Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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in ihren Ergüßen, in ii)ren [dämmernden Lidjträtfeln, in ihren abgründigen Austragungen
zu enthalten vermag, in den Dienft der ahnenden Geftaltung zu [teilen.“
Schließlich [dßafft die ideologi[d)e Neigung Le Fauconniers, der infolge [einer nor-
mannifcßen Ab[tammung von vornherein mehr denkeri[d) als finnlid) veranlagt i[t, fici)
unmittelbar in der ülahl des Dar[tellungs[toffs ihr Genüge. Es entftehen in Äm[terdam die
Bildfolgen: „La vie du Vagabond“ (drei Ceile) und „Dieu te voit“ (vier üeile), [amtlich in
der Sammlung Beffie, auf denen fid) alles — Farbe wie Bericht — aus der inneren Er-
fahrung fpeift, und wo die Außenwelt nur in abgeriffenen und filmgrell weghufchenden
Erinnerungen 3ulaß erhält. Le Fauconnier ringt mit diefen Bildern nach der Erfüllung
jener von ihm [elber geprägten Forderung: „Des Künftlers Aufgabe ift es nicht, aus
den neuen Gegebenheiten der äußeren öUahrnehmung ein planmäßiges Gefamtgefüge
zu machen. Er will vielmehr der Epoche, in der er lebt, ihre eigene Art des geiftigen
Ausdrucks liefern, die [tark und menfchlich genug ift, um als fold)e die 3eiten zu über-
dauern.“ Es brauft denn auch in diefen letzten ÖJerken, von denen der 3yklus „Dieu
te voit“ die Unterbezeichnung führt „Decoration pour une chambre de meditation“,
die ganze Unraft und die weltanfchauliche Erfd)ütterung der Gegenwart, zu deren Dol-
metfchern [ich erfolgreicher als die Dichter und die Mufiker in Europa die Maler ge-
macht haben.

Die 3üricßer Ausftellung fpätmittelalterlicßer Kunft
Mit sieben Abbildungen auf vier Tafeln Von HANS CURJEL
Die 3üricher Ausftellung des vergangenen Fjerbftes, über die in den folgenden feilen
berichtet wird1, verdiente fd)on allein aus prinzipiellen Gründen eine ausführ-
lichere Fixierung in der 3eitfchriftenliteratur. Als erfte derartige internationale
Veranftaltung nach dem Krieg bedeutete pe eine erfreuliche Station auf dem tUeg der
geiftigen und wiffenfchaftlichen cHiederanknüpfung. In bezug auf die prinzipielle Frage
der vorübergehenden Ausleihung von Mufeumsgut war pe ein Beweis dafür, daß in
vielen Fällen gerade das (wenn auch vorübergehende) Vereinigen von entwicklungs-
gefchichtlich zufammengehörigen merken, die das Scpickfal in oft weit auseinander
liegende Sammlungen verfchlagen hat, den dadurch in hiftorifchem 3ufammenhang ver-
bundenen tUerken felbft neues Leben verleiht, während die immerwährende Einzel-
kafernierung das einzelne Kunftwerk oft zum erratifchen Block zu machen droht. Daß
die wicßtigften fchweizerifchen und eine große Anzahl außerfchweizerifcher Mufeen die
Ausftellung freigebig befcpickt haben, ift aus folgen Überlegungen heraus als befonders
erfreulich zu bezeichnen. Nicht zum wenigften bedeutete die Ausftellung für die Stadt
3ürich ein prinzipielles Ereignis deshalb, weil dort die Pflege der alten Kunft in einem
vielleicht allzu ftarken, gewiß unverdienten Maß hinter der Pflege der gegenwärtigen
zurücktrat; in einem unverdienten Maß, weil die 3ürici)er Sammlungen felbft, vorab
das Scßweizerifche Landesmufeum eine Fülle qualitätvoller und hiporil^l intereffanter
tüerke des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts bergen. Die Gefahren und vor allem
die Verlufte, die einer fold)en 3urückdrängung der alten Kunft entfpringen, liegen bei
aller pofitiven Ulertung der gegenwärtigen Produktion auf der Fjand.
3ur gerechten Beurteilung der Ausftellung ift es notwendig, [ich zu vergegenwärtigen,
daß pe als erpe derartige Veranftaltung in vielem als Experiment betrachtet werden
1 Anmerkung der Sd)riftleitung. Obwohl die Ausftellung felbft fd)on Ende November des
vergangenen Jahres gefcßloffen wurde, wird diefe — hauptfäd)lid) infolge des verfpätet einge-
troffenen Abbildungsmateriais — ftark verzögerte Abhandlung unfere Lefer aud) heute uo<h inter-
effieren, um fo mehr als fid) die Ergebniffe diefer ebenfo dankenswerten wie [d)önen Veranftaltung
erp je^t klarer überfehen laßen.
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