Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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außerordentliche Leiftung keinem anderen Meifter Zutrauen als dem Jan Goffaert und
habe mehrere annähernd gleichwertige Bildniffe zufammengeftellt, die ich als Frühwerke
diefes Malers betrachte.
Einen wohltuenden Beftandteil in Ihrer Ausheilung werden die beiden GIcrke
Adriaen Ifenbrants bilden, fowoßl die Madonna in Fjalbpgur wie die beiden Altar-
ßügel mit dem Läufer und dem Evangelijten Johannes. Die beiden feierlichen ftatu-
arifchen Figuren waren auf der Brüffeler Sammlung de Somzee 1902 in Brügge aus-
geftellt und trugen auf diefer unvergleichlichen Leißausftellung nicht wenig dazu bei,
das Verftändnis für die anmutige Kunft diefes Malers, den ülaagen irrtümlich Jan
Mojtaert getauft hatte, zu fördern, Bulin fagt in feinem Kataloque critique der Brügger
Ausftellung (zu Nr. 93) von diefen Bildern mit Recht, pe ftammten „de sa meilleure
epoque“. Die Madonna war nicht in Brügge ausgeftellt, wohl aber 1904 in Düffel-
dorf von Mr. CI). Sedelmeyer in Paris als „Gerard David“ (Nr. 150). Die Verwechf-
lung Davids mit feinem beften Nachfolger ift verzeihlich- Die malerifche Gleichheit,
die warme Lönung mit dem bräunlichen Fleifd) und dem blühenden Rot fowie die
empfindfame Lieblichkeit der Auffaffung entfcheiden für Ifenbrant, der in einem anderen
Madonnenbilde das ptjende Kind genau wiederholt hat. Diefes zweite, noch größere
Gemälde — gewöhnlich bevorzugt der Meifter ein kleineres Format — wird in der
Sammlung Chillingworth am 5. September d. J. verfteigert werden (wo es 37000 Schwei-
zer Franken gebracht hat- Die Schriftleitung).
Die deutfche Kunft in ihrer kurzen Blüte ift durch die beiden Bilder des Lucas Cra-
nad) fehr fd)ön repräfentiert. Die ftattliche Madonna ftammt aus der 3e^ nad) 1537,
wie von der Signaturform abzulefen ift. Seit 1537 erfd)einen die Drachenflügel des
Cranachfchen Segens mit liegenden Flügeln, bis dahin mit aufrecht hebenden. Das
Porträt des Kurfürften Johann Friedrich ift mit ziemlicher Beftimmtheit in die 3eit um
1530 anzufetjen. Der 1503 geborene Fürft peht jung aus, wenn auch etwas älter als
auf dem Gleimarer Gemälde, das 1526 datiert, ihn als Bräutigam darftellt. Der Louvre
beptjt ein fehr ähnliches Porträt mit dem Datum 1531, das pch imponierend heraus-
hebt aus der großen 3aßl unbedeutender Porträts, die in Cranachs Glerkftatt fabrik-
mäßig von den fädjfifchen Herren angefertigt wurden.
Fjoffentlid) fteigert Ihre Veranftaltung das Intereffe an der primitiven Kunft, die ja
in Fjohand naturgemäß im Schatten fteßt, im Schatten der ungemein breiten und über-
aus glänzenden Produktion des 17. Jahrhunderts. »

Ein unbekanntes Slerk Muri 1 los

Mit einer Tafel

Von AUGUST L. MAYER


ror einigen Glodjen tauchte im Münchner Kunfthandel das Bruftbild eines Beiligen

auf, das fid) bei näherem 3uf^hen als eine unzweifelhaft eigenhändige Arbeit

Murillos erwies. Das Bild (Leinwand 53 cm hod), 41 cm breit), das inzwifcpen
in Berliner Privatbeptj übergegangen ift, kann aus technifd)en Gründen leider nicht
mehr in der von dem Schreiber diefer 3eüen vorbereiteten neuen Auflage des Bandes
„Murillo“ in der Folge der Klaffiker der Kunft abgebildet werden. Daher nehme ich die
Gelegenheit wahr, an diefer Stelle diefe fchöne Arbeit zum erftenmal zu veröffentlichen.
Dargeftellt ift allem Anfd)ein nach der hl- Diego von Alcala, den Murillo in
feinem berühmten frühen 3yklus aus dem Sevillaner Franziskanerklofter befonders ver-
herrlicht hat. Möglicherweife ift das Gemälde nur ein Fragment. Die Malerei ift
außerordentlich kräftig, der Ausdruck befeelt, ohne jede falfche Sentimentalität. 3weifels-
ohne gehört die Arbeit in Murillos frühere Schaffensperiode, d. h- pe ift wohl nach
dem obenerwähnten 3yWus etwa um das Jahr 1650 anzufetjen.

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