geändert haben. Die geradezu wahnfinnig in die Fjöhe gefdjnellten Cransport- und Verpcherungs-
koften wie die unglaublichen Soll-, Einfuhr- und Husfuhrfchwierigkeiten lähmen ja bekanntlich
jeden großzügigen Äusftellungsbetrieb unferer Mufeen, und alle Eingaben in diefer Richtung, die
an die offiziellen Stellen gerichtet worden find, haben leider keine Hbhilfe gebracht.
Äuch die derzeitige Gläferausftellung in «Ilien wäre zweifellos noch viel reichhaltiger geworden,
wenn man auch den gefamten reichsdeutfchen Befitj aus öffentlichen und privaten Sammlungen
hätte heranziehen können, ebenfo wie alles das, was heute noch und wieder in Böhmen vor-
handen ift. Um fo mehr müffen wir es bewundern, daß das Wagnis, das in diefem timfang kein
anderes Mufeum feit dem Weltkriege unternommen hat, fo vorzüglich gelungen ift.
tüien ift heute noch eine Stadt, in der alte Kunft und altes Kunftgewerbe wie kaum an einer
anderen Stelle in bedeutenden Quantitäten und Qualitäten aufgeftapelt ift; ja zu den alten be-
rühmten Sammlungen, an deren Spitze die einzigartige, an unfehlbaren Stücken überreiche Samm-
lung Älbert Figdor fteht, find noch manche neuen getreten, wie — befonders im fjinblick auf
Gläfer — die von Graf Äuersperg, E. fjerzfelder (dritte Sammlung), Dr. Flefd), J. Glückfelig,
Bertha Kurjj, Jenny v. Mauthner, Olga Münz, V. Pollak, V. v. Portheim, St. Rath, Bertha
Schaffranek, L, Schidlof, Prof. E. Ullmann u. a., wobei die große 3abl von Damen, die für Glas-
fchönheit fo viel übrig haben, angenehm auffällt. Gerade was das Glas anlangt, ift das alte
Intereffe, das fchon im „National-Fabriksprodukten-Kabinett“ unter Kaifer Franz I. fo ftark be-
tont war und im Wirkungsbereich des unvergeßlichen Ludwig Lobmeyr ftets neue Nahrung fand,
lebendig geblieben.
Wenn fich Qofrat E. Leifching entfd)loffen hat, den berühmten Äusftellungen früherer feiten,
von denen namentlich die der Wiener Kongreßzeit, wie die des Wiener Porzellans, befonders tiefe
Wurzeln gefchiagen haben und in monumentalen Publikationen verherrlicht worden find, ein
weiteres ähnliches Unternehmen anzufchließen, das in die fonftige Folge vorwiegend moderner
Veranftaltungen eine entfprechende Äbwedbfiung bringt, fo kann man der Mufeumsdirektion zu
diefem Unternehmungsgeift nur herzlich gratulieren.
Äber der fdjöne Plan hätte nicht diefe reiche Äusgeftaltung erfahren können, wenn nicht der
Vizedirektor des Mufeums, fjofrat Dr. v. Crenkwald, mehr als ein halbes Jahr Ärbeit ausfchließ-
lich daran gefetjt hätte, die Idee fo vortrefflich in die Uat umzufetjen. Gerade weil man auf das
reichsdeutfcbe Material, das in früheren feiten felbftverftändlich reichlichft zur Verfügung ge-
ftandenwäre, nicht rechnen konnte, lag die Verfügung nahe, das Wiener Material in viel größerem
Umfang heranzuziehen und dadurch das Qualitätsniveau herabzudrücken.
Diefe Gefahr hat Crenkwald vermieden. Die Äusftellung kann ßich an Raumbedarf mit den früher-
genannten oder ähnlichen Vorgängerinnen allerdings nicht meffen; obwohl es ein leichtes ge-
wefen wäre, fie auf den fünffachen Umfang anfdjwellen zu laffen. Gerade durch die Befchränkung
auf die beften erreichbaren Stücke ift aber ein Gefamtbild entftanden, wie wir dies nur noch in
fehr wenigen Fällen erlebt haben, auf dem Glasgebiet nur ein einziges Mal, nämlich bei der Vor-
führung der Brandenburgifchen Gläfer im Berliner Kunftgewerbemufeum durch Robert Schmidt
Oberficht und Studium werden dadurch wefentlid) erleichtert, und der Genuß an den trefflichen
Leitungen alter Glasveredlungskunft bedeutend erhöht.
Die Glasdekoration vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts
hatte tatfächlid) erheblich viel zu zeigen. Wohl zu keiner anderen 3eit find die hüttenchemifchen
und technifchen Vorausfetjungen einer Mannigfaltigkeit fo günftig gewefen wie damals, und wenn
man nun die Ärbeiten eines Jofeph Mildner im einfamen Neft Gutenbrunn, die Cransparentmalereien
der beiden Mohn, fowie ihres liebenswürdigen Wiener Nachfolgers Änton Kothgaffer in einer
überaus ftattlichen Reihe gleichzeitig nebeneinander auf pch einwirken laffen kann, wenn fich unter
ausgezeichneten Glasfchnittarbeiten folche von D. Bimann oder F. Gottftein, welche letztere die

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